Modernisieren durch zerstören – diesem Verfahren wurde die alte Berliner Mitte mehr als 150 Jahre lang unterzogen. Die Methode steht exemplarisch für das 20. Jahrhundert. Was diktatorische Regimes ein ums andere Mal der Stadt antaten, das setzten demokratisch gesinnte Volksvertreter fort. Was nicht in die neuen Zeiten passte, musste weichen. Berlin exekutierte in extremen Formen, was auch in anderen Metropolen wie London, Paris oder Wien im Schwange war. Da die Stadt im 19. Jahrhundert mit der Modernisierung spät dran war, ging sie das Zerstörungswerk umso energischer und geschichtsvergessener an.

Wie das geschah und mit welchen Folgen, das macht das jüngste Buch des Stadthistorikers Benedikt Goebel, einer der besten Kenner der Materie, in erschütternder Weise deutlich. Das Buch „Mitte! Modernisierung und Zerstörung des Berliner Stadtkerns 1850 bis zur Gegenwart“ fesselt mit einer Vielzahl von Fotos, Karten, Plänen und Skizzen.

Kurze, wissenspralle Texte gliedern und chronologisieren die Geschichte der schrittweisen Entleibung, für die der Autor immer wieder schmerzlich zutreffende Sätze findet, wie diesen: „Berlin gleicht einem Patienten, dessen Ärzte sich im 19. und 20. Jahrhundert in fliegender Hast abwechselten, fortlaufend Gliedmaßen amputierten und solche Feinheiten wie Straßen und Häuserreihen gerne mit dem Raupenbagger abrasierten. Seit den 1980er-Jahren gibt es eine Gegenbewegung, nun werden Häuser wie Porzellankronen in Berlins zahnlose Kiefer geschraubt und Gliedmaßen angenäht – ohne dass Berlin heil oder gar schön genannt werden könnte.“ In der Tat, um Schönheit, um eine Stadt, in der sich Menschen wohlfühlen, die sie mit Freude und Gewinn nutzen, darum ging es nie.

Freiheit für die Automobile

Doch der Reihe nach: Das Kaiserreich beförderte gründerzeitliches Wachstumsstreben, legte alte Viertel nieder, schuf Straßendurchbrüche für die neuen Transportbedürfnisse der explosionsartig wachsenden Stadt. „Das altmodische Kleid ist schon jetzt gleichsam dem großgewordenen Kinde zu eng geworden“, zitiert Goebel den Verkehrsplaner des Magistrats Ernst Bruch: „Dem Kinde muss ein neues Kleid gegeben werden.“ Das alte riss man in Fetzen vom Leibe: 125 Jahre später standen von den etwa 1600 Bauten, die es um 1850 im Stadtkern gab, noch 25.

Bis 1910 wuchsen monumentale Bauten – Börse, Rotes Rathaus, Oberpostdirektion. In jenem Jahr war, so Goebel, die Hochphase dieses Stadtumbaus abgeschlossen, eine „zeitgemäße Innenstadt“ errichtet. Sein Fazit an dieser Stelle: „Eine moderne Planungs- und Ordnungsbegeisterung, die auf eine einheitliche Neugestaltung ganzer Stadtregionen unter besonderer Berücksichtigung des Verkehrs abzielte, hatte Oberhand gewonnen über die traditionelle städtebauliche Ästhetik.“ Zeitgenossen empfanden das Erreichte als „Gleichgewicht zwischen Tradition und Moderne“. Doch die Modernisierungsgier wollte mehr.

„Arisierung“ jüdischer Grundstücke

Die Weimarer Zeit hegte hochfliegende Pläne, die das weitere Plattmachen des Alten gedanklich vorwegnahm. Bauhaus-Vertreter wie Ludwig Hilbersheimer, delirierten utopisch-totalitäre Stadtentwürfe mit Wohnscheiben. Schreckensszenarien, deren Umsetzung Geldmangel und Rechtsstaat verhinderten. Doch es hätte den Ideen des viel verehrten schweizerisch-französischen Architekten Le Corbusier entsprochen, der schrieb: „Wohin eilen die Automobile? Ins Zentrum! Es gibt keine befahrbare Fläche im Zentrum. Man muss sie schaffen. Man muss das Zentrum abreißen.“ Rathauspassagen und Liebknechtriegel lehnen sich an diese Gedanken an.

