Berlin - Die Zeichen stehen auf Widerstand. Gleich drei Institutionen aus dem Nachtleben machen in den ersten Tagen des Jahres Schlagzeilen mit ihrem Kampf gegen die Schließung: die Kneipe Syndikat im Neuköllner Schillerkiez, die queere Bar Hafen in der Motzstraße und das Jugendzentrum Potse in Schöneberg. Alle drei sollten zum Jahresende ihr Gebäude räumen, alle haben die Schlüsselübergabe verweigert und fordern Verhandlungen. Ob die Hauseigentümer dazu bereit sind, ist fraglich. Wahrscheinlicher scheint, dass Syndikat, Hafen und Potse schon bald die ersten Fälle von Kultursterben im Jahr 2019 sind.

Seit Jahren ist die Verdrängung des Nachtlebens aus der Innenstadt kaum aufzuhalten. Das Klagelied ist bekannt: Wo Platz kostbarer wird, erhöhen Vermieter die Preise, spitzen sich Lärmkonflikte mit Anwohnern zu. Mit den Clubs verschwindet die Ausgehkultur, die Berlin einst den Ruf als Metropole der Querdenker einbrachte, sagen Kritiker. Andererseits platzen Partyzonen wie die Lohmühleninsel in Sommernächten aus allen Nähten, Clubgänger lärmen, lassen Müll liegen oder zetteln betrunken Streit an.

Steigende Mieten zwingen Clubs zur Schließung

Wie berichtet, setzte der Senat zur Abhilfe einen Hilfsfonds für Clubs und Musikspielstätten auf, die ihren Schallschutz verbessern wollen. Zwölf Clubs haben bisher Anträge gestellt, zwei davon wollen mit dem Höchstsatz von 100.000 Euro gefördert werden. Unter den Clubs, die sich bereits beworben haben, befinden sich einige prominente Namen: die legendäre linke Konzerthalle SO36 in der Kreuzberger Oranienstraße, der Open-Air-Techno-Club Ipse am Kreuzberger Flutgraben und der Holzmarkt in Friedrichshain, Nachfolger der einst weltberühmten Bar 25. Doch gegen steigende Mieten und Investoreninteressen ist auch der Lärmschutzfonds machtlos.

Als nächstes könnte das der Club Farbfernseher in der Skalitzer Straße zu spüren bekommen. Seit über zehn Jahren hüpften in dem kleinen Laden Woche für Woche junge Leute in lockerer Atmosphäre über die Tanzfläche oder schauten von der Emporen hinab. „Nun wurde der Mietvertrag nicht verlängert, er läuft in diesem Jahr aus“, sagt Lutz Leichsenring, Sprecher der Berliner Clubcommission, die die Interessen der Akteure aus dem Nachtleben vertritt.

Allein 39 Beratungsgespräche führte der Verband im vergangenen Quartal mit Clubmachern, laut Leichsenring sind das extrem viele. „Zwar bangen nicht alle um ihre Existenz, manchmal geht es um Gema-Fragen. Aber unterm Strich merken wir, dass die Verunsicherung wächst.“ Lutz Leichsenring zählt zehn Clubs und Bars auf, die allein im vergangenen Jahr ihre Türen schließen mussten.

Etwa feierte in der Silvesternacht das Rosi’s an der Revaler Straße seine letzte Party. Der Laden etwas abseits des RAW-Trubels war für sein buntes Musikprogramm aus Elektro, Indie und Reggae beliebt, nun muss er einem Bürogebäude weichen. Auch der Bassy Club in Prenzlauer Berg, eine Institution bei Rockfans, die liebevoll zusammengezimmerte Kulturstätte Jonny Knüppel auf der Lohmühleninsel und das Café Rizz im Graefekiez haben aufgegeben.

Neue Clubs im Nordosten

Anderswo sind die Lichter noch an, aber die Zukunft sieht nicht sonderlich rosig aus: Im Yaam droht eine Zwangspause für die Sanierung der Uferwand, das Kreuzberger Konzerthaus Privatclub hat nur noch für zwei Jahre einen Mietvertrag. Die Holzmarkt-Genossenschaft streitet mit dem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg über die Bebauung ihres Eckgrundstücks und steht finanziell am Abgrund, wenn ihre Pläne für einen Studentenwohnblock scheitern.

Neue Clubs haben in den vergangenen Jahren nur selten eröffnet. „Im Nordosten tut sich ein bisschen was“, sagt Lutz Leichsenring. Im Gewerbegebiet an der Storkower Straße ist die Anomalie entstanden, ein kleines Universum mit Außenbereich, Café und Bar. „Nahe der Greifswalder Straße bauen die Macher vom Jonny Knüppel ein Festivalgelände für Partys und Kunst.“

Dass die Neuen aber die Verdrängten ersetzen können, glaubt Leichsenring kaum. Er fordert: „Wir müssen den Bestand schützen.“