Comiczeichner Olaf Schwarzbach: Memoiren eines Comic-Zeichners

Brighton, UK, 12 Florence Road. So lautete meine Postadresse im Jahr 1993. Eine ruhige Straße mit roten Backsteinhäusern abseits der Souvenirläden, Secondhandshops, Spielhallen und Bed & Breakfasts. Ging man nach links, war man in zehn Minuten am Meer, ging man nach rechts, stand man im Preston Park. Die nächste Zugstation hieß London Road, das nächste Pub The Jolly Brewer. Am anderen Ende der Florence Road, in der Turnhalle der Downs Infant School, trainierte ich zweimal in der Woche Karate bei Sensei Alan Gibson. Gleich in der ersten Stunde ließ er mich hundert Liegestütze machen, weil mein Karateanzug nicht gebügelt war. Von da an lieh ich mir bei dem brasilianischen Ehepaar, das über mir wohnte, regelmäßig ein Bügeleisen. Es waren Leute mit Humor und Niveau, die unter der trockenen Art der Engländer, dem Klima und vor allem unter der Küche litten. Abends sahen sie Gewaltfilme im Fernsehen, tanzten Flamenco oder sprangen vom Tisch. So jedenfalls interpretierte ich die Geräusche, die von oben zu hören waren.

Ich mochte das Wetter. Es regnete gar nicht so oft. Der Himmel war blauer, die Sonne schien wärmer, und die Busfahrer waren freundlicher als in Berlin.

Die Entscheidung, nach England zu gehen, war mir nicht schwergefallen. Seit der Wiedervereinigung zogen Glücksritter und Spekulanten durch Ostdeutschland. Die Verlierer der Einheit machten sich mit fremdenfeindlichen Krawallen Luft. In Rostock und Hoyerswerda brannten Ausländerheime.

Die neuen Nazis träumten von national befreiten Zonen. Ich hatte die Gewalt am eigenen Leib erfahren, als ich ein Jahr zuvor in Prenzlauer Berg von zwei Bomberjacken überfallen wurde. Sie wollten Geld, ich sprühte ihnen stattdessen Tränengas in die Augen. In jener Nacht hatte ich Glück und konnte zusehen, wie sich die eingenebelten Glatzköpfe voll blinder Wut gegenseitig in die Fressen hauten.

Ich brauchte Luftveränderung, und frischen Wind gab es an der englischen Kanalküste ohne Ende. Die Geschehnisse in Deutschland aus der Ferne zu betrachten, schien eine gute Idee, und London by the Sea, wie Brighton genannt wurde, war der ideale Ort dafür. Künstler, Schwule, Obdachlose, alle liebten Brighton. Die Stadt hatte den Ruf, tolerant zu sein, und der Golfstrom sorgte für ein mildes Klima. Im Januar hatte mich das alte Seebad mit kaltem Nieselregen begrüßt. Im Februar blühten die Osterglocken, und schon Anfang März lagen überall auf dem hügeligen Farmland der South Downs die neugeborenen, buntmarkierten Lämmer in der Sonne. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich von Eastbourne nach Seaford über die Kreideklippen der Seven Sisters gewandert bin. Bald kannte ich in der Umgebung alle Dörfer mit einem Pub.

Wenn die Tagesausflügler zurück nach London fuhren, stand ich abends am Meer und sah Tausende von Staren zur alten West-Pier fliegen. Die Schwärme bewegten sich vor der untergehenden Sonne hin und her, wie fließende Formen in einem Kaleidoskop, um sich dann schließlich auf den mit Tonnen von Vogelscheiße bedeckten Dächern der zerfallenden Seebrücke niederzulassen.

Es gab nichts, was ich vermisste; auch Geldsorgen hatte ich keine. Für ein Jahr erhielt ich ein Stipendium der Stiftung Kulturfonds, die Geld aus dem Parteivermögen der SED an Künstler aus der ehemaligen DDR verteilte. Seit 1991 war ich selbstständiger, von der Künstlersozialkasse anerkannter Karikaturist und Comiczeichner. Als Kind hatte ich davon immer geträumt. Doch nicht im Traum hatte ich für möglich gehalten, dass ich dieses Ziel einmal erreichen sollte. Comics steckten in der DDR in einer Schublade mit Pornografie und Naziliteratur. Also wurde ich nach dem Ende der Schulzeit erst einmal Drucker. Zu Hause zeichnete ich eigene Comicgeschichten, in denen es um Glasnost, Ausreise und Ostfrust ging. Nach einer Ausstellung in der Wohnung eines Freundes und der anschließenden Hausdurchsuchung seitens der Staatssicherheit hatte ich die DDR verlassen.

