Mitte - Clärchens Ballhaus in Mitte, seit fast 106 Jahren eine Institution des Berliner Nachtlebens, steht vor einer ungewissen Zukunft. Der RBB berichtete, dass der neue Eigentümer den Mietvertrag für die Immobilie in der Auguststraße zum Ende dieses Jahres gekündigt hat. Ob dies das Ende des Tanzlokals und Restaurants bedeutet oder ob der Betrieb nach einer Sanierung im kommenden Jahr weitergehen kann, blieb am Mittwoch unklar.

Als eines der letzten Berliner Ballhäuser aus der Zeit vor dem Ersten Weltkriegs hat das Unternehmen alle politischen und wirtschaftlichen Veränderungen überstanden – jedenfalls bislang. 1913 im Hinterhaus Auguststraße 24/25 als Bühlers Ballhaus gegründet, hieß es schon bald Clärchens Ballhaus – nach Clara, der Ehefrau des Gründers Fritz Bühler. In der Kauserzeit gab es mehr als 900 Tanzlokale in der Stadt.

Das Vorderhaus wurde im Zweiten Weltkrieg bei einem Bombenangriff zerstört. Der Gastronomiebetrieb wurde aber bald nach Kriegsende wieder aufgenommen – und wurde auch zu DDR-Zeiten in privater Regie fortgeführt. Das Lokal war nicht nur bei den Ost-Berlinern beliebt, auch viele West-Berliner kamen dort zum Schwoof.

Fast fünf Jahrzehnte an der Garderobe

Eine Institution war Günter Schmidtke, der seit Anfang der 1960er-Jahre in Clärchens Ballhaus arbeitete und mehr als fünf Jahrzehnte lang Mäntel und Jacken entgegennahm – seit 1967 als hauptamtlicher Garderobier. 2013, als das Ballhaus hundertjähriges Bestehen feierte, hörte er auf.

An die DDR-Zeit erinnerte sich Schmidtke im Interview mit der Berliner Zeitung so: Ordentlich, sehr ordentlich. In den 60er und 70er Jahren musste man noch Sakko und Krawatte tragen, Jeans waren erst in den 80ern erlaubt. Zu DDR-Zeiten war jeden Freitag und Sonnabend alles ausverkauft. Da hast du montags angerufen und alles war schon dicht. Die teuerste Flasche Wein hat 3,50 Mark gekostet. Vor der Wende war ich ja auch Kellner und Rausschmeißer. Mittwochs, beim Ball paradox, war es am schlimmsten. Da kamen die Bauarbeiter und es gab schon mal ne Massenschlägerei. Dienstag und Donnerstag kamen die Armeeleute, die waren in Ordnung.

2005 übernahmen die heutigen Besitzer Christian Schulz und David Regehr das Lokal. Sie reaktivierten den Spiegelsaal im Obergeschoss, der mehr als 60 Jahre im Dornröschenschlag lag. Dort waren Prinz William und Herzogin Kate zu Gast, Hollywood-Regisseure wie George Clooney und Quentin Tarantino nutzten den Saal mit seinen antiken Spiegeln, der Loge und der ebenfalls im Originalzustand vorhandenen Stuckdecke als Drehort.

Im Erdgeschoss finden regelmäßig Tanzveranstaltungen und Tanzkurse statt – unter anderem wird sonntags zum Tanztee gebeten. Dort befindet sich auch das Restaurant, in dem es neapolitanische Steinofenpizza gibt.