Berlin - Es waren die wilden 90er, da galt Berlin – wie immer ganz unbescheiden – als Party-Hauptstadt der Welt. Das historische Glück des Mauerfalls, als für einen kurzen Moment der Weltgeschichte alles möglich zu sein schien, war auch historisches Glück für die Musik- und Ausgehindustrie. Überall standen ehemalige Industriebetriebe leer, Partymacher nisteten sich ein. Techno war der Sound der Zeit. Die Musiker und ihre Zuhörer kamen aus aller Welt. Die Clubs und nicht zuletzt die Loveparade waren die Wallfahrtsorte.

Die Loveparade gibt es schon lange nicht mehr, und auch im Rest der Branche ist nichts so beständig wie der Wechsel. Immer wieder mussten und müssen Clubs umziehen, weil das Gelände verkauft und bebaut wurde. Zwischennutzung wurde zum Begriff der Dekade.

Berliner Club-Szene - eine Branche unter Druck

Ein weiterer Faktor bleibt der Lärm. Immer wieder erweist sich, dass Party und Schlafen nicht zusammenpassen. Außerdem sind viele Orte vom Flächenbedarf der wachsenden Stadt bedroht. Wo Wohnen als wichtigstes soziale Thema gilt und Neubau einer der Wege aus der Not ist, werden Freiflächen für Hedonismus immer umstrittener und begehrter.

Doch je mehr die Branche unter Druck gerät, desto fester schließt sie sich zusammen. Schon vor 17 Jahren gründete sich die Clubcommission, bestehend aus Clubbetreibern und Partymachern. In Lobby-Arbeit bearbeiteten sie Bezirksämter und Senatsverwaltungen, die lange brauchten, um das Label Party-Hauptstadt der Welt wirklich wahrzunehmen.
Das ist längst geschafft – nicht zuletzt dank einer Studie von 2007, in der Clubkultur als Wirtschaftsfaktor gefeiert wurde. Jetzt, zwölf Jahre danach, war es offenbar mal wieder Zeit für eine Neuauflage.

Club-Szene in Berlin beschäftigt 9000 Menschen

Das neue Werk strotzt vor Zahlen: Demnach setzte die Club- und Veranstaltungsszene 2017 rund 168 Millionen Euro um, hinzu kommen rund 50 Millionen Euro indirekte Umsatzeffekte für Werbewirtschaft, Großhandel oder Immobilien- und Bauwirtschaft. Rund 80 Prozent der Betreiber arbeiteten wirtschaftlich ausgeglichen oder machten sogar Gewinn. Voriges Jahr beschäftigten sie 9000 Menschen – allerdings waren 40 Prozent davon Minijobber.

Berliner Clubkultur strahlt auf das Lebensgefühl in der Stadt aus

Gar nicht hoch genug einzuschätzen ist sicher der Imagegewinn. „Die Berliner Clubkultur strahlt auf das Lebensgefühl in der Stadt aus und hilft Berlin bei der Fachkräfte-Rekrutierung in Unternehmen und Start-ups“, schreibt Nadja Clarus von der Wirtschaftsverwaltung in der neuen Studie. Könnte schon stimmen, schließlich trägt die Branche nach Auskunft der Studie auch zum Tourismus-Boom bei. Von den rund 13 Millionen Berlin-Touristen des Jahres 2017 waren drei Millionen sogenannte Club-Touristen.

Wohlwissend, dass Touristen mit Rollkoffern längst zum Feindbild taugen, verweist Commissions-Sprecher Lutz Leichsenring auf weitere Untersuchungen. Demnach zeige sich, dass es desto weniger Probleme gebe, je musikinteressierter die Gäste tatsächlich seien. Auswüchse wie Junggesellenabschiede und Bierbikes stünden eben nicht für Clubkultur, so Leichsenring.

Berlins Kultursenator Klaus Lederer muss Lutz Leichsenring offenbar nicht mehr überzeugen. Der Senator zeigt sich von der neuer Studie jedenfalls angetan. „Sie erlaubt uns einen realistischen Überblick über die Szeneaktivitäten“, sagt der Linke-Politiker. Auf diese Weise könne man mit aktuellen und empirischen Daten viel besser und schneller Vorurteilen begegnen, diese abbauen „und dadurch auch einen Beitrag leisten, die wertvollen Orte der Clubkultur zu schützen.“