Der Copyshop in Brighton, aus dem ich meine Cartoons an die Zeitungsredaktionen in Deutschland faxte, befand sich direkt neben dem wahrscheinlich ältesten Waschsalon Englands. Einmal in der Woche saß ich dort vor Waschautomaten, die aussahen wie Zeitmaschinen aus einer alten Science-Fiction-Serie der BBC. Während ich auf die Wäsche wartete, las ich Zeitungen und die Post. Einer der Briefe, die ich dort öffnete, kam aus Berlin und war eine Einladung des Bundesbeauftragten für die personenbezogenen Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR.

„OPK Forelle“ war ein kleiner Fisch

Im März flog ich nach Berlin. Ruschestraße 59, Haus 7. Zehn Minuten Fußweg vom U-Bahnhof Magdalenenstraße bis zu dem massiven Plattenbaukomplex, in dem noch vier Jahre zuvor die Geheimpolizei der DDR gesessen hatte. 1991 war das Gesetz über die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes in Kraft getreten. Jeder Bürger, der einen Antrag stellte, konnte die Akten sehen, die das MFS über ihn angelegt hatte.

Im Lesesaal hockten die Antragsteller an den Tischreihen wie in einem Klassenzimmer. Neben mir ein alter Mann, vor dem sich sechs oder sieben dicke Ordner türmten. Mit zitternden Händen blätterte er sich durch die Dokumente und weinte vor Wut, während eine Mitarbeiterin der Behörde auf dem Nachbartisch weitere Akten stapelte.

Die Fragmente meiner Überwachung passten in einen Schnellhefter. „OPK Forelle“ war ein kleiner Fisch. „In einem Bächlein helle …“ Den Decknamen hatte mir die Stasi wohl wegen meines Nachnamens Schwarzbach gegeben. Seit meinem sechzehnten Lebensjahr war ich aktenkundig, eine dem bürokratischen Abkürzungswahn der DDR entsprechend ZP genannte Zielperson einer OPK, einer Operativen Personenkontrolle. Und nun las ich Berichte, Schriftproben, kopierte Postkarten. Briefe, die ich nie bekommen hatte. Ich sah Fotokopien von Geldscheinen, die mir Tante Ingrid aus München geschickt hatte, „Segelschiffe und Musikinstrumente“, wie sie in den Briefen immer schrieb, wenn sie mir mal einen Zehner oder einen Zwanziger ins Kuvert steckte. Erschreckend Banales. Keine großen Überraschungen. Namen von Menschen, die ich längst vergessen hatte. Vieles, was ich für Stasi-Paranoia hatte halten wollen, war tatsächlich geschehen.

Begründung der Notwendigkeit zur Einleitung der OPK „Forelle“ …; die ZP zeichnet und schreibt „ganze Bücher“ mit Gedichten und Geschichten. Wörtlich erklärt die Zielperson: „Vielleicht schreibe ich mal das große Buch.“ In welche Richtung die Gedanken und Absichten gehen, dürfte dieser Auszug aus einem M-Material (16. 2. 1983) belegen: „Ich sehe, und andere Leute auch, hierzulande im Moment keine Änderungsmöglichkeiten, dazu gehts den Leuten noch nicht dreckig genug.“

Ob es eine Herbstdepression war, oder ob ich meine Lage einfach nur realistisch einschätzte, ich weiß es nicht. Immer mehr Leute aus meinem Umfeld stellten Ausreiseanträge, weil sie den Osten satthatten, nicht zur Armee wollten oder schlicht mehr von der Welt sehen, als – bestenfalls – die fünf sozialistischen Bruderländer. Der Letzte macht das Licht aus, hieß es, und jetzt speziell für mich.

Jedes Mal, wenn mein Freund Peter von seiner Zukunft im Westen schwärmte, schrumpfte die Grenze des Landes enger um mich zusammen. Michi hatte sich für ein Studium an der Theaterhochschule in Leipzig beworben und die Zusage bekommen. Also saßen die beiden Menschen, die mir am nächsten waren, auf gepackten Koffern. Alte Ängste ergriffen mich. Einerseits freute ich mich für meine Freundin, andererseits glaubte ich fest daran, dass sie mich verlassen würde.

