Chronologie zum Volksentscheid : Das Tempelhofer Feld bleibt frei

00.00 Uhr. Wie die Landeswahlleitung mitteilte, setzte sich der Gesetzentwurf der Bürgerinitiative „100% Tempelhofer Feld“ nach Auszählung von 98 Prozent der Stimmen deutlich mit 64,3 Prozent durch. Er wird nun Gesetz. Auch die Wahlbeteiligung war dafür hoch genug. Den Gesetzentwurf des Abgeordnetenhauses für eine Bebauung lehnten 59,2 Prozent ab.

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23.30 Uhr. Auf dem Tempelhofer Feld wird der Sieg des Volksentscheids gefeiert. Herein kommt allerdings schon seit dem Sonnenuntergang niemand mehr. Die Tore sind zu, man kommt nur noch hinaus.

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23.13 Uhr.Die Berliner wählen in Ost und West auch 25 Jahre nach dem Mauerfall vor allem bei zwei Parteien immer noch sehr unterschiedlich: Bei der CDU und bei der Linken. Die CDU erzielte bei der Europawahl im Westen auf Basis von 98,2 Prozent der ausgezählten Stimmen 23,7 Prozent und im Osten der Stadt 14,1 Prozent. Dennoch straften die Wähler die CDU im Westen mit minus 6,2 Prozent deutlich stärker ab als im Osten (-0,6 Prozent).
Umgekehrt stellt es sich für die Linke dar: Sie kam im Westen nur auf 9,7 Prozent, verbesserte sich dort aber zugleich um 4,1 Punkte. Im Osten stimmten 26,9 Prozent der Wähler für sie, ein Minus von 3,4 Prozent.
Die euroskeptische Alternative für Deutschland fand auf Anhieb fast gleich viele Anhänger im Westen (7,7 Prozent) wie im Osten (8,3 Prozent).
Auch die SPD und die Grünen sind im Westen wie im Osten fast gleich stark, werden aber beide mehr im Westen gewählt. Die Punkte, die die CDU im Westen verlor (-6,2), konnte die SPD an Plus verbuchen (+6,1).
Die Wahlbeteiligung lag mit 49,4 Prozent im Westen deutlich höher als im Osten (42,9 Prozent)

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22.14 Uhr. Bei dem Volksentscheid stimmten am Sonntag 666.523 Wähler (64,5 Prozent) für den Gesetzentwurf einer Bürgerinitiative. Wie die Landeswahlleiterin am Abend nach Auszählung von 91,4 Prozent der Stimmen mitteilte, erhielt der konkurrierende Entwurf des Abgeordnetenhauses für eine Bebauung nur 418.825 Stimmen (40,5 Prozent) und verfehlte damit klar das notwendige Quorum von rund 622.785 Ja-Stimmen.

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21.55 Uhr. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) will nach der Ablehnung der Randbebauung des Tempelhofer Feldes beim Volksentscheid nun an anderen Orten Wohnungen bauen. „Der Volksentscheid zum Tempelhofer Feld hat ein klares Ergebnis, das akzeptiert werden muss“, erklärte Wowereit am Sonntagabend. „Es ist bedauerlich, dass eine moderate Randbebauung im Interesse des Wohnungsbaus nun nicht möglich ist. Aber der Bürgerwille gilt und dieses Votum darf nicht in Frage gestellt werden. Alle anderen Planungen sind einzustellen.“ Der Senat werde nun an anderen Orten weiter versuchen, Wohnungen für alle Einkommensgruppen zu bauen. Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) sagte: „Die Berlinerinnen und Berliner haben sich entschieden. Das nehme ich mit Respekt zur Kenntnis. Dennoch bedaure ich die vergebene Chance, 4700 dringend in der Innenstadt benötigte städtische Wohnungen auch für kleine und mittlere Einkommen bauen zu können.“

Grünen-Fraktionschefin Antje Kapek sagte im RBB, der rot-schwarze Senat habe in der Stadtentwicklungspolitik eine Klatsche bekommen.

