Die Skulptur „Berlin“ steht auf dem Mittelstreifen der Tauentzienstraße. 
Foto: dpa/Jordan Raza

BerlinWie soll sich die City West um Breitscheidplatz und Kudamm entwickeln? Darüber wird im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf mal wieder heftig gestritten. Anlass ist der Entwurf für eine sogenannte Charta City West 2040, die im Werkstadtforum erarbeitet wurde, einem Expertengremium, das sich auf Initiative des Bezirks, Vertretern der Wirtschaft sowie der Arbeitsgemeinschaft City gebildet hat. Zu Themen wie Mobilität, Stadtökologie und nachhaltiges Bauen, Digitalisierung sowie Städtebau und Architektur werden in der Charta 79 Ziele formuliert. Etwa der Ausbau von Radwegen und die Verringerung von Parkplätzen, der Einsatz nachhaltiger Baustoffe sowie die Unterstützung des Mobilfunk-Ausbaus an Straßenlaternen und Hinweisschildern.

Niklas Schenker, Bezirksverordneter der Linken, mag sich mit der Charta nicht anfreunden. „Ich halte das für ein Investoren-Papier“, sagt er. Statt eine öffentliche Debatte über die Weiterentwicklung der City West zu starten, lasse sich das Bezirksamt von Grundstücksbesitzern in der City West wie Signa, RFR und Pepper in ein geschlossenes Veranstaltungsformat einspannen. „Das steht in der Tradition des West-Berliner Baufilzes“, sagt Schenker. „So etwas ist 2020 wohl einmalig in Berlin und nur in Charlottenburg-Wilmersdorf möglich.“ Bezirksbaustadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne) verteidigt das Vorgehen. Vom Masterplan, den die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung für die City West erarbeiten wollte, habe er nichts mehr gehört, berichtet er am Mittwochabend vor dem bezirklichen Stadtentwicklungsausschuss bei der Präsentation der Charta. Da Berlin aber bis zum Jahr 2050 eine klimaneutrale Stadt werden müsse, sei eine „sehr breite Basis“ nötig, um die Ziele zu erreichen. „Das wird nicht von der Bezirksverwaltung gegen den Rest der Gesellschaft durchgesetzt“, sagt Schruoffeneger.

Schon seit Jahren versuchen einzelne Grundstückseigentümer oder Architekten in der City West, Hochhauspläne zu realisieren. So legte der Architekt Christoph Langhof im Jahr 2014 den Entwurf für ein 209 Meter hohes Hochhaus auf dem Hardenbergplatz vor. Und die Signa präsentierte 2018 Hochhauspläne für das Karstadt-Areal zwischen Kudamm und Augsburger Straße. Weder Langhof noch Signa konnten sich bisher jedoch mit ihren Plänen durchsetzen. Allerdings: In der Charta für die City West wird einer künftigen Hochhaus-Bebauung nun der Weg geebnet. Darin heißt es, die  City West setze „primär auf vertikale Verdichtung“, damit Grün- und Freiflächen nicht bebaut werden sollen. Im Klartext: Die City West setzt auf den Bau von Hochhäusern.

Der Linke-Politiker Niklas Schenker kritisiert, dass das in der Charta enthaltene Leitbild für die City West von einem Kuratorium entwickelt worden sei, in dem unter anderem der Architekt Christoph Langhof  vertreten gewesen sei. Die beteiligten Investoren teilten sich die City West „als Beute untereinander auf“ und wollten durch den Leitbildprozess das Hochziehen ihrer Wunschprojekte ermöglichen, sagt er. Das Bezirksamt müsse einen offenen Leitbildprozess unter breiter Beteiligung der Zivilgesellschaft starten und ermitteln, was der reale Bedarf sei.

Schruoffeneger verteidigt das Vorgehen des Bezirks. Er glaube, dass der bisherige Prozess ein offener Dialog gewesen sei. Das bedeute nicht, dass alle Beteiligten sämtliche Ziele teilten. Jetzt sei die Bürgerbeteiligung für die Charta gestartet worden. Spätestens bei der Auswertung werde der Prozess in „kommunale Hoheit“ gehen. Es müsse am Ende nicht bei den 79 Ziel-Vorschlägen bleiben, so Schruoffeneger. Wenn im Rahmen der Beteiligung weitere 20 Vorschläge kämen, seien es eben 20 mehr. „Wir steigen jetzt in den offenen Prozess ein“, sagt der Stadtrat.

Das Werkstadtforum ist nach Angaben von Projektleiterin Caroline Lehmann ein Projekt der City-Dienst GmbH und wird durch den Bezirk, die Arbeitsgemeinschaft City, die Industrie- und Handelskammer, den Verein Berliner Kaufleute und Industrieller und den Werkbund gefördert. Die Kosten des Werkstadtforums würden „durch die City-Dienst GmbH getragen“.

Möglicherweise gibt es neben der Charta für die City West bald noch ein zweites Leitbild. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung erklärte jetzt, dass sie derzeit eine digitale Bürgerbeteiligung vorbereite, um den aktuellen Stand des Masterplans City West öffentlich zu diskutieren.