Grau und freudlos sah ich meine Zukunft. Ich fühlte nichts und wollte nichts und hatte keine Lust mehr. Keine Lust, den Ofen zu heizen, keine Lust, Kohlen für den Winter zu bestellen, keine Lust auf Bockwurst, Spaghetti und Fischkonserven aus Saßnitz. Ich hatte keine Lust auf den täglichen Suff, keine Lust auf volle Straßenbahnen früh um halb sechs, die nach kaltem Qualm, Kölnisch Wasser und nassem Hund stanken. Ich hatte die Schnauze voll von Ausweiskontrollen und keinen Bock mehr darauf, dass mir Transportpolizisten vorschrieben, wie ich zu leben hatte. Keine Lust mehr auf Horrorgeschichten „von der Asche“, in denen Rekruten die Kasernenflure mit Zahnbürsten schrubbten und mit Stahlhelmen an Knien und Ellenbogen über Korridore getreten wurden. Ich hatte keine Lust mehr auf schmierige Kellner und Sie-werden-platziert-Schilder in räudigen HO-Gaststätten. Ich hatte die Jahreszeiten satt und keine Lust mehr, zu leben.

Ich hob einen Stuhl auf den Tisch, rückte den Tisch zum Regal, stellte zwei Obstkisten auf den Stuhl, legte ein Brett darüber, an dem ich einen Strick festknotete. Wer würde mich finden? Und wer würde zu meiner Beerdigung kommen? Eine Woge von Selbstmitleid riss mich fast um. Gerade als ich anfangen wollte, jämmerlich zu heulen, klingelte es an der Tür. Mist. Michi. Wir waren verabredet. Ich kletterte vom Tisch, räumte das Brett, den Stuhl und die Kisten weg, schwappte mir kaltes Wasser ins Gesicht und öffnete die Tür.

Michi umarmte mich. „Dachte schon, du bist nicht da.“ „Hab geschlafen.“ „Und, was machen wir jetzt?“ „Weiß nicht. Sag du.“

Michi verließ mich nicht. Ich begann wieder zu heizen und das Leben ging einfach weiter.

Das Neue Deutschland berichtete Ende November über das erste Gipfeltreffen zwischen Ronald Reagan und Michail Gorbatschow in Genf, über den DDR-Besuch des saarländischen Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine und die Konferenz des Rates der Generaldirektoren der Zirkusunternehmen der sozialistischen Länder in Ostberlin, und Anfang Dezember begann das Erste Deutsche Fernsehen mit der Ausstrahlung der „Lindenstraße“.

Durch Zufall lief ich damals in Berlin meiner ehemaligen Tante Sabine über den Weg. Als ich ihr von meiner Arbeitssuche erzählte, fiel ihr ein, dass die Werkstatt, in der sie Radierungen drucken ließ, einen Mitarbeiter suchte. Einer der dort beschäftigten Drucker hatte einen Ausreiseantrag gestellt; und so war es nur eine Frage der Zeit, dass die Stelle neu besetzt werden musste. Die Druckerei befand sich auf einem Hinterhof in der Greifenhagener Straße, nicht weit entfernt von der Gethsemanekirche und den Traditionsgaststätten Anker, Sonne, SB-Express.

Meine neuen Arbeitskollegen lasen das Neue Deutschland nicht. Sie hörten auch nicht den Berliner Rundfunk. In dem alten Röhrenradio in der obersten Etage der Druckerei liefen RIAS oder SFB. Manchmal brachte jemand die Berliner Zeitung mit, wegen der Kreuzworträtsel.

Im Frühjahr 1986 bestand die Belegschaft aus drei Druckern, einer Sachbearbeiterin und dem Werkstattleiter. Die Drucker, Dieter, Albert und Manfred, waren alle drei um die vierzig und in den Ruinen von Prenzlauer Berg aufgewachsen. Sie hatten im Kunstverlag Wilhelm Lindner als Quereinsteiger angefangen; Dieter war Schlosser gewesen, Manfred Problemanalytiker und Albert ein gelernter Buchbinder, der nebenher in Tanzkapellen musiziert hatte. Als ich eingestellt wurde, um bald Dieters Arbeitsplatz zu übernehmen, wartete der schon seit zwei Jahren auf seine Ausreise. Einer der wenigen Gründe, die Dieter noch im Osten hielten, war die Arbeit. Über die Jahre hatte er sich zu einem der angesehensten Grafikdrucker des Landes qualifiziert; die Künstler schätzten sein Können und die Gewissenhaftigkeit, mit der er die Aufträge erledigte. Über das Leben im Westen machte Dieter sich keine Illusionen. Er wusste, was ihn erwartete. Sein Bruder lebte schon seit etlichen Jahren drüben, eine Weile in Afrika und später in Westberlin. Die Aussicht, eine Stelle als Kupferdrucker mit vergleichbaren Arbeitsbedingungen wie denen beim DDR-Kunsthandel zu finden, war nicht gerade rosig.