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21.27 Uhr. Wie die Landeswahlleitung mitteilte, setzte sich der Gesetzentwurf der Bürgerinitiative „100% Tempelhofer Feld“ nach Auszählung von fast 83 Prozent der Stimmen deutlich mit 64,5 Prozent durch. Auch die Wahlbeteiligung war hoch genug.

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21.16 Uhr. Die Sozialdemokraten kamen auf 24,1 Prozent, wie die Landeswahlleiterin nach Auszählung von 91,5 Prozent der Stimmen mitteilte. Die Sozialdemokraten legten nach ihrem historischen Tiefstand von 2009 um 5,3 Punkte zu. Die CDU, die damals noch die Europawahl gewann, rutschte mit einem deutlichen Minus von 4,3 Punkten auf Platz zwei und erreichte 20,0 Prozent der Wählerstimmen. Auch die Grünen mussten Verluste hinnehmen. Sie büßten Platz zwei ein und wurden mit 19,1 Prozent drittstärkste Kraft (minus 4,5).
Die Linke legte leicht zu und erreichte 16,2 Prozent (plus 1,5 Punkte).
Die eurokritische Alternative für Deutschland (AfD), die erstmals zur Europawahl antrat, schaffte 8,0 Prozent. Den größten Verlust musste die FDP mit minus 5,9 Punkten hinnehmen. Die Liberalen schaffen nur noch 2,8 Prozent. Die Piraten konnten ihr Ergebnis von 2009 mehr als verdoppeln, sie landeten bei 3,3 Prozent der Stimmen.
Laut Landeswahlleiterin gingen deutlich mehr Menschen zu den Wahlurnen als noch 2009, fast jeder zweite Berliner stimmte ab. Die Wahlbeteiligung lag nach bisherigen Angaben bei 46,6 Prozent. Das waren 11,5 Prozentpunkte mehr als bei der Europawahl vor fünf Jahren. Nur bei der Europawahl 1994 waren mit 53,5 Prozent noch mehr Berliner an die Wahlurnen gegangen.

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21.10 Uhr. Der ehemalige Berliner Flughafen Tempelhof bleibt nach einem Zwischenergebnis des Volksentscheids unbebaut. Wie die Landeswahlleitung am Sonntag mitteilte, setzte sich der Gesetzentwurf der Bürgerinitiative „100% Tempelhofer Feld“ nach Auszählung von 75 Prozent der Stimmen deutlich mit 64,5 Prozent durch. Auch die Wahlbeteiligung war hoch genug. Bislang wird das riesige Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof als Park für Erholung und Sport genutzt. Die rot-schwarze Landesregierung wollte an drei Rändern des Feldes Wohn- und Gewerbegebäude errichten. Das wollte die Bürgerinitiative mit dem Volksentscheid verhindern.

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20.15 Uhr. Nach Auszählung von knapp zwei Drittel der Stimmen konnten die Sozialdemokraten auf 23,7 Prozent zulegen (plus 4,9 Punkte). Auf Platz zwei liegt derzeit die CDU mit 19,8, Prozent, gefolgt von den Grünen mit 19,2 Prozent. Die Linke kommt demnach auf 16 Prozent. Die eurokritische Alternative für Deutschland (AfD), die erstmals zur Europawahl antrat, kam nun auf 8,3 Prozent. Die FDP sackte dramatisch um 5,8 Punkte auf 2,9 Prozent ab. Die Piraten legten auf 3,3, Prozent der Stimmen zu. Bei der Europawahl 2009 war die CDU mit 24,3 Prozent stärkste Kraft in Berlin geworden.

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19.45 Uhr. Das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg schätzt die Wahlbeteiligung bei der Europawahl und beim Volksentscheid in Berlin auf 46 Prozent. Beim Volksentscheid müssten rund 54 Prozent der Teilnehmer mit Ja stimmen, damit ein zur Abstimmung stehender Gesetzentwurf angenommen ist. Das Quorum für die Annahme eines Gesetzentwurfes – ein Viertel der Wahlberechtigten – liegt bei 622.785 Stimmen.

