Alles wie immer. Das Leben ist wieder so wie damals, vor Corona und all den Verboten. Abends in Berlin, Stammtisch-Zeit. Der Prenzlauer Berg ist voller Menschen – alles wie früher.

Drinnen, in der Kneipe, ist unser Tisch reserviert, aber draußen, in der milden Abendsonne, ist noch ein Tisch frei. Der Kellner sagt: „Nimm ihn dir schnell.“ Ich hänge die Jacke über den Stuhl, lege den Helm auf den Tisch und schließe drei Meter entfernt das Rad an. Als ich mich umdrehe, sitzen drei Leute am Tisch und wollen sich partout nicht vertreiben lassen. Alles wie früher.

Drinnen und draußen – alles voll. Die Kellner im Laufschritt: schleppen Biergläser wie die Frauen beim Oktoberfest, balancieren Teller. Hier ist deutsche Küche angesagt, Hausmannskost. Da die in Berlin selten ist, steht der „Schusterjunge“ in Reiseführern. Links neben uns ein italienisches Paar, das nur bleiben will, wenn es Currywurst mit Pommes gibt. Gibt es. Die Touristen sind also auch wieder da. Ein wilder Sprachenmix.

Zwischendurch will der Kellner schnell unsere Bestellung. Ein Freund schlägt langsam die Karte auf – so, wie er es aus den Corona-Monaten gewohnt ist. Als die Zeit sich noch mehr Zeit ließ. Der Kellner sagt: „Icke renne hier um mein Leben, damit ihr wat zu mampfen bekommt, und du fängst erst mal an zu schmökern.“ Er kann nicht länger bleiben, dreht sich Richtung Tresen, da ruft der Freund ihm hinterher: „Hering.“

Kriegsangst statt Corona-Diskussionen in den Kneipen

Gegenüber eine Szene wie im Film. Sechs Asiaten wollen so richtig deutsch essen. Sie studieren die Karte, übersetzen mit dem Handy jedes Gericht, lachen und befragen den Kellner, der nun jede Eile aufgegeben hat. Sie diskutieren, wer was nimmt: Eisbein, Tote Oma, Senf-Eier, Roulade, Kalbsleber „Berliner Art“ und Schnitzel.

Sie staunen über die Größe der Portionen und lassen sich noch einen Stapel Teller bringen, um für jeden etwas von jedem Essen aufzutun. So wie es in Asien üblich ist. Der Tisch wird zur Festtafel.

Alles wie früher. Nun gut, nicht alles. Unsere Debatten drehen sich nicht mehr um die Corona-Angst, sondern um die Kriegsangst. Aber nach ein paar Bier ist auch Putin für eine Weile vergessen.

Mitternacht. Heimreise. Auch alles wie immer. Vor dem großen Späti sitzen noch Leute. Aber halt. Von den sechs Tischen sind nur zwei besetzt, obwohl die Nacht nicht bitterkalt ist. Und auch der Falafel-Laden, der früher Tag und Nacht geöffnet hatte, ist bereits zu. Und auch dort vorn an der Ecke, wo sonst immer viele Leute die halbe Nacht lang feiern, ist Totentanz. Und auch die Party-Tram M10 ist überraschend leer. Es ist längst nicht alles so wie früher.