Da sind diese Träume, die viele Menschen schon mal geträumt haben. Irgendwann schreibe ich ein Buch. Irgendwann habe ich mein eigenes Café. Irgendwann eröffne ich ein Kino. Und dann ist Montagmorgen, der Wecker klingelt und der Alltag beginnt.

Anne Lakeberg fand den alten Kinosaal im Centre Français de Berlin über das Internet

Anne Lakeberg steigt dann auf ihr Fahrrad und fährt vom Gesundbrunnen aus 20 Minuten mit dem Rad nach Norden. Bis fast nach Reinickendorf führt sie ihr Weg. Dort, wo das urbane Berlin allmählich endet, wo es immer einen Parkplatz vorm Haus gibt und wo gegenüber die Kleingärtner ihre Parzellen liebevoll pflegen, ist ihr Traum Wirklichkeit geworden. Vor fünf Jahren hat sie hier ein Kino eröffnet, das City Kino Wedding.

Die wichtigste Zutat für Anne Lakebergs Glück fand sich im Internet. Auf einer Webseite, die auch geschlossene Kinos in Berlin auflistet, sah sie alten Kinosaal im Centre Français de Berlin, dem französischen Kulturzentrum in der Müllerstraße 74.

Anne Lakeberg war das Kino zuerst zu groß

„Wir sind einfach hingefahren und haben durch die Fenster geschaut. Aber da war natürlich gar nichts zu erkennen“, sagt Anne Lakeberg. Das Gebäude ist groß, und der Kinosaal im Obergeschoss des Hinterhauses ist von außen nicht zu sehen. Mit ihr vor dem Bau aus den Sechzigerjahren stand Wiebke Wolter. Die beiden Frauen hatten sich bei einer Weiterbildung zur Filmtheatermanagerin in Wuppertal kennengelernt. „In der Pause erzählte ich Wiebke, dass im Wedding, wo ich wohne, ein Programmkino fehle“, sagt Lakeberg. Kurz darauf standen beide schon vor dem riesigen Centre Français.

Der Zufall hat ihnen die Tür geöffnet. „Es stellte sich heraus, dass Florian Fangmann, der Geschäftsführer des Centre Français, mit Wiebke zusammen in die Grundschule gegangen ist“, erinnert sich Anne Lakeberg. Der Kinosaal war gerade saniert worden und eigentlich für verschiedene Kulturveranstaltungen vorgesehen.

Und was für ein Saal dort schlummerte! Über einen Marmorboden führt der Weg unter einer mit bunten Leuchtquadraten verzierten Decke zu einer eindrucksvollen Wendeltreppe mit goldenen Handläufen hinauf ins Obergeschoss. Eine riesige Fensterfront bringt Licht ins Foyer, der Kinosaal ist ganz Sechzigerjahre mit roten Samtsitzen und einer großen Bühne – alles denkmalgeschützt. „Ein tolles Kino, aber viel zu groß“, das war Anne Lakebergs erster Gedanke.

Das City Kino Wedding hat nur einen Saal - dafür aber 218 Sitzplätze

Das City Kino Wedding hat nur diesen einen Saal, der wiederum hat 218 Sitzplätze. Für ein Kino dieser Art sind das viele. Doch bei der ersten Vorstellung im September 2014 blieb kein Platz leer. Auch die zweite war gut besucht, und so starteten die Kinoenthusiastinnen mit ihrem Programm, zunächst nur an den Wochenenden, später immer öfter. Heute ist nur der Montag spielfrei.

Anne Lakeberg, 36 Jahre alt, eine zierliche, zurückhaltende Frau mit schulterlangen Haaren und Brille, stammt aus Bielefeld, dort hat sie auch studiert. Damals hat sie bereits in einem Kino gejobbt. „Film ist im ganzen Kulturbereich das Bodenständigste, das hat mir gefallen“, sagt sie.

Seit August führt Anne Lakeberg das City Kino Wedding allein

Später arbeitete sie in einem Verleih, bevor sie dann ihr eigenes Kino bekam. Und nicht nur das. Vor drei Jahren gründete sie mit ihrer Geschäftspartnerin einen kleinen Verleih. Sie hat die Rechte für die deutsche Fassung von „La Boum – Die Fete“. Wer den Film öffentlich zeigen möchte, muss bei Lakeberg anrufen.

Der Verleih ist aber nur eine Randnotiz in ihrem Alltag. Lakebergs Leben dreht sich um den Kinobetrieb. Filme auswählen, Regisseure einladen, Filmgespräche organisieren, Festivals in den Wedding holen. Das ist viel Arbeit, weit mehr als ein 40-Stunden-Job.

Seit August träumt sie ihren Traum vom eigenen Kino zudem allein. Ihre Geschäftspartnerin ist weitergezogen nach Hannover. „Dieser große Kino-Klotz liegt nun allein auf meinen zarten Schultern“, sagt Anne Lakeberg im Scherz. Und meint es doch auch ernst. Lediglich beim Kartenverkauf helfen ihr vier Mitarbeiter in Teilzeit, überwiegend filmbegeisterte Studenten.

Die Herausforderung ist, den Saal jeden Abend zu füllen 

Dienstpläne, Buchhaltung, Filmabrechnung, Getränkeeinkauf, Instagram und Facebook, Presse und Kooperationspartner, Filme technisch für die Vorführung vorbereiten – all das und viel mehr sind die Aufgaben der Chefin. Manchmal steht sie selbst an der Kinokasse, sonntags nimmt sie sich frei. Wenn das wirklich klappt, fährt sie raus in die Natur. Oder sie geht ins Kino. „Aber nicht ins City Kino. Dort kann ich mich kaum auf den Film konzentrieren, sehe dies und das. Ich gehe lieber in das Neue Off in Neukölln, ins Acud oder in die Hackeschen Höfe.“

Die Rahmenbedingungen für ihr eigenes Kino: 218 Sitzplätze, ein großes Foyer, ein französisches Restaurant und ein Hotel im Vorderhaus, eine U-Bahnstation und Parkplätze direkt vor der Tür: durchaus vorteilhaft. Auch eine Mieterhöhung ist nicht zu befürchten. Anne Lakebergs Partner ist das Centre Français de Berlin, eine gemeinnützige Gesellschaft für kulturellen Austausch, das Haus gehört dem Bund.