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19.34 Uhr. Die SPD ist in Berlin überraschend stärkste Kraft bei der Europawahl geworden. Nach einer ersten Prognose der Landeswahlleiterin folgen auf den weiteren Plätzen die Grünen knapp vor der CDU. Nach einer ersten Hochrechnung der Landeswahlleiterin kam die SPD nach ihrem historischen Tiefstand von 2009 dieses Mal auf 22,9 Prozent (plus 4,1 Prozentpunkte). Auf Platz zwei kamen am Sonntag demnach die Grünen mit 20,0 Prozent. Sie büßten aber 3,6 Punkte ein. Die CDU, die 2009 in Berlin noch stärkste Kraft bei der Europawahl wurde, sackte auf 19,7 Prozent und rutschte damit auf Platz drei.

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19.20 Uhr. Die Union erreicht nach den Prognosen von ARD und ZDF 35,7 Prozent - etwas weniger als bei der Europawahl 2009 (37,9) und deutlich weniger als bei der Bundestagswahl (41,5). Die SPD verbessert sich auf 27,2 Prozent - sie hatte 2009 mit 20,8 Prozent ihr schlechtestes Europawahlergebnis eingefahren und liegt nun auch besser als bei der Bundestagswahl (25,7). Die Grünen verlieren leicht auf 10,7 bis 10,9 Prozent (12,1). Die Linke erreicht 7,5 Prozent (7,5). Die FDP stürzt wie zuvor schon bei der Bundestagswahl nun auch auf EU-Ebene in der Wählergunst ab und kommt nur auf 3,2 Prozent (11,0). Die AfD schafft es bei ihrer ersten Europawahl gleich auf 6,8 Prozent - ein wichtiger Erfolg auch mit Blick auf die nächste Landtagswahl Ende August in Sachsen, bei der die neue Partei ihre Position in der deutschen Politik verankern will.

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18.40 Uhr. Die Initiative "100 % Tempelhofer Feld" hat ausgerechnet, dass sie 58 Prozent Zustimmung bräuchte, um mit dem Volksentscheid erfolgreich zu sein.

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18.23 Uhr. Nach einer Schätzung der Landeswahlleiterin gab bis 18 Uhr mit 46 Prozent fast jeder zweite Berliner seine Stimme ab. Bis 16 Uhr machten 36,2 Prozent der rund 2,52 Millionen Wahlberechtigten ihre Kreuze für die Europawahl und den Volksentscheid zum Tempelhofer Feld.

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18.11 Uhr.Die Union hat die Europawahl trotz Verlusten gewonnen. Nach den ersten Prognosen von ARD und ZDF kommt sie auf 36 Prozent. Die SPD legt auf 27,5 Prozent zu. Die eurokritische AfD schafft mit 6,5 Prozent den Einzug ins Europaparlament. Die Grünen verlieren leicht auf 10,5 bis 11 Prozent (12,1). Die Linke erreicht 7,5 bis 8 Prozent (7,5). Die FDP stürzt wie zuvor schon bei der Bundestagswahl nun auch auf EU-Ebene ab und kommt nur auf 3 Prozent (11,0). Die AfD schafft es bei ihrer ersten Europawahl gleich auf 6,5 Prozent - ein wichtiger Erfolg auch mit Blick auf die nächste Landtagswahl Ende August in Sachsen, bei der die neue Partei ihre Position in der deutschen Politik verankern will.

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18.09 Uhr. Bei der Europawahl haben an diesem Sonntag in Berlin weit mehr Menschen abgestimmt als vor fünf Jahren. Die Wahlbeteiligung lag nach einer ersten Schätzung bei 46 Prozent, wie der RBB am Abend aus dem Landesamt für Statistik berichtete. Das waren fast 11 Prozentpunkte mehr als 2009, als insgesamt 35,1 Prozent der berechtigten Berliner an die Wahlurnen gingen. Rund 2,5 Millionen Einwohner konnten zugleich über den Volksentscheid zur Zukunft des stillgelegten Flughafengeländes Tempelhofer Feld abstimmen. Bei der Europawahl 2009 lag die CDU mit 24,3 Prozent knapp vor den Grünen mit 23,6 Prozent. Die SPD kam auf 18,8 Prozent.

