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Bunt, laut und noch immer da. Dies ist das 34. Jahr, an dem Schwule und Lesben in Berlin zum Christopher Street Day auf die Straße gehen. Am Sonnabend ist es wieder so weit. 500.000 Menschen werden zur großen CSD-Parade erwartet und 400.000 zum Finale am Brandenburger Tor. Alles Routine also? Nein, das kann man in diesem Jahr wirklich nicht sagen.

Es wirkt eher so, als ob sich hier eine Schlange gehäutet hätte. Der CSD wird wieder politischer, es gibt eine außergewöhnliche Route und flashmobartige Aktionen sind geplant. Aber gefeiert werden soll natürlich auch. Wenigstens das ist wie immer.

Angst in Kreuzberg

5,5 Kilometer – so lang ist in diesem Jahr die Strecke. Nicht ungewöhnlich lang und für die 40 mitfahrenden Wagen natürlich auch kein Problem. Anders sieht das vielleicht in High Heels aus. Aber mitlaufende Tunten und Transen haben in diesem Jahr auch noch ein anderes Problem: Der Umzug beginnt um 12.30 Uhr in Kreuzberg an der Gitschiner Straße/Ecke Prinzenstraße.

Aufgebaut werden die Wagen bis runter zum Kottbusser Tor. „Diese Route hat für Aufregung gesorgt“, sagt CSD-Geschäftsführer Robert Kastl. Manche Tunten und Transen hätten Angst, in Kreuzberg möglicherweise von homophoben Kiezbewohnern verprügelt zu werden. Unzufrieden waren auch Bewohner im Schwulenkiez am Nollendorfplatz.

Hatten sie es doch bei einem Start vor der eigenen Haustür immer so bequem gehabt. Und bei den schwulen Wirten rund um die Motzstraße gab es auch Verstimmung. Sie fürchten, dass ihnen nun die sonst doch immer garantiert guten Tageseinnahmen entgehen.

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Der CSD entschied sich trotzdem für einen Start in Kreuzberg. Vor einiger Zeit haben die vorbereitenden Gruppen in diesem Punkt eine Grundsatzentscheidung getroffen: Es soll jedes Jahr abwechselnd eine Ost- und eine Westroute geben. Dieses Jahr ist der Osten dran. Aber da ist die Verkehrslage komplizierter als in der City West.

Sechs Mal musste die Route geändert werden, weil die mitrollenden Tieflader nicht unter Unterführungen durchgepasst hätten und für Brücken zu schwer gewesen wären, erzählt Martina Kempe, die sich seit Monaten im CSD-Verein mit den Vorbereitungen der Parade beschäftigt.

Martina Kempe ist 43 Jahre alt, seit 2005 mit einer Frau verheiratet und sie findet den CSD in Berlin auch nach 34 Jahren immer noch wichtig. „Für mich war es immer sehr unkompliziert, lesbisch zu sein. Die Familie hat mich unterstützt und in meinem Sportverein war es auch kein Problem“, sagt sie.

Aber Frauen, die einen beruflich Aufstieg wollten, hielten sich immer noch sehr zurück, offen zu ihrer sexuellen Orientierung zu stehen. Es gebe auch immer noch homophobe Übergriffe in Berlin und eingetragene Partnerschaften seien nach wie vor nicht der Ehe gleichgestellt. „Es ist deshalb wichtig zu zeigen, wie groß der CSD ist, damit klar wird, wie viele wir sind“, sagt sie.

Der erste CSD, an dem Martina Kempe teilgenommen hat, fand 1985 statt. Damals war sie 16 Jahre alt und demonstriert wurde vom Breitscheidplatz bis zum Nollendorfplatz. „In Berlin existiert ein riesiges Netzwerk lesbisch-schwuler Initiativen. Ich habe dieses Engagement der Menschen immer sehr genossen und die Angebote genutzt, und irgendwann fand ich, es wäre Zeit, etwas zurückzugeben“, sagt sie. Seit 2005 organisiert sie deshalb die Parade mit.

„Checkpoint Wladimir“

Die diesjährige Demonstration wird bereits seit einem ganzen Jahr vorbereitet. Die Veranstalter hoffen nun vor allem eines: Dass in diesem Jahr nicht nur das Bunte, Laute, Schrille wahrgenommen wird. Schließlich haben sie sich alle Mühe gegeben, die Demonstration wieder weniger kommerziell und dafür politischer zu gestalten.

Das fängt schon bei der Route an. Sie führt an der SPD-Zentrale, am Abgeordnetenhaus und am Bundestag vorbei, um Politiker zum Einsatz für mehr Gleichberechtigung zu bewegen. Das Homo-Mahnmal wird passiert und vor der russischen Botschaft sollen Hunderttausende CSD-Besucher ihren Unmut über homophobe Politik in Russland zum Ausdruck bringen.

Was genau sich hinter dem Titel „Checkpoint Wladimir“ für Aktionen verbergen, ist noch geheim. Schließlich wolle man überraschen, sagt CSD-Geschäftsführer Kastl. Aber einen Zeitpunkt gibt es für die Aktionen bereits: Um 15.30 Uhr soll es vor der Botschaft an der Glinkastraße in Mitte aufregend werden.