Enthemmt legten dann die umbauwütigen Nationalsozialisten los. Was sie nicht niederrissen, erledigten Bombenkrieg und die Kämpfe der letzten Kriegswochen 1945.

Ein spezielles Kapitel der nationalsozialistischen Stadtumgestaltung stellt die „Arisierung“ jüdischer Grundstücke dar – der Raub erleichterte die großflächige Umgestaltung. Fortan störten Ansprüche von Eigentümern die Großraum-Pläne nicht, das blieb auch nach 1945 so und es gilt – Schande über die Stadt – bis heute: „Im Berliner Stadtkern sind nach 1990 nur drei unbebaute und zwölf bebaute ehemals jüdische Grundstücke rückübertragen worden“, weiß Goebel, „die anderen 210 geraubten Grundstücke verblieben im Besitz des Bundes und des Landes Berlin – ihre Alteigentümer wurden nur zu einem Bruchteil des Marktwertes der 1990er-Jahre entschädigt.“ In dieser Sache kann keinesfalls das letzte Wort gesprochen sein.

Die DDR war abzuräumen

In der entleerten Mitte blieb es bis 1965 ruhig, dann setzte die DDR zum nächsten Schlag an. Dekonstruierte Mitte nennt Goebel dieses Kapitel, das von der Totalumgestaltung mit dem heute sichtbaren Ergebnis berichtet. Entlang der Trasse Leipziger Straße, vorbei an der traurigen Brache um die Petrikirche bis zum nicht mehr erkennbaren Molkenmarkt und zum Alexanderplatz feiert die autogerechte Stadt einen ihrer größten Triumphe.

Im Stadtkern keine Spur mehr von Stadt, sondern leere Fläche, menschenarm und gefährlich, sobald es kalt wird oder regnet, wie Christian Müller, Vorsitzender des Bürgerforums Berlin in seinem Vorwort schreibt. Eine traurige Grünanlage, überragt vom Fernsehturm, flankiert von fast 200 Meter langen Häuserscheiben als verkappte Via Triumphalis. Die Halbwertzeit dieser politisch motivierten Ästhetik war kurz – 1978 kam das Umsteuern. Das Nikolaiviertel zeugt vom Wiedererwachen des Wunsches nach traditioneller Stadt, nach Häusern und Straßen – nach Geschichte.

Heute stehen wir vor der fragmentierten Mitte, der auch nach der Wende mit der Abrissbirne zugesetzt wurde – abermals stark politisch motiviert: Die DDR war abzuräumen: Ahornblatt, Palast der Republik, Außenministerium. Neubauten ohne Sinn, Verstand und Konzept entstanden: DomAquarée, Riesenparkhaus – irgendwas irgendwie Hingebautes.

Nutzung ist möglich!

An dieser Stelle hat der Autor das Faktenfundament gelegt, um sich mit Kenntnis der Frage zuzuwenden: Wie weiter? Wie kann die potenzielle Mitte aussehen? Muss Modernisierung immerfort Zerstörung bedeuten? Ist ein menschlicher Stadtkern möglich? Gar – man denke! – Verschönerung? Kann der bereits 1890 von Stadtplaner James Hobrecht beklagte „Abriss-Fanatismus“ überwunden werden? Hobrecht führte das Problem seinerzeit auf Schwäche und innerlich mangelndes Selbstbewusstsein der Stadtgestalter zurück. Hat sich denn seither gar nichts geändert?

Das Buch ist ein großer, eindrucksvoller Appell an die Bürger Berlins: Schaut auf diese Stadt! Kümmert Euch um sie statt sie fortwährend zu malträtieren. Derzeit kann man wohl nun hoffen, dass so schnell keine neuen, schwerwiegenden Fehlentscheidungen getroffen werden. Benedikt Goebel jedenfalls gibt die Hoffnung nicht auf, es könnte „der Stadtkern so entwickelt werden, dass er nicht nur Raum für das Potenzial seiner Bewohner bietet, sondern auch Raum für nachhaltiger Nutzung lässt“. Leere als Chance. Andere Städte wie Dresden oder Frankfurt am Main haben sich für die alt-neue Quartiere im Menschenmaß entschieden.

Benedikt Goebel, Mitte! Modernisierung und Zerstörung des Berliner Stadtkerns von 1850 bis zur Gegenwart, Lukas Verlag Berlin 2018, 157 Seiten, 190 Abbildungen, 19,80 Euro