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18 Uhr. Die Wahllokale schließen. Jetzt wird ausgezählt.

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17.36 Uhr. Im Nachbarschaftsheim in der Urbanstraße in Kreuzberg hat sich eine 15-Mann-lange Schlange gebildet. Am liebsten wären alle länger in der Sonne geblieben. Kurze Zeit später stehen schon 20 Leute an. "Es gab nur mal einen Leerlauf von fünf Minuten", sagt die Wahlhelferin. Seit morgens war immer Betrieb. Manche mussten eine halbe Stunde in der Schlange stehen.

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17.28 Uhr. Insgesamt wählt Berlin in 1709 Berliner Wahllokalen.

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Kurz nach 17 Uhr: Ein Herr mittleren Alters betritt das Wahllokal am Arkonaplatz in Mitte. Er trägt einen schon etwas älteren Nadelstreifenanzug und in der Hand hält er bauchiges Glas voll mit Weißwein. Nach Wein riecht er auch. Er erhält sämtliche Wahlunterlagen und entschwindet mit seinem Weißweinglas in der Wahlkabine. Nach einer Minute kommt er wieder hervor, wirf die Wahlscheine in die Urne. Dann stellt er sich vor die am Tisch sitzenden Wahlhelfer, erhebt sein Glas und ruft in salbungsvollem Ton: "Ich möchte Ihnen allen danken, Sie haben sich sehr um die Demokratie verdient gemacht." Und schon ist er weg. Erst da fragen sich die Wahlhelfer, ob man eigentlich Alkohol mit in die Wahlkabine nehmen darf. Eine Antwort darauf weiß erst einmal keiner.

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17 Uhr.Theodor-Storm-Grundschule in Neukölln: Etwa fünf Leute stehen hier noch in der Schlange. Keiner redet über Europa, alle reden übers Tempelhofer Feld. "Wieso gibt´s denn hier nur eine Kiste für beide Zettel", fragt jemand. "Wir haben nur eine bekommen, das wird wohl ein langer Abend", sagt eine Wahlhelferin.

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16.21 Uhr. Reger Betrieb am Wahllokal am Körnerpark. Glückliche Wahlhelfer berichten über hohe Wahlbeteiligung.

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16 Uhr. Die Wahlbeteiligung in Berlin lag um 16 Uhr bei 36,2 Prozent und damit um 11,1 Prozentpunkte höher als bei der letzten Europawahl 2009 (25,1 Prozent). In den Wahlbezirken rund um den Flughafen Tempelhof beteiligten sich sogar 44,5% der Wahlberechtigten.

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15.52 Uhr.Eine kleine Schlange hat sich im Wahllokal 605 in der Quentin-Blake-Grundschule am Hüttenweg in Dahlem gebildet. "Das ist seit dem Morgen ein stetiger Fluss", sagt der freiwillige Helfer, der die Wahlunterlagen entgegen nimmt. Er rechnet mit einer Wahlbeteiligung von 50 Prozent.

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15.00 Uhr. In einem Wahllokal in Berlin-Kreuzberg sind am Nachmittag zwischenzeitlich die Stimmzettel ausgegangen. Das bestätigte die Geschäftsstelle der Landeswahlleiterin. Rund 30 Minuten lang konnte in der Reinhardswald-Schule in der Gneisenaustraße nicht gewählt werden. Gegen 14.45 Uhr war der letzte Stimmzettel aufgebraucht. Eine beim Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg in der Frankfurter Allee angeforderte neue Fuhre kam um 15.15 Uhr an. Der Grund für den Zwischenfall war unbekannt.

