Blitze zucken über den Himmel über der Straße des 17. Juni, es regnet wie aus Eimern, knöcheltief waten die Menschen an einigen Stellen durch Pfützen – doch niemandem scheint das schlechte Wetter die Laune zu verderben. Im Gegenteil: Musik dröhnt aus Lautsprechern, die Menschen ziehen die Schuhe aus, tanzen durch die Pfützen – Bunte Regenbogenfarben, Lack, Leder und Konfetti stehen im Kontrast zu tiefgrauen Wolken: Es ist Christopher Street Day in Berlin.

„Mehr von uns – jede Stimme gegen Rechts“ lautet das Motto der diesjährigen Parade, die gegen 13 Uhr am Wittenbergplatz startete – dort noch bei schönstem Sommerwetter. Vom Kurfürstendamm bis hin zum Brandenburger Tor ziehen Tausende Menschen, um für die Rechte sexueller Minderheiten zu demonstrieren. Die Laune ist ausgelassen – vielleicht ein bisschen ausgelassener sogar als sonst. Und das trotz zwischenzeitlicher Regenmassen.

Denn einen Meilenstein hat die LGBT-Bewegung erst kürzlich erreicht: Ende Juni wurde die Ehe für Alle im Bundestag beschlossen. Noch im vergangenen Jahr lautete das Motto der CSD-Parade „Danke für nix“. Damit wandte sich die Kundgebung vor allem gegen die fortbestehende Ungleichbehandlung von gleichgeschlechtlichen Paaren bei Eheschließung und Adoption.

Dennoch – für die Organisatoren und Teilnehmer des 39. Christopher Street Day in Berlin sind viele Forderungen noch offen. So setzen sie sich an diesem Tag beispielsweise für die vollständige Gleichstellung von Regenbogenfamilien oder auch die Anerkennung und Gleichberechtigung nicht nur homo-, sondern auch trans- und intersexueller Menschen, kurz: die Anerkennung aller sexueller Minderheiten auch auf institutioneller Ebene.

Auch der Bundestagsabgeordnete Volker Beck (Bündnis90/Die Grünen) feiert den CSD. Er kämpft bereits seit Jahrzehnten für die Rechte Homosexueller. Bei der Bundesdelegiertenkonferenz Mitte Juni hatte er dafür gesorgt, dass seine Partei die „Ehe für alle“ als Bedingung für eine Regierungsbeteiligung ins Wahlprogramm schrieb. Ebenfalls mit von der Partie sind der Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir (Bündnis90/Die Grünen) und Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke).

Ursprünglich kommt der Christopher Street Day aus New York. Im „Stonewall Inn“, einem Club in der Christopher Street protestierten im Jahre 1969 Homosexuelle gegen die Willkür der Polizei. Der heute 72-jährige Bernd Gaiser organisierte zehn Jahre später den ersten CSD in Berlin – und damit auch den ersten CSD außerhalb der USA.

Was 1979 als kleiner Protestzug von 500 Teilnehmern begann, hat sich mittlerweile zu einer regelrechten Party ausgewachsen – und nicht jeder findet das gut. Die Veranstalter haben den Zug daher in einen „leisen“ und einen „lauten“ Block eingeteilt – wer keine Lust auf die großen Trucks mit dröhnenden Bässen hat, läuft etwas stiller im ersten Teil des Zuges mit.

Unter den 60 angemeldeten Wagen ist dieses Jahr zum ersten Mal auch ein Wagen der evangelischen Kirche mit dabei. Was dafür fehlt: Ein Wagen aus Potsdam. Erstmals seit zehn Jahren habe das Brandenburger Sozialministerium keine Fördermittel für einen Wagen auf dem CSD bereitgestellt, sagte Carsten Bock vom Projekt Gaybrandenburg den „Potsdamer Neuesten Nachrichten“.

Sozialstaatssekretärin Almuth Hartwig-Tiedt bestätigte dies. Hintergrund sei, dass es im Laufe dieses Jahres erneut Unregelmäßigkeiten in der Buchführung des Vereins „Katte – Kommunale Arbeitsgemeinschaft Tolerantes Brandenburg“ gegeben habe, unter dessen Dach Gaybrandenburg arbeitet.

Zwischen 15 und 18 Uhr schließlich endet der Zug am Brandenburger Tor – die Party aber geht weiter. Dort – und an zahlreichen anderen Orten in der Stadt wie beispielsweise auf der offiziellen Unity Pride Party im Funkhaus Berlin oder auf der LIQUID Lesbian Party im Musik & Frieden. (mit dpa)