Die eigentliche Herausforderung für die Managerin lautet: den großen Saal am Rande der Stadt Abend für Abend zu füllen. Wie den meisten Indiekinos hilft auch ihr eine Spezialisierung. Lakeberg erklärt: „Als Programmkino braucht man Events und Sonderveranstaltungen, und genau das machen wir auch.“

Die Berlinale war auch schon im City Kino Wedding zu Gast

Das City Kino Wedding zeigt nicht die allerneuesten Filme, aber ein buntes, ausgewähltes Programm, eine Mischung aus Filmperlen, Kultfilmen und aktuellem Arthouse. Der neueste Almodóvar ist ebenso dabei wie der französische Film des Monats und Dauerbrenner wie „Dirty Dancing“ mit anschließendem Sektempfang. Gelegentlich lädt Anne Lakeberg zusammen mit dem französischen Restaurant im Vorderhaus zum Kulinarischen Kino ein. Die Veranstaltungen, bei denen es zum Film ein passendes Menü gibt, sind besonders beliebt.

„Wir haben aber auch ganz viele Premieren für kleinere deutsche Filme. Es gibt Berliner Filmemacher, die ihre neuen Filme inzwischen immer bei uns uraufführen“, sagt Anne Lakeberg. Für die ambitionierte Mischung wurde das Kino bereits zweimal mit dem Kinoprogrammpreis des Medienboards Berlin-Brandenburg ausgezeichnet.

Inzwischen haben viele Festivals das Kino entdeckt. Die Berlinale war 2016, 2017 und 2019 im Wedding zu Gast. In den vergangenen zwei Jahren war Lakeberg als Moderatorin aller Berlinale-goes-Kiez-Vorführungen sozusagen als Botschafterin ihres Kinos in der ganzen Stadt unterwegs: „Ich liebe das. Ich kenne auch fast alle Kinos. Ich finde es wichtig, die Leute hinter den Projekten kennenzulernen.“

Das City Kino hat eine Chance

Die Berlinale ist es nicht allein. Auch das Jüdische Filmfest, das Festival des spirituellen Films und das Arabische Filmfest machen Station im City Kino. Und das Favourite Films Festival findet seit mehreren Jahren komplett in Lakebergs Kino statt, in diesen Tagen wieder einmal. Gezeigt werden die Publikumslieblinge der internationalen Festivals.

Und dann sind da immer wieder diese besonderen Momente im eigenen Kino, die Anne Lakeberg froh machen. Kürzlich war die Schauspielerin Charlotte Rampling auf der Bühne im City Kino, das war so ein Moment.

Der Traum vom eigenen Kino hätte auch scheitern können. Ab den Neunzigerjahren ging es den deutschen Kinos schlecht, es kamen immer weniger Zuschauer, Kinosäle wurden geschlossen. Heute hat das City Kino auch deshalb eine Chance, weil sich die Besucherzahlen insgesamt stabilisiert haben. Laut Filmförderungsanstalt steigt die Anzahl der Kinostandorte in Deutschland sogar wieder, und die Besucherzahlen sinken trotz Netflix und Co. nicht weiter.

„Das Kino stirbt nicht“ - sagt Anne Lakeberg

In Berlin sind von Januar bis Juni mehr als 4,4 Millionen Kinobesucher gezählt worden. Statistisch gesehen waren also jeder Berliner und jede Berlinerin in diesem Jahr bereits mindestens einmal im Kino. Das sind etwas mehr als im gleichen Zeitraum vor einem Jahr. Die Zahl der Kinosäle in der Hauptstadt blieb stabil. Berlin ist Deutschlands Kinohauptstadt, hat mehr als 100 Kinos und fast 300 Leinwände.

„Das Kino stirbt nicht“, sagt Anne Lakeberg. „Es ist auch falsch, Netflix als großen Gegner zu betrachten. Ich denke, es gibt Platz für beides. Und das Kino hat Qualitäten, die Netflix nicht hat und die die Leute schätzen: die Größe des Raums, der soziale Kontext, die Dunkelheit, das Gemeinschaftsgefühl, wenn die Person neben dir auch lacht oder weint, die Chance, aus dem Alltag rauszukommen und sich wirklich auf etwas einzulassen.“ Kino sei auch Entschleunigung.

Kino im Wedding funktioniert 

Angetreten ist sie vor fünf Jahren mit dem Motto „Kiezkultur reloaded“. Genau da will sie auch weitermachen und das Lokale noch stärker in den Fokus nehmen. Das könnte eine stärkere Zusammenarbeit mit Kiezinitiativen wie dem Gemeinschaftsgarten Himmelbeet sein, wo bereits jetzt gelegentlich Kino im Garten gezeigt wird.

Und das können Vorführungen besonderer Filme mit Wedding-Akzent sein. Bei der Feier des Kinogeburtstages hat Anne Lakeberg deshalb einen 30 Jahre alten Film wieder auf die Leinwand gebracht. „Wedding“ mit dem jungen Heino Ferch, ein Film aus dem Jahr 1989, der im Wedding an der Berliner Mauer spielt. Die Vorführung war ausverkauft. Kino im Wedding, das funktioniert. Anne Lakeberg kann weiterträumen.