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14.45 Uhr. Ui. Hier ist die Schlange ja länger als zur Bundestagswahl und zum Energietisch. Im Gesundheitsamt (schon seit dem Volksentscheid zum Energietisch im November ist das Gebäude hinter einem Gerüst versteckt) in der Urbanstraße in Kreuzberg stehen zehn Menschen in der Schlange und warten darauf, ihre Kreuzchen setzen zu dürfen. Drei Paar Turnschuhe (rot, weiß, schwarz) gucken hinter dem Sichtschutz der Wahlurnen hervor. Viele junge Leute stehen hier. "Es haben schon 697 Leute von 1600 gewählt", sagt die Wahlhelferin. "Das ist etwas weniger als die Hälfte." Kein so schlechter Schnitt. In drei Stunden schließen die Wahllokale.

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14.35 Uhr. Der klügere Wahlvorstand sorgt vor. Damit die Sache nicht allzu nervt, wenn es nach 18 Uhr ans Auszählen geht, haben die Wahlhelfer in der Stavanger Straße 26, im hellen Speisesaal eines Seniorenstifts, gleich zwei Urnen aufgestellt: eine für Tempelhof, eine für Europa. Zwei freundliche, aber strenge Urnenwächterinnen sorgen mit handbeschrifteten Pappen dafür, dass kein Zettel in die falsche Urne fällt. „Manche falten beide sogar ineinander“, rügt eine Dame das unpraktische Wahlverhalten unbedachter Mitbürger. Wer lesen kann, ist gewarnt: Bereits in der Kabine mahnt eine Notiz ans zwiefache Falten. Ein Wähler hat darunter geschrieben: „Wie genau?“ Eine schriftliche Antwort gibt es bislang nicht. Etwa 25 Prozent der Leute hatten gegen halb drei hier schon ihre Stimme abgegeben.

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14.30 Uhr. „Wissen Sie auch, worauf es ankommt?“, fragt ein Mann beim Herausgehen die Wähler, die im Wahllokal an der Dillenburger Straße in Wilmersdorf anstehen. „Ich glaube schon“, sagt einer aus der Warteschlange. In den Wahlkabinen in Charlottenburg-Wilmersdorf brauchen die Wähler mitunter mehrere Minuten, bis sie ihre Kreuze gesetzt haben. Neben dem Stimmzettel für die Europawahl und den Volksentscheid zum Tempelhofer Feld dürfen die Einwohner des City-Bezirks auch noch über das Bürgerbegehren über die geplante Bebauung der Kleingartenkolonie Oeynhausen entscheiden.

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14.15 Uhr. Immer mehr Menschen strömen aufs Tempelhofer Feld. Sie schleppen ihre Grills, Salate und Bierkisten aufs Gelände. Überall riecht es nach Grillfleisch. Gitarrenspieler, Skater, Drachenflieger - es herrscht buntes Treiben auf dem Gelände. Überall liegen Menschen auf der Wiese, spielen Fußball oder tanzen. Auf der Seite des Columbiadamms haben junge Menschen ein mobiles Soundsystem aufgebaut.

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14.10 Uhr. Auf dem Weg zum Schöneberger Wahllokal kommt einem die Nachbarin entgegen. Ob sie schon gewählt habe, natürlich längst, per Briefwahl, das mache freier von Terminen. Überhaupt, die Freiheit! "Ihr habt doch hoffentlich für das Feld gestimmt...?" platzt es gleich aus ihr heraus. Dafür, dagegen, das sei ja diesmal nicht so leicht, antworten wir, denn gegen die Senatspläne zu sein hieße ja nicht gleichzeitig, grundsätzlich gegen eine Randbebauung zu sein. "Aber der Baulärm! Denkt nur, was für eine nervtötende Dauerbaustelle dort entstehen würde!" Denn darin sei Berlin ja gut, im Nicht-fertig-werden. Ein Argument, das ausnahmsweise noch nirgends zu lesen war dieser Tage.