In dem Jahr vor seiner Ausreise brachte mir Dieter bei, was ich über das Handwerk des Kupfertiefdrucks wissen musste. Ich erhielt einen Schlüssel für die Werkstatt und konnte kommen und gehen, wann ich wollte. Es gab keine FDJ-Gruppe, keine Zivilverteidigung, und niemand verlangte, dass ich zu Erste-Mai-Demonstrationen oder ähnlichen Veranstaltungen ging. Es schien so, als hätte ich eine Nische gefunden, in der ich vor staatlicher Bevormundung geschützt war, und noch dazu eine Arbeit, die mir Spaß machte.

Abt. XX

OPK „Forelle“, Reg.-Nr. IV/167/86

Einschätzung der Ergebnisse der operativen Personenkontrolle

– Im Kontrollzeitraum konnten keine politisch-operativ bedeutsamen Handlungen der Zielperson festgestellt bzw. nachgewiesen werden. Das Auftreten in der Öffentlichkeit, insbesondere im Zusammenhang mit gesellschaftspolitischen Höhepunkten d. J. 1986 (XI. Parteitag der SED; Wahlen am 08. Juni), war ruhig und zurückhaltend

– Für die Entwicklung der Persönlichkeit der kontrollierten Person sowie ihre Äußerungen, Aktivitäten und Handlungen war der Arbeitsplatzwechsel bzw. die Aufnahme der Tätigkeit beim Staatlichen Kunsthandel der DDR bedeutsam. Die Zufriedenheit mit der Arbeit und die gesicherte soziale Lage/Einbindung zeigten positive Auswirkungen im o. g. Sinne/Richtung. Frühere spontane Äußerungen, Reaktionen und Handlungen wurden nicht bekannt.

Die meisten von uns hatten genug Geld. Freunde, die als Hausmeister oder Haushaltshilfen in anderen Alibijobs mehr oder weniger tätig waren, verdienten sich goldene Nasen mit dem Nähen und Bedrucken von Textilien. Mein Gehalt als Kupferdrucker und die Schwarzarbeit nach Feierabend brachten mehr ein, als ich jemals ausgeben konnte. Für die Wohnungen in Potsdam und Berlin zahlte ich insgesamt fünfzig Mark Miete im Monat, eine Zugfahrt zwischen beiden Städten kostete siebzig, ein Bier in der Gaststätte um die fünfzig Pfennig. Ich fuhr Fahrrad, trug chinesische Arbeitshemden, und das Essen in den Kneipen war nicht gut, aber billig. Es schlug auch nicht weiter zu Buche, wenn ich Freunde zum Essen und Trinken einlud. Manchmal, wenn ich eine neue Jeans aus dem Shop brauchte, tauschte Albert mir Ostgeld in D-Mark um, die er von seiner Westverwandtschaft bekam. Für fünfhundert DDR-Mark ließ ich mir eine Lederhose schneidern, die ich nicht waschen musste und zwei Jahre lang kaum mal auszog. Mit Geld konnte ich nichts anderes anfangen, als es zu verfressen und zu versaufen.

Irgendwann wurden mir die permanenten Kneipenbesuche langweilig, und um mich abends zu beschäftigen, fing ich an, auf Papierstreifenresten aus der Kupferdruckerei mit Tinte und Feder Comicstrips zu zeichnen. Vorbilder waren Zeichner wie Gerhard Seyfried und Robert Crumb, die autobiografische Geschichten über Bullen, Sex und Anarchie erzählten, aber auch Albert Uderzo und Morris, die Väter von Asterix, Umpah-Pah und Lucky Luke.

Comicausstellung und 70er-Jahre-Party

Die Comicgeschichten, die ich nach Feierabend zeichnete, handelten von Ostfrust und jungen Leuten ohne Zukunft, die versuchten, sich den sozialistischen Alltag schönzusaufen. Ich nannte meine Comics „Zeit des Wartens“, „Der große Abgang“ oder „Ullrich, der Toilettenwart“; sie erzählten von Volkspolizisten, die in öffentliche Toiletten gesperrt wurden, und von einer konspirativen Gruppe, die sich Rechte Arm Fraktur nannte und mit Überfällen auf Getränkestützpunkte die Regierung stürzen wollte.

