Berlin - An kaum einem anderen Ort in der Stadt treffen sich Geschichte und Geist Berlins auf so freudvolle Weise wie hier bei Tanz und Berliner Weiße. Clärchens Ballhaus ist eine Institution. Die Nachricht, dass das Lokal, so wie Urberliner und Touristen aus aller Welt es jetzt kennen und lieben, zum Ende des Jahres wohl erst einmal Geschichte sein könnte, scheppert gehörig ins Sommerloch. Nach einem Eigentümerwechsel Anfang des Jahres, Yoram Roth, Fotokünstler und Investor kaufte das gesamte Areal, steht dem verwitterten Hinterhaus in der Auguststraße 23 ein Umbruch bevor. Nicht der erste in der 106-jährigen Geschichte des berühmtesten Tanztempels der Stadt.

Schon Ende 2018 kaufte Yoram Roth das Gebäude und sprach dem bisherigen Pächter Christian Schulz die Kündigung aus. Nach einer Sanierung will der neue Eigentümer mit einem neuen Betreiber den Tanzbetrieb aber wieder aufnehmen. „Ich habe das Areal gekauft mit dem klaren Ziel, Clärchens Ballhaus zu beschützen. Es ist auch für mich ein wichtiger Ort. Auch der Kiez liegt mir am Herzen. Meine Mutter ist in der Linienstrasse geboren, mein Vater in der Schönhauser Allee“, so Roth in einer Mitteilung.

Clärchens Ballhaus in Mitte soll ab Sommer 2020 saniert werden

Um zu gewährleisten, dass alle Gäste aus dem In- und Ausland weiterhin sicher feiern könnten, seien allerdings ab dem Sommer 2020 Sanierungsarbeiten geplant, so Roth weiter. Diese bezögen sich unter anderem auf die Instandsetzung der sanitären Anlagen, Gastronomie-bezogenen Räumen und Bereiche, die über die vielen Jahre und die entsprechende Nutzung nicht mehr den notwendigen Standards entsprechen. Auch die Dächer und Treppenhäuser in den diversen Gebäuden sind sanierungsbedürftig. Zwischen dem Ende des aktuellen Pachtvertrags Ende 2019 und dem Start der Sanierung soll eine passende Zwischennutzung gefunden werden.

Das vernarbte Haus in der Auguststraße zeigt deutlich, dass es eine bewegte Geschichte hat. 1895 erbaut, öffnete 1913 das Ehepaar Fritz und Clara Bühler das Tanzlokal Bühlers Ballhaus. Schnell machten die Berliner „Clärchens Ballhaus“ daraus.

Ganz Berlin schwoofte im Tanzsaal im Erdgeschoss oder amüsierte sich im Spiegelsaal im ersten Stock. Bis 2003 führten die Nachkommen von Clara und ihrem zweiten Ehemann Arthur Habermann das Lokal als Familienbetrieb. Im Krieg wurde das Vorderhaus zerstört, erst 1965 die Ruine abgetragen. Doch in der zweiten Reihe tobte das Leben. Auch während der DDR blieb Clärchens Ballhaus ein Privatbetrieb, erst als das Haus 2003 an Hans-Joachim Sander verkauft wurde und der neue Besitzer dem Familienbetrieb kündigte, endete die 91-jährige Familiengeschichte.

Clärchens Bauhaus als Drehort für Spielfilme wie „Stauffenberg“ (2004) oder „Inglourious Basterds“ (2009)

2005 übernahmen Christian Schulz und David Regehr das Ballhaus und ließen es weitgehend unverändert. Schäden aus dem Zweiten Weltkrieg oder der DDR-Zeit blieben sichtbar. Stuck prangt neben grob geputzten Gipslöchern - eine Berliner Mischung mit Potenzial: Der marode Charme zog die Massen an. Bis heute werden hier bei Tanzveranstaltungen die Beine geschwungen, Bündnisse fürs Leben oder für nur eine Nacht geschmiedet. Mehrfach diente das Lokal als Drehort für Spielfilme, etwa für die ARD-Produktion „Stauffenberg“ (2004) oder „Inglourious Basterds“ (2009) von Hollywood-Regisseur Quentin Tarantino.

Auch der neue Eigentümer, Yoram Roth ist ein Mann der schönen Künste. Der Sohn des verstorbenen Immobilienunternehmers Rafael Roth lebt als Fotokünstler und Investor in Berlin. Die Roth-Holding mit Sitz am Kudamm investiert vorwiegend in Entertainment-Geschäfte, finanziert etwa aktuell die Fotografiska Museen für Fotografie in Stockholm und Tallinn. Noch in diesem Jahr sollen Ableger in New York und London eröffnen. Auch in Berlin will Yoram Roth ein Fotografiska-Museum aufmachen. Man suche noch nach einem Gebäude. Clärchen habe damit aber nichts zu tun.

Zur Frage, wer Clärchens Ballhaus in Zukunft führen wird, sagte Roth: „Ich weiß noch nicht, wer der neue Betreiber wird. Wichtig ist aber, dass der Betreiber den „Spirit“ von Berlin sowie Clärchens versteht, und dass es ehrliche Leute sind, die offen miteinander umgehen. Clärchens Ballhaus ist ein magischer Ort; das hat wenig damit zu tun, wer es betreibt, so lange der Betreiber den Geist und die Bedeutung des Hauses versteht.“ Der Mietvertrag des bisherigen Pächters war bereits vor mehreren Jahren ausgelaufen und seitdem quartalsweise verlängert worden. In jedem Fall ist geplant, den Ort weiterhin unter dem Namen „Clärchens Ballhaus“ zu führen und die Tradition somit lebendig zu halten.