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14 Uhr. Schlange stehen im Wahllokal in der Kreuzberger Reinhardswald Grundschule in der Gneisenaustraße: Das Tempelhofer Feld ist nicht weit von hier und für viele im Kiez so etwas wie ein riesiger Vorgarten. Wer hier wohnt, geht dort joggen, grillen, den Hund laufen und die Seele baumeln lassen. "Mehr als 500 Leute haben schon abgestimmt", sagt der Wahlhelfer, der neben der Urne sitzt. "Von anderen Wahlen weiß ich: Das ist viel um diese Zeit." Ein junger Mann gibt seinen Stimmzettel ab, dann steigt er auf sein Fahrrad, Freunde warten auf dem Tempelhofer Feld, das Proud Magazin hat zu einer Open Air Party am Basketballplatz eingeladen: "Tempelhof retten und tanzen". Wer ein Foto vom Wahlzettel mitbringt, bekommt einen Kurzen.

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13.55 Uhr. Schönes Wetter führt normalerweise zu niedriger Wahlbeteiligung. In Friedrichshain war davon nichts zu merken. “Wir hatten sogar mittags Schlangen “, sagte ein Wahlhelfer in der Kita Koboldexpress in der Kinzigstraße.

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12.10 Uhr. Trotz herrlichen Sommerwetters ist die Doppel-Wahl am Sonntag in Berlin auf reges Interesse gestoßen. Bis zum Mittag beteiligten sich mehr Menschen an der Europawahl und dem Volksentscheid zum Tempelhofer Feld als 2009, wo nur die Entscheidung über das Europaparlament anstand. Bis 12 Uhr hatten 17,5 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben, wie die Landeswahlleiterin Petra Michaelis-Merzbach mitteilte. Vor fünf Jahren waren es zum gleichen Zeitpunkt 10,2 Prozent. Der Bezirk mit der höchsten Wahlbeteiligung am Vormittag war mit 21,0 Prozent Steglitz-Zehlendorf. Schlusslicht war Marzahn-Hellersdorf mit 14,2 Prozent. Besondere Vorkommnisse wurden nicht gemeldet.

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12.05 Uhr. Im Wahllokal in der Insulaner-Grundschule in Steglitz bildet sich kurz nach 12 Uhr eine Schlange vor den beiden Wahlkabinen. Die Kirche ist aus und der katholische Pfarrer hat seine Schäfchen gerade noch ermahnt, ihre Stimme abzugeben. Hätten die meisten aber auch so gemacht. Vor dem Wahllokal loten einige Nachbarn die Stimmung untereinander aus. Und stellen überrascht fest, dass die Mehrzahl jener, die hier gerade wählte, für die Tempelhof-Initiative gestimmt hat. Die Europawahl ist kein Thema.

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11.20 Uhr. Im Samariterkiez in Friedrichshain wird diesmal nicht in einer Schule oder einem Seniorentreff gewählt, sondern in einer Bowlingbahn. Draußen vor dem Wahllokal 507 stehen Gartentischchen mit Aschenbechern und Blümchen, aber auch ein Polizeiwagen. Doch der Beamte ist nicht etwa zum Einsatz gerufen worden, sondern er will wählen. Drinnen eine Wand voller Schnapswerbung, davor drei Wahlkabinen. Es ist 11.23 Uhr, und es herrscht Wahlstau in der Bowlingbar, denn der Polizist sitzt bereits geschlagene vier Minuten in seiner Wahlkabine und überlegt. Die Liste für die Europawahl ist lang und die beiden Gesetzentwürfe für das Tempelhofer Feld sind kaum zu unterscheiden. Zehn Leute stehen bereits Schlange, und eine Frau fragt, ob sie ihr Baby mit in die Wahlkabine nehmen darf. Die Wahlhelferin sagt: "Aber nur, wenn es noch nicht lesen kann." 184 Stimmen sind bereits abgegeben. "Das ist ziemlich gut für ein Europa-Wahl und für diese Uhrzeit", sagt die Frau, die die beiden Wahlurnen bewacht. "Kurz vor Schluss wird es ja auch noch mal richtig voll." Nach 8 Minuten hat der Polizist gewählt und steigt zufrieden lächelnd in sein Polizeiwagen.

