Die Tür zur Schatzkammer ist moosgrün. Sie führt in den Keller eines unscheinbaren Einfamilienhauses in Hermsdorf. Und dort unten weiß man nun wirklich nicht, wohin die Augen zuerst wandern sollen. In Vitrinen und Regalen, auf Tischen und Kommoden stehen unzählige Tierfiguren; Tiger, Löwen und Elefanten aus Porzellan, auch Clowns in allen erdenklichen Größen, dazu Miniaturzelte und Miniaturwagen, alte Plakate, Bildbände, vergilbte Fotos.

Ein bisschen chaotisch ist sie, die Schatzkammer der Familie Schaaff. Aber sie ist auch eine der größten Privatsammlungen dieser Art, ein einzigartiges Archiv aus über 100 Jahren Zirkusgeschichte. Martin Schaaff und seine Frau Doris haben über Jahrzehnte hinweg alles zusammengetragen, was sie finden konnten.

Ein Löwe zur Verlobung

Man muss den Zirkus nicht mögen, man kann ihn angestaubt finden oder überflüssig. Aber wenn die Hüter des Hermsdorfer Zirkusarchivs vom Leben in der Manege erzählen, dann muss man einfach gebannt zuhören. Und man muss sie einfach gern haben, diesen 104-jährigen Mann und seine 84-jährige Frau, die ohne den Zirkus nie zueinander gefunden hätten, deren ganzes Leben verwoben ist mit der Welt der Raubtiernummern und der Glitzerkostüme. Gerade haben sie goldene Hochzeit gefeiert, erzählen sie und zeigen ihr Verlobungsfoto. Es zeigt ein glücklich lächelndes Paar – ein Löwenweibchen aus dem Zirkus in seiner Mitte.

Es geht eben nicht ohne Zirkus im Hause Schaaff, und da gerade der Circus Krone in der Stadt ist, wird jedem Besucher erst einmal der Besuch einer Vorstellung nahe gelegt. Ehrensache, dass die Schaaffs zur Galapremiere vor ein paar Wochen persönlich auf dem Zirkusgelände am Hauptbahnhof erschienen sind. Schließlich hätten sie sich ohne Krone, den größten Zirkus Europas, nie kennengelernt. Wenngleich irgendwie klar war, dass sich Martin Schaaff – der Berliner Pfarrer, der sich als Seelsorger auch um die hiesigen Artisten und Zirkusleute kümmerte – für eine Frau entscheiden würde, die seine Leidenschaft teilt.

Schon als Teenager schwärmte er schließlich für Paula Busch, die Direktorin des Circus Busch, das einst ein prächtiges Stammhaus in Berlins Mitte hatte. Martin Schaaff war zwölf Jahre alt, als er Paula Busch und ihre gefeierten Pantomimen zum ersten Mal in einer Vorstellung sah. „Sie war eine große Manegenschauspielerin, spielte immer die Hauptrolle. Ich war hin und weg.“

Er rief sie an, legte aber immer gleich wieder auf, aus Angst, sie könne wirklich ans Telefon gehen. Irgendwann traute er sich dann doch, sie anzusprechen, woraufhin Paula Busch ihn einlud – der Beginn einer lebenslangen Freundschaft. Nach ihrem Tod im Jahr 1973 übernahm Schaaff das Archiv des Circus Busch – der Beginn der Schatzkammer im Keller, die er bis heute hütet.

Seine Frau Doris trat Ende der 50er-Jahre in sein Leben. Martin Schaaff legt die Hand auf den Unterarm seiner Frau, als er von ihrem Kennenlernen erzählt. „Es war ein verregneter Tag, und der Circus Krone gastierte gerade in Innsbruck. Ich saß in der Loge, und dann trat sie auf, mit zwölf Eisbären, die bis zu drei Meter maßen. Ich war begeistert von ihrem Mut und ihrer Erscheinung.“

Damals, ergänzt seine Frau, reiste sie mit der größten Eisbärennummer Europas durch alle Lande, trat in Frankreich, England, Dänemark und in Spanien auf, wo sie 1956 den Zirkus-Oscar erhielt. Stolz zeigt sie auf die Trophäe oben auf dem Regal – und auf ein altes Plakat aus dem Jahr 1946, das für ihren ersten großen Auftritt als Raubtierdompteurin warb. Als „Lola, die Tigerbraut“ wurde die damals erst 16-jährige Doris Arndt angekündigt, beim Zirkus Barlay am Hochbahnhof Danziger Straße.

Die Ehe mit dem Pfarrer bedeutete allerdings das Ende ihrer Zirkuslaufbahn. „Das kam nicht infrage, dass ich als Pfarrersfrau mit den Bären umherzog. Ich musste mich entscheiden, entweder die Arbeit oder die Liebe.“ Doris Arndt entschied sich für die Liebe. Unter Tränen habe sie sich vom Zirkus verabschiedet, erzählt sie. Die Tiere, sie seien schließlich wie ihre Kinder gewesen.

Der Geruch von Sägemehl

Die Schaaffs kennen den Zirkus noch aus einer Zeit, als der Besuch im Zelt ein gesellschaftliches Großereignis war, als die Ränge wegen Überfüllung geschlossen werden mussten, als rauschende Artistenbälle gefeiert wurden. Sie haben später auch das Zirkussterben erlebt und danach die Versuche, die Institution wiederzubeleben, etwa von Bernhard Paul, der den Zirkus wegführte von den klassischen Nummernprogrammen und ihn als Gesamtkunstwerk inszenierte.

Dass es dennoch für viele Unternehmen schwer bleibt, die Zelte zu füllen, stimmt das Ehepaar Schaaff traurig. „Uns fasziniert der Zirkus immer noch“, sagen sie. „Die bunten Wagen, der Geruch von Tieren, Sägemehl und Popcorn, das ist einmalig.“ Wann immer ein Zirkus in Berlin haltmacht, die beiden gehen hin.

Manchmal werden sie dann gefragt, ob der Zirkus nicht unzeitgemäß sei, und was sie zum Thema Tierschutz sagen. Doris Schaaff wird dann sehr resolut: „Ich liebe Tiere, deswegen bin ich damals zum Zirkus gegangen.“ Die Tiere seien immer ihre Partner gewesen, sagt sie. „Und sie waren das Leben im Zirkus von klein auf gewohnt.“

Der Circus Krone ist noch bis zum Sonntag in der Stadt, auf dem Festplatz an der Heidestraße nahe dem Hauptbahnhof. Vorstellungen sind täglich um 15 und 19 Uhr, am Sonntag um 14 und 18 Uhr. Gezeigt wird das Jubiläums-Programm „Celebration“ mit weißem Löwen, Elefantenherde, Pferdedressuren und Akrobatik. Karten ab 15 Euro gibt es auf dem Festplatz oder unter Tel. 01805–2472-87.

Wer das Zirkusarchiv der Familie Schaaff in der Mühlenfeldstraße 91 in Reinickendorf besuchen will, sollte sich vorher telefonisch anmelden unter der Nummer 030–404-5620.