Berlin - Ich habe eine Abneigung gegenüber gastronomischen Konzepten, bei denen die Gäste nicht nur essen sollen, sondern auch „unterhalten“ werden. Seit Jahren ein Trend. Essen alleine ist nicht genug. Es muss noch gerappt, gezaubert, geturnt oder jongliert werden. Ob Dunkelrestaurants, Gastro-Shows wie Wodarz’ Palazzo oder auch das Captain’s Dinner auf einem Kreuzfahrtschiff – bisher habe ich so etwas vermieden. Mich überfordert schon das Radio, wenn ich mein Frühstück genießen will.

Diese Woche war ich in Clärchens Ballhaus. Nicht unten im Tanzlokal, sondern oben im ruinösen Spiegelsaal, in dem früher preußische Offiziere speisten. Eine gute Freundin sagte, ich müsse mit ihr die „Gipsy Opera“ ansehen, ein faszinierendes Musiktheater. Außerdem werde dazu gegessen.

Wein während der Oper

Na toll, dachte ich und sagte zu. Es ist eine sehr nette Freundin.

Ich bin froh, dass ich die Gipsy Opera nicht verpasst habe. Nicht, dass der Abend meine Ressentiments ausgeräumt hätte. Doch mir passierte etwas Überraschendes: Je länger ich den Musikern zuhörte, desto unwichtiger wurde das Essen. Am Ende vergaß ich es sogar.

Ich weiß noch, dass ich einen gebratenen Zander in Anisschaum auf Steckrübenragout bestellte. Schließlich hatte ich die Wahl zwischen einer Landente aus dem Ofen und einer Hirschkeule. Beides schien mir zu laut, ein Zander hat dagegen etwas Geräuschloses. Vielleicht, weil man ihn auch mit der Gabel zerteilen kann.

Die Musiker des Abends – eine Sinti-Swing-Band namens Gipsy Restaurant, eine klassische Pianistin, ein Opernsänger und eine Opernsängerin – sind natürlich an Messergekratze und Gläserklappern gewöhnt. Sie selbst trinken Wein während der Oper und laufen durch den Spiegelsaal, in dem die Tische sehr dicht stehen. Dabei gehen Gläser zu Bruch.

Seltene Magie

Ich aber wollte keine Note verpassen, mein Fisch war daher die richtige Wahl. Kristin Schulze, Bella Figura des Abends, die sich durch die Schicksalsarien der Opernwelt singt, ist eine fantastische Sopranistin. Mein Star war aber Pan Marek, Percussionist und der Älteste aus der Gipsy-Combo. Angeblich ist er ein wahrer Zigeuner und kann keine Noten lesen. Wenn er auf sein Zimbalon einschlägt, das ist ein großes Hackbrett, spielt er mit dem Rhythmus eines Django Reinhardt.

Ob der Zander sich mit den Steckrüben vertrug? Ob der Anisschaum in sich zusammengefallen war? Wie das Tellerbild aussah? Ich weiß es nicht mehr. Und ehrlich gesagt, es war mir irgendwann egal. Das ist ein Kompliment.

Ich war so sehr auf die Musik konzentriert. Was als Puccinis „La Bohème“, Donizettis „Don Pasquale“ oder Bizets „Carmen“ begann, entwickelte sich überraschend zu Swing, ging über in russische Zigeunerrhythmen oder endete im leise gehauchten Liebeslied. Es wurde geliebt, verlassen, integriert und gelacht. Vieles war improvisiert, weil auch das Publikum in verschiedenen Rollen in die Handlung eingebaut wurde.

Zusammengestellt hat die Gipsy Opera Julia Regehr, die zuvor das Operndinner „Criminal Royal“ und die „Pasta Opera“ im Spiegelsaal von Clärchens Ballhaus erfand. 2004 standen die Räume leer. Dass keine Modeboutique oder kein Hotelkomplex daraus wurde, ist auch Julia Regehr und ihrem Bruder David zu verdanken. Zusammen mit einem Freund haben sie das Ballhaus wiederbelebt, Tanzpublikum und Orchester zurückgeholt und den Traditionsort dabei relativ unberührt gelassen.

Schon aus Geldnot. Im Spiegelsaal bröckeln die Wände, viel schwüles Gold übertüncht den Verfall. Solche Magie ist selten. Wie das Essen schmeckt, ist da nicht so wichtig. Man ist dankbar, dass es noch solche Ort gibt. Denn normalerweise sind Kulturleute wie Julia Regehr nur die Trüffelschweine für Investoren.