Alex Assali und Claudia Lohny in ihrem Wohnzimmer.
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BerlinSie hatte im Internet gesehen, dass er jemanden sucht, der beim Gemüseschneiden für eine Koch-Aktion hilft. Aber einfach so zu einem fremden Mann in die Wohnung gehen, das wollte Claudia Lohny (52) nicht. Also traf sie den Syrer Alex Assali (44) lieber erstmal in einem Café in Berlin-Neukölln. Die beiden sprachen miteinander, stundenlang, es war Liebe auf den ersten Blick. „Es war wirklich so ganz kitschig“, sagt sie. Seit dem Treffen im Café vor zwei Jahren sind sie zusammen. Er hat bei der Heirat ihren Nachnamen angenommen und sagt: „Claudia ist meine Heimat.“

Am 31. August ist es fünf Jahre her, dass Angela Merkel angesichts von Hunderttausenden Flüchtlingen den vielleicht wichtigsten Satz ihrer Zeit als Kanzlerin sagte: „Wir schaffen das.“ Seitdem ist viel passiert. Deutschland hat sich verändert, der Ton ist rauer geworden. Es gibt schöne und hässliche Geschichten. Die von Alex und Claudia Lohny ist eine schöne. Sie führt in eine Berliner Wohnung mit Wintergarten und einem Kater namens Ramon.

Deutsch-syrische Ehen wie bei den Lohnys sind eher selten, aber es werden mehr: 2011 waren es 136 Frauen, die einen Syrer heirateten, 2018 bereits 429, wie das Bundesamt für Statistik auflistet. Bei den deutschen Männern sind es sehr wenige, die eine Syrerin geheiratet haben: 2011 waren es 85, 2018 immerhin 154.

Es könnte interessant werden, sich diese Zahlen in ein paar Jahren noch einmal anzusehen, auch was andere Nationen und gleichgeschlechtliche Ehen angeht. Familien in Deutschland werden vermutlich diverser und internationaler. Unter ehrenamtlichen Helfern und Flüchtlingen sind binationale Paare generell häufiger.

Kleiderkammern, gemeinsames Kochen und Deutschunterricht können Kontaktbörsen sein. Der Berliner Verein „Moabit hilft“ kennt das. Dort heißt es dazu recht sachlich: „Bei uns findet das regelmäßig statt.“ Wenn man sich treffe, werde ja nicht als erstes nach der Nationalität gefragt. Vor drei Jahren wurde das erste „Moabit hilft“-Baby geboren.

Alex Lohny kam schon vor der Massenflucht seiner syrischen Landsleute nach Deutschland, im Oktober 2014. Er hat viel hinter sich. Während der Kater im Wintergarten der gemeinsamen Wohnung herumstreicht, erzählt er, was vor Berlin passiert ist: Aufgewachsen ist er in einer syrischen Politiker-Familie. Er kennt Schrecken und Terror, saß in Libyen im Gefängnis, schwamm auf der Flucht stundenlang vor Italien im Wasser, als sein Boot verunglückte. Er schlug sich nach Deutschland durch.

In Berlin half ihm am Bahnhof eine fremde Frau, seine Unterkunft zu finden, aß mit ihm seine erste Currywurst und ließ ihm 50 Euro zukommen. Am nächsten Tag meldeten sich zwei Studentinnen an der Rezeption bei ihm im Hotel. Sie hätten gehört, dass dort ein Flüchtling sei und wollten helfen. Solche Begegnungen haben Alex Lohny geprägt.

„Schritt für Schritt habe ich mehr Leute kennengelernt“, erzählt er. Er wollte Deutschland etwas zurückgeben – und kaufte von seinem Geld Zutaten für Essen, das er umsonst an Obdachlose verteilte. Ein Stadtmagazin berichtete darüber. Eine Bekannte stellte ein Bild von der Aktion ins Internet. Danach hatte er 1000 Nachrichten im Mailfach. „Ich war total schockiert“, erzählt er lachend. Der Post wurde zum Internethit.

Für sein Engagement wurde er vom Berliner Senat geehrt und vom Bundespräsidenten eingeladen. Bei einem Fest auf Schloss Bellevue im vergangenen Jahr interviewte ihn ein Fernsehsender. Er hielt dabei vor der Kamera mit seiner Frau Händchen. „Das machen wir immer“, sagt Claudia Lohny. „Lo-ve“ ist zu lesen, wenn sie ihre Hände nebeneinander legen: Die beiden haben sich sogar ein Liebestattoo stanzen lassen. Sie lacht. „Da war meine Tochter richtig entsetzt: Mama!!!“ Ihre Freunde und die Familien hätten sich über die Verbindung gefreut. Die 27 Jahre alte Tochter war Trauzeugin.

Den Merkel-Satz „Wir schaffen das“ finden beide richtig. Auf seine neue Heimat lässt Alex Lohny nichts kommen. Er will dieses Jahr Deutscher werden. „Ich habe keine schlechten Erfahrungen mit Deutschland gemacht.“ Er habe aber als Christ Judenfeindlichkeit und Übergriffe von arabischer Seite erlebt. Das liegt an seinen jüdischen Wurzeln, er hat einen Davidstern tätowiert.

Wenn die Lohnys ihre Geschichte erzählen, spielt der Pass des anderen keine Rolle. Von kulturellen oder religiösen Gräben, wie es ihn zwischen anderen binationalen Paaren geben kann, ist nichts zu spüren. Was ihren Mann von einem deutschen Mann unterscheide? Da fällt Claudia Lohny so schnell nichts ein. Man muss ein bisschen nachhelfen. „Er kocht besser.“

Gerade ist Corona-Pause, mit dem Gemüseschneiden und der Berliner Suppen-Aktion wollen die beiden aber weitermachen, sobald es wieder erlaubt ist. Der IT-Techniker und die Buchhalterin ziehen dafür samstags in ihrer Freizeit los. Früher waren es syrische Gerichte. Heute hat das Rezept einen deutschen Einschlag: Es gibt immer Linsensuppe.