Berlin - Ich kann die Idee, mit einem Namen Werte, Tradition, ja, einen Mythos zu schaffen, verstehen. Der Abend beginnt mit einem großen Versprechen und einer kleinen Lüge. „The Grand“ steht auf der Speisekarte, darunter eingestanzt der Zusatz „since 1842“. Ich kann die Idee, mit einem Namen Werte, Tradition, ja, einen Mythos zu schaffen, verstehen. Allerdings ist „The Grand“, als ich es besuche, genau einen Tag alt, nicht 170 Jahre. Das Gebäude, eine ehemalige Schule, wurde 1842 gebaut.

Angeblich tragen laut Gaststättenverband noch 80 Prozent der Lokale in Deutschland traditionelle Namen. Vermutlich aber nicht in Mitte, wo fast täglich neue Läden aufmachen. Ein einfaches „Zur Post“ tut es nicht mehr. Es sei denn, es ist ironisch gemeint und hinter dem gelben Horn steht ein designtes Kellergewölbe, in das man nur kommt, wenn man durch die Tür einer Telefonzelle geht und zuvor eine SMS an eine nur Insidern bekannte Mailbox geschickt hat.

Zu große Versprechungen

Die Regel ist dennoch: Wer heute zu einem Italiener namens „Venezia“ geht, erwartet eine Pizza aus Wirtschaftswunderzeiten, groß, fettig und in Italien unverkäuflich. Ebenso weiß jeder, was in der „Bierschwemme“ passiert. Was verspricht der Name The Grand? Viel. Zu viel. Seit Monaten warte ich auf die Eröffnung, weil das Konzept – Restaurant, Club und Bar in einem – zwar nicht neu ist, aber gut klingt und die Macher hinter The Grand erfahrene Gastronomen sind. Auch die Karte macht Lust: Es gibt Austern, eine Meeresetagere mit Hummer, Crevetten und viel Fisch, ein paar saisonale Hauptgerichte und eine Grillkarte. The Grand ist nicht billig.

Das irische T-Bone, 980 Gramm für zwei Personen, kostet 98 Euro. Viel Fleisch, aber auch viel Geld. Meine Freunde, mit denen ich am ersten Tag nach Eröffnung hier sitze, gönnen es sich. Ich nehme drei Gänge vom „Grand Menü“ für 39 Euro. Dann warten wir. Eine halbe Stunde auf die Flasche Pinot Noir, eine ganze Stunde auf meine Vorspeise – trotz viel Personal und trotz Reinhard Möckel, dem Restaurantleiter, der zuvor 18 Jahre das Borchardt im Griff hatte.

Die drei Scheiben von der Kaninchen-Flusskrebsroulade auf grünem Spargel und marinierter Kalbszunge teilen wir. Die Kalbszunge ist etwas salzlos und langweilig, der in Zitronenmelisse marinierte Spargel gut und die Roulade am besten, weil die farblichen und geschmacklichen Kontraste so gelungen sind: das helle, feste Kaninchenfleisch, das die rötliche und leicht süße Krebspastete umhüllt.

Nach fast zwei Stunden bekommen meine Freunde ihr T-Bone, ich ein Salzwiesenlamm mit weißem Bohnenpüree und gefülltem Paprika. Mein Fleisch schmeckt so, wie ich es für diesen Preis erwarte. Das Carréestück ist saftig und von Natur aus so gut, dass es ohne Raffinessen auskommt. Bei den Beilagen dagegen fehlt die Raffinesse: Das Püree klebt mehlig im Mund und ist weder orientalisch noch sonstwie gewürzt. Und der Paprika ist mit Paprika gefüllt.

Auch das T-Bone kann sein Versprechen nicht einlösen. Vielleicht bin ich altmodisch. Aber ein Fleisch für fast 100 Euro muss unvergesslich sein – oder zumindest einzigartig, wie die Karte es ankündigt. Der irische Weideochse ist „dry aged“, also mindestens vier Wochen gelagert, wodurch das Fleisch bis zu 20 Prozent seines Gewicht verliert und an Intensität gewinnt. Leider ist nichts daran intensiv, ich muss zu oft kauen, bis auf den Preis werde ich es bald vergessen. The Grand – wer sich so weit aus dem Fenster lehnt, muss ehrgeiziger sein. Since 1842 – vielleicht auch nur ein flüchtiger Trend.