Die Helden waren OL und PE, zwei Säufer, von denen es einen in den Westen zog, während der andere, etwas phlegmatische, im Osten blieb. Mit ihren Augenringen und Knollennasen ähnelten sie den bierseligen Brösel-Prolls aus den Werner-Comics, die damals selbst auf unserer Seite der Mauer kursierten. Wenn ich abends nicht in der Kneipe hockte, saß ich nächtelang vorm Radio, bei Bier und Schokolade, die ich unten bei dem dicken Wirt der Helmholtzklause kaufte, und arbeitete an meinen Comics. Manchmal malte ich, ohne Konzept, einfach ab, was ich gerade hörte, Geschichten, die das Leben schrieb und die nie jemand veröffentlichen würde. Geschichten von prügelnden Vopos bis zu dicken Bonzen, die Sätze sagten wie: „Glasnost ist Scheiße am Schwanz. Dieses Thema gibt es für uns nicht! Unser Kurs ist richtig & der wird gefahren – bis ihr lacht!“ Die meisten der Zeichnungen wanderten 1989, nach einer Haussuchung seitens der Staatssicherheit, in den Ofen; nur ein paar Geschichten haben überlebt.

„Mit OL und PE sitzen Sie in der letzten Reihe“ lautete das Motto der neugegründeten AG Gallenstein. Frei nach dem beknackten Slogan „Mit ARD und ZDF sitzen Sie in der ersten Reihe“. Wraggle druckte OL & PE Aufkleber, und wir beschlossen, eine Ausstellung in PEs Potsdamer Wohnung zu organisieren. Die Vernissage sollte im Juni stattfinden; so blieb uns bis zur Eröffnung genügend Zeit zum Renovieren. Wir strichen den Flur; die Türen wurden feuerwehrrot, die Wände hellblau, das Paneel lila, die Türrahmen schwarz. Man sollte sich wie bei Ernie und Bert fühlen. An den Wänden, hingen meine Zeichnungen unter Glas, und in zwei umgestülpten Aquarien präsentierten wir Objekte, wie sie in keiner guten Galerie fehlen durften: Getragene Socken und unsere nie gewaschenen Rotweinblechtassen. Drum herum tote Fliegen und Kleingeld.

Für eine Comicausstellung brauchten wir natürlich auch Kostüme. Die Anfertigung übernahm unser Freund Scheffel, der Mann mit der schnellsten Nadel der Stadt. Nach zwei Tagen waren die maßgeschneiderten Ganzkörpertrikots aus blauem Jersey fertig. Auf die Brust malte ich mit Textilfarbe ein Superman-Logo mit unseren Initialen O und P. Wir trugen rote Unterhosen, Umhänge aus rotem Fahnenstoff und im Schulterbereich eckige Schaumgummipolster. Anlässlich der Eröffnungsrede ließ PE sich einen „Klobrillenbart“ stehen. Er spielte den Galeristen, ich den Künstler. Auch unsere Gäste mussten sich verkleiden. In der Einladung hatten wir um „Gepflegte Garderobe“ gebeten. Die meisten erschienen im Retrolook. Die Damen in Netzstrümpfen und Lederminiröcken, die Herren in Präsent-20-Anzügen und Stasi-Lederjacken, mit Schlipsen und Handgelenktaschen, Koteletten und Bärten, echten oder angeklebten.

Damals waren die 70er-Jahre-Partys noch längst nicht wieder in Mode gekommen. Wir ahnten nicht, wie weit wir unserer Zeit voraus sein sollten. Manchmal saßen wir in Schlaghosen und Westover, mit fettigem Scheitel und Stielkamm in der Hosentasche in Szenecafés und erfreuten uns an den Reaktionen der Gäste und Kellner. Die meisten konnten nicht einschätzen, ob wir frisch aus dem Knast oder vom Rummelplatz kamen. Niemand rannte Ende der 80er freiwillig in solchen Klamotten durch die Gegend.

Das Büfett für die Vernissage war vollgestellt mit warmen Martinis, gemixt aus bulgarischem Wermut und ostdeutschem Gin. Daneben lagen mehrere Zweikilostücke von reifem Limburger Käse.

Am Tag der Ausstellungseröffnung befanden sich die staatlichen Sicherheitskräfte in höchster Alarmbereitschaft. Im Zentrum von Potsdam standen Volkspolