Berlin - Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Mal? Jenen Moment, als Sie in ein Café gingen und, statt sich hinzusetzen und Zeitung zu lesen, einen Kaffee im Becher bestellten, den Sie mitnehmen konnten: auf die Straße, ins Büro, ins Auto. Jeder in der Stadt hat dieses erste Mal vermutlich längst hinter sich, denn das, was man als die neue To-Go-Kultur bezeichnet, ist − zumindest in Berlin − gar nicht mehr so neu.

Die ersten Pappbecher hielten vor rund fünfzehn Jahren Einzug, inzwischen bekommt man sie an jedem Kiosk, in jeder Bäckerei, jedem Café. Bestellt man einen Latte oder Tee, folgt prompt die Frage: Zum Hiertrinken oder Mitnehmen? To stay or to go?

Aus dem Angelsächsischen kommen der Name und das Phänomen an sich, das vor nicht allzu langer Zeit noch ein deutliches Zeichen für den Verfall von Sitten gewesen wäre. „In der bürgerlichen Gesellschaft gab es die Regel: Essen und Trinken gehören nicht auf die Straße“, sagt Christoph Wulf, Psychologe und Anthropologe an der Freien Universität Berlin. Undenkbar wäre es gewesen, Frühstück am Bahnhof zu kaufen oder Mittagessen am Arbeitsplatz zu verzehren.

Bereits die Studentenbewegung habe die Regeln aufgeweicht, sagt Wulf. „Mit der Bierflasche in der Hand wird Unabhängigkeit demonstriert und Erwachsensein.“ Vor allem habe die Entwicklung mit dem immer schnelleren Leben und den wachsenden Anforderungen in der Arbeitswelt zu tun. „Das ist Kapitalismus“, sagt Wulf. „Man gibt den Menschen nicht mehr genug Zeit, Mahlzeiten zu sich zu nehmen. Junge Leute bekommen zwar heute ein Riesengehalt, aber leider auch schnell Burn-out.“

Christoph Wulf, 70, hat sein Arbeitsleben noch mit Sekretärinnen verbracht, die für ihn Filterkaffee kochten, manche gerne, andere unter Protest. In New York, wo er in den Siebzigern unterrichtete, gab es Büro-Kaffee für alle. „Der schmeckte lausig, aber wir haben ihn trotzdem getrunken, den ganzen Tag lang.“ Die Sekretärin sei das soziale Zentrum gewesen, sagt er. „Heute ist das anders, heute macht jeder sein eigenes Ding und holt sich, was ihm schmeckt.“

Mit anderen Worten: Der Bürokaffee ist tot. Höchstens die Bezeichnung ist geblieben, der Oberbegriff. Allerdings hat das, was man heute meint, wenn man sagt, man hole sich mal einen Kaffee, nur noch wenig mit der braunen Brühe zu tun, die in die Glaskanne tröpfelte und der man am Ende einen Schuss Sahne zusetzte oder einen Löffel Zucker.

Der Kaffee von heute heißt Latte Macchiato, Cappuccino, Flat White oder Café con Leche. Es gibt ihn mit Koffein oder ohne, mit Kuhmilch, Sojamilch, klein, mittel, groß, er kommt aus den Hochebenen Lateinamerikas oder von den Feldern Afrikas, trägt Attribute wie rauchig, ölig, rassig, und mit der aufgeschäumten Milch kann man kleine Gemälde zeichnen, Herzen, Blumen, Efeublätter.

Das ist die andere Seite der To-Go-Kultur. Der Kaffee, den man heute in Pappbechern bekommt, ist besser, kreativer, individueller. Man trinkt weniger davon, aber der Genuss ist größer, man redet über die Bohne wie über guten Wein, und Cafébesitzer, die etwas auf sich halten, rösten inzwischen sogar selbst.

Das ist auch Christian Kahrmanns Ziel. Kahrmann ist eigentlich Schauspieler, bekannt aus der „Lindenstraße“, wo er mit 13 die Rolle des Benny Beimer spielte, danach war er auch in anderen Serien und Filmen zu sehen und hat eine Theater-Company mitgegründet. Seit zwei Jahren hat er sein eigenes Café „Kahrmann’s Own“. „Ich war das so leid, dieses Warten auf neue Rollen. Ich brauchte etwas, was Substanz hat, Spaß macht. Ich habe mir einen Traum erfüllt.“