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11.03 Uhr. Im Wahllokal einer Kirchengemeinde in der Spandauer Wilhelmstadt hat sich eine kleine Schlange gebildet. Von den rund 1000 Stimmberechtigten waren bereits 100 hier. Erstwählerin Tabea ist heute die 104. Sie findet es gut, endlich mitentscheiden zu können. Und ist froh, dass die komplexen Wahlzettel schon einmal Thema im Schulunterricht waren. Ein kurzer Blick auf den langen Zettel, ein schneller Gang in die Kabine und geschafft. Ihre erste Wahl hat sie erfolgreich überstanden.

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11 Uhr. Überraschung im Seniorenheim "Zur Brücke" im Allende-Viertel: Wer dachte, das Tempelhofer Feld würde hier, am grünen Stadtrand, niemanden interessieren, irrt gewaltig: Die Menschenschlange vor dem Wahllokal im Allende-Viertel ist am Vormittag fast 20 Meter lang. Amüsiert bis Ungläubig bestaunen viele Wartende den langen Europa-Wahlzettel, von dem ein Muster an der Tür hängt. "Bloß gut, dass ich weiß, wen ich wählen will", meint ein älterer Herr, sonst würde es noch länger dauern. Man müsse den Politikern zeigen, was das Volk denkt, sagt ein anderer Mann und geht mit den beiden Wahlzetteln entschlossen in eine der zwei Kabinen. Ja, Europawahl habe er auch gemacht, sagt er anschließend, aber Tempelhof sei wichtiger für ihn. Am Eingang darf jeder 10. noch mal seine Kreuze machen - das ZDF hat ein Team für die erste Prognose ins Köpenicker Seniorenheim geschickt.

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10:50 Uhr. Hauptmann von Köpenick-Grundschule (Borgmannstrasse): Kurz vor 11 Uhr herrscht hier ein reges Kommen und Gehen. Hier sind gleich zwei Wahllokale für die Wahlbezirke 420 und 421 untergebracht. Heidi Lehrard leitet das Lokal 421. Die pensionierte Betriebswirtin und ihre Wahlhelfer könnten heute theoretisch Besuch von 1.600 wahlberechtigten Köpenickern bekommen.

Doch ein großer Teil hat sich für die Briefwahl entschieden. Wie hoch genau der Anteil der Briefwähler ist, kann Heidi Lehrard noch nicht sagen. Über eines ist sie sich jedoch fast schon sicher: die Wahlbeteiligung ist bei dieser Wahl höher als bei der letzte Neuwahl und höher als sie es erwartet hatte - trotz des sommerlichen Wetters. In den ersten drei Stunden haben bereits 200 Bürger bei ihrem Team ihre Kreuze zur EU-Wahl und zum Volksentscheid gemacht. Besonders überrascht ist Lehrard über die vielen jungen Wählerinnen und Wähler. "Das habe ich so nicht erwartet".

An der guten Informationspolitik der Parteien kann es ihrer Meinung nach nicht liegen. "Die haben kaum die Vorzüge der EU erläutert, das war enttäuschend", findet die gebürtige Dresdnerin.

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10 Uhr. Mehringdamm, Haus der Familie: Im Nachkriegsbetonriegel am Mehringdamm, keine 500 Meter vom Tempelhofer Feld entfernt, ist um 10 Uhr morgens viel Betrieb. Nicht gestopft voll, aber auf den Platz in der Wahlkabine muss man ein paar Minuten warten. Das Thema bewegt die Nachbarschaft. Draußen vor dem Familienzentrum diskutiert eine Gruppe. Viel Vertrauen scheint hier keiner in die Zusage des Senats zu haben. „Wofür soll eine Zentralbibliothek gut sein? Das wird doch nur das nächste Groschengrab“, sagt eine Frau „Das wird wie am anderen Ende des Mehringdamms. Da hat ein Investor das gesamte Terrain neben und hinter dem Finanzamt gekauft“, weiß ein anderer in der Gruppe zu berichten. „Das wird alles zugebaut, auch die LPG (der Ökosupermarkt des Kiezes…) muss weg und das nur, damit ein paar Bonzen teure Wohnungen kaufen können.“