Es werden die letzten Schritte sein. Die letzten Stunden nach acht Monaten Fußmarsch, die letzten Kilometer bis an die syrische Grenze. Am Sonntag will Anna Alboth sie gehen – und sie weiß, dass diese letzte Etappe sehr aufreibend für sie sein wird. Weil sie dann wirklich ihr Ziel erreicht hat. Nach mehreren tausend Kilometern.

Vor acht Monaten in Berlin gestartet

Am Sonntag endet das Mammutprojekt, dem sich Anna Alboth vor knapp acht Monaten beim Start in Berlin verschrieben hat. Diese Vision, die ihr seitdem Streit, Erschöpfung und Blasen an den Füßen beschert hat, aber auch kleine Wunder und Begegnungen mit der Wucht, ihre Welt zu ändern. Am Sonntag endet der „Civil March for Aleppo“, Anna Alboths Friedensmarsch nach Syrien.

Ob sie tatsächlich an der Grenze stehen und auf syrisches Gebiet gucken wird, weiß die 33-Jährige noch nicht. Am Freitag spricht sie über das Handy aus Tripoli im Libanon. Der letzte Streckenabschnitt führt sie von dort in den Ort Tel Abbas, in ein Flüchtlingscamp etwa zwei Kilometer vor der Grenze. „Mal sehen, wie weit wir dann noch kommen“, sagt sie.

Zwölf Läufer sind übrig

Wir, das sind Anna Alboth und ihre nunmehr noch zwölf Mitstreiter. Jene, die übriggeblieben sind von den rund 3500 Läufern, die sich während der vergangenen Monate für Tage oder Wochen der Truppe anschlossen. Fünf der Verbliebenen sind sogar schon seit dem 26. Dezember dabei. An diesem Tag begann der Marsch auf dem Tempelhofer Feld, in Alboths Wahlheimat Berlin. Seit ein paar Jahren lebt die gebürtige Polin mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern in Pankow.

Durch zehn Länder führte ihr Weg, über den Balkan und durch Griechenland. Die Flüchtlingsroute nach Europa, bloß umgekehrt. Meist liefen sie etwa 30 Kilometer am Tag, manchmal aber auch nur die Hälfte. Sie schliefen in Schulen, Kirchen, Moscheen oder Vereinshäusern, fast immer gratis zur Verfügung gestellt. Trucks transportieren Gepäck und Verpflegung. Sie diskutierten auf Lesbos mit Bootsflüchtlingen, hinterließen Fußspuren aus Farbe in Sarajevo und sangen in Prag an der John-Lennon-Mauer „Imagine“.

Bittere Wahrheiten

Sie wollten ein Zeichen setzen. Dafür, dass normale Menschen, Zivilisten ohne Geld oder politische Ämter, etwas tun können – anstatt das Leid in Syrien bloß erschüttert im Fernsehen zu betrachten. Sie wollten die Aufmerksamkeit der Welt ein weiteres Mal auf die Region lenken – und hatten gehofft, auf ihrem Weg immer mehr Menschen mitzuziehen. In Anna Alboths Vision waren es Zehntausende, die am Ende an der syrischen Grenze stehen sollten – nicht bloß zwölf. Auch die Idee, wirklich bis nach Aleppo oder zumindest bis hinein ins Kriegsland zu gelangen, zerschlug sich schnell.

„Ich habe viel gelernt auf dem Weg – und teils waren es bittere Wahrheiten“, sagt Anna Alboth. „Zum Beispiel, wie tief Konflikte sitzen können, und dass es für sie manchmal schlicht keine Lösung gibt.“ Sie erzählt, wie die Gruppe begann, sich bis aufs Mark zu streiten, als der Druck stieg: Eigentlich sollte ihr Weg durch die Türkei führen, doch sie gerieten ins Grübeln, als die Genehmigung zum Demonstrieren auf sich warten ließ. Sollten sie ohne Erlaubnis ihren Protestzug fortsetzen? Oder auf das Demonstrieren verzichten? Oder würde direkt jeder Schritt im Land zur Verhaftung führen – egal ob mit Protestfahnen oder ohne? Die Debatten darüber, das Verharren in Griechenland ohne Fortkommen zermürbte sie. „Das hat viel Spirit getötet“, sagt Anna Alboth. Manche reisten ab.

Anna Alboth ließ ein Stück von ihrem Glauben zurück

Schließlich fiel eine Entscheidung, als die Behörden in Ankara Namen ihrer türkischen Unterstützer hören wollten. „Wir prangern niemanden an, der dann Schwierigkeiten kriegt.“ Ausnahmsweise flog die Gruppe von Lesbos nach Beirut, um den Marsch im Libanon fortzusetzen. Es ging endlich weiter. Doch Anna Alboth ließ ein Stück von ihrem Glauben zurück, alles Unbekannte ganz sicher meistern zu können.

Sie habe auch frustriert, sagt sie, wie leicht Menschen hundert Euro zur Hand hatten, wie schwer es ihnen jedoch fiel, sich eine Stunde der Demonstration anzuschließen. „Wir bekamen Emails mit Zuspruch, Menschen wollten helfen und spenden – aber nicht mitlaufen.“ Ihr schien es, als glaubten die Leute nicht daran, mit ihrer bloßen Präsenz etwas ändern zu können.

Erstaunte Blicke der Syrer in Beirut

„Doch das stimmt nicht“, sagt sie. Sie wolle denen, die so dachten, andere Geschichten erzählen. Die von der Australierin, die von ihrem Projekt las und sich ein Flugticket zur Gruppe kaufte. Von den erstaunten Blicken der Syrer in Beirut, die zum ersten Mal im Leben Europäer trafen. Die es kaum fassen konnten, dass Menschen für ihre Sache durch die Welt laufen, ohne selbst den geringsten Nutzen davon zu haben. Es sind diese Geschichten, die Anna Alboth hoffen lassen, etwas bewegt zu haben.

„Wir haben so vielen Leuten auf dem Weg Flyer in die Hand gedrückt, so viele haben von uns in der Zeitung gelesen. Die haben wir hoffentlich alle zum Nachdenken gebracht,“ sagt sie. Und ist überzeugt davon, dass ihr Fußmarsch nach Syrien sein Ziel erreicht hat. Ein Rückflugticket nach Berlin hat sie noch nicht gekauft.