Florian hat nicht viel Zeit zum Reden. Er will die nächste Bahn bekommen. In dem engen Wohnwagen gleich vor der Bahnhofsmission in der Charlottenburger Jebensstraße hat sich der 22-Jährige gerade einen kleinen Stapel Zeitungen abgeholt. Der Wohnwagen ist eine von drei Ausgabestellen der in Zügen und auf Bahnhöfen verkauften Obdachlosenzeitung „strassenfeger“ und der blasse, fröstelnde Mann mit den strähnigen, blonden Haaren einer von über 1 000 eingetragenen Verkäufern. Florian weiß, dass die seit diesem Montag vertriebene Januar-Ausgabe eine ganz besondere ist: „Schon seit Tagen fragen mich die Leute nach dem Comic.“

Als Beigabe zum neuen „strassenfeger“, der in einer Auflage von 20 000 Exemplaren erscheint, gibt es diesmal ein auf Hochglanzpapier gedrucktes, buntes Heft. „Der Superpenner – seine Muskeln sind fester als sein Wohnsitz“ steht auf dem Titelblatt über der in einem Supermann-Kostüm posierenden Comicfigur mit einer Flasche Bier in der Hand. Auf knapp 30 Seiten wird eine ziemlich skurrile, oft witzige Geschichte erzählt, in der einem Berliner Bettler der Bierkonsum plötzlich Zauberkräfte verleiht, die er für gute Taten einsetzt.

Die Idee für diese Aktion stammt von der renommierten Werbeagentur Scholz & Friends. Sie will damit nach eigenen Angaben den Verkauf der Zeitung fördern. „Denn gerade der Januar ist für Berliner Obdachlose besonders hart“, steht im Ankündigungstext. „Die Spendenbereitschaft ist im Keller und der Winter wird richtig fies.“ Und weil die die Agentur ihr Handwerk ziemlich gut versteht, wird schon seit Tagen bundesweit bis hin zur Süddeutschen Zeitung über den „Superpenner“ berichtet. Am Montag hat sogar die Tagesschau beim „strassenfeger“ vorbei geschaut.

„Für uns ist das eine tolle Sache“, sagt Andreas Düllick, der Chefredakteur der von dem Verein mob – obdachlose machen mobil e. V. – herausgegebenen Zeitung. Er räumt schon ein, dass es in seinem Verein auch viele Skeptiker gab. Dass lange über die Frage diskutiert wurde, ob der Comic nicht die eigene Klientel bloßstelle. Und – sicher ist sicher – in der Dezember-Ausgabe hat sich der „strassenfeger“ von dem Bielefelder Sozialforscher Andreas Zigg in einem Interview zum „Superpenner“ schon mal vorab attestieren lassen: „Ich sehe darin nichts Diskriminierendes.“ Vor allem aber hat die eigene Kundschaft mit dem „Superpenner“ kein Problem. Auch Florian nicht oder Carsten, ein wohlgelaunter Mittvierziger, der sich am Montag knapp 30 „strassenfeger“ in der Jebensstraße abholt, um sie in der S-Bahn zu verkaufen: „Das ist doch eine tolle Idee! Wir haben doch Humor.“ Für die Verkäufer scheint sich der Comic auch zu rechnen. Von den 1,50 Euro, die der „strassenfeger“ kostet, können sie 90 Prozent behalten. Und am Montag sei die Nachfrage um ein Drittel höher gewesen als sonst, sagt Helmut Cladders, der in dem Vertriebs-Wohnwagen vor dem Bahnhof Zoo schon seit neun Uhr morgens die neue Ausgabe ausgibt.

Ein wenig irritiert die bundesweite Aufmerksamkeit für den Comic Andreas Düllick, den „strassenfeger“-Chef, aber doch. Vor allem, weil sich für ein anderes Thema, das den Verein existenziell betrifft, kaum jemand interessiert: Schon seit dem Sommer bemüht sich mob e. V. bei Behörden und Privatleuten um Hilfe, weil der Vermieter die Räume seiner Notübernachtung für 17 Obdachlose in der Prenzlauer Allee gekündigt hat. Es ist die einzige in Pankow. Sie wurde ohne Förderung betrieben. Weder der Bezirk noch der Berliner Senat hätten bislang ein Angebot für ein Ausweichquartier – zumindest bis zum Ende des Winters – unterbreitet, sagt Düllick. Ende Januar muss das Notquartier schließen. In der aktuellen Ausgabe des „strassenfeger“ sinniert er darüber, ob Obdachlose ein Zeltlager am Roten Rathaus aufschlagen sollten wie die die Flüchtlinge am Oranienplatz. Dass der „Superpenner“ so viel, die Schließung der Notunterkunft so wenig Resonanz findet, sagt Düllick, „das markiert eine Verschiebung der Wertigkeiten.“