Berlin - Mit einer großen Straßenparade durch Berlin wollen Schwule und Lesben an diesem Samstag (22.6.) für mehr Toleranz in der Gesellschaft werben. Zum traditionellen Christopher Street Day (CSD)werden wieder rund eine halbe Million Zuschauer erwartet. Das Motto des Umzugs lautet diesmal „Schluss mit Sonntagsreden“. Zu den CSD-Forderungen gehören eine rechtliche Gleichstellung von Regenbogenfamilien, eine Trennung von Kirche und Staat sowie ein Ende jeglicher gesellschaftlicher Ausgrenzung.

Das bunte Spektakel bewegt sich zum 35. Mal durch die Hauptstadt - und war lange nicht mehr so politisch. Die CDU, im Land Berlin Regierungspartei, darf in diesem Jahr mit keinem eigenen Wagen mitfahren. Wegen ihres Kurses bei der Gleichstellung von Schwulen und Lesben waren die Christdemokraten im Vorfeld von den Veranstaltern vom Umzug ausgeschlossen worden. Die Entscheidung hatte parteiübergreifend Kritik ausgelöst, auch der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) distanzierte sich.

Allerdings wird die LSU, die Untergruppe der Schwulen und Lesben in der Union, beim Umzug mit einem Wagen dabei sein. So hätten auch Unions-Anhänger die Möglichkeit, an der Parade teilzunehmen, sagte Robert Kastl, Geschäftsführer des Berliner CSD e.V. „Wir haben keine Menschen, sondern eine Partei ausgeschlossen.“ Der CDU-Landesvorsitzende und Innensenator Frank Henkel wird allerdings nicht an der Parade teilnehmen, wie eine Parteisprecherin auf Anfrage erklärte. 2012 hatte Henkel am CSD teilgenommen.

Konsens gibt es bei den meisten CSD-Teilnehmern, wenn es um den Protest gegen die aktuelle Situation in Russland geht: Mitte Juni wurde in der Duma der Gesetzentwurf gegen "Homosexuellen-Propaganda" verabschiedet, der öffentliches Reden über Schwule und Lesben vor Jugendlichen unter Geldstrafe stellt.

Als LGBT-Aktivisten vor dem Parlament in Moskau gegen das umstrittene Gesetz demonstrierten, wurden sie gewohnt hart von der Moskauer Polizei angegangen. Ein Bezirksgericht in Moskau hat außerdem102 CSD-Anträge bis ins Jahr 2112 abgelehnt.

Der CSD Berlin hat 30 Aktivisten aus Russland zur diesjährigen Demonstration eingeladen, um für deren Mut und Durchhaltevermögen zu danken. Außerdem wird der Berliner Club GMF seinen Parade-Truck (Wagennummer 21) mit dem Motto "Revolution! Queer durch Russland" auf die Strecke schicken.

Die CSD-Parade bildet den traditionellen Höhepunkt der queeren Festwochen in Berlin, die am vergangenen Wochenende mit dem 21. Schwul-Lesbischen Stadtfest in Schöneberg begonnen hatten.

Eröffnet wird der Umzug am Sonnabend am Kranzler-Eck auf dem Kurfürstendamm. Um 12.30 Uhr will der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) dort das regenbogenfarbene Startband zerschneiden. Fast 50 Wagen und dutzende Fußgruppen werden anschließend über Wittenbergplatz, Nollendorfplatz, Großer Stern und Straße des 17. Juni bis zum Brandenburger Tor ziehen. Dort findet am frühen Abend die Abschlusskundgebung mit politischen Reden und einem Bühnen- und Musikprogramm statt.

Bereits am Vorabend leiten zwei Gottesdienste den CSD ein: Erstmals wird zu einem christlich-jüdischen Gottesdienst in die St. Marienkirche auf dem Alexanderplatz eingeladen. Daran wollen am Freitagabend auch Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) und Generalsuperintendentin Ulrike Trautwein teilnehmen, teilte der evangelische Kirchenkreis Berlin-Stadtmitte am Donnerstag mit.

Außerdem lädt die evangelische Trinitatiskirche in Berlin-Charlottenburg zu einem ökumenischen Gottesdienst anlässlich des CSD ein. Vorbereitet wird der Gottesdienst von der Ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche.

Berlin sei eine Stadt der religiösen und konfessionellen Vielfalt, erklärte der Superintendent von Stadtmitte, Bertold Höcker, als Initiator des Gottesdienstes in der Marienkirche. Dabei verwies er darauf, dass die evangelische Landeskirche und die Jüdische Gemeinde als einzige Religionsgemeinschaften Mitglieder des Berliner Bündnisses gegen Homophobie seien.

Der CSD-Umzug erinnert an einen Aufstand von Homosexuellen gegen Polizeirazzien 1969 in der Christopher Street in New York. Seitdem gehen Schwule, Lesben, Bi- und Transsexuelle jedes Jahr weltweit für ihre Rechte auf die Straße. In Deutschland gibt es die größten Paraden in Berlin und Köln. 2012 waren zum Berliner CSD rund 700.000 Menschen gekommen. (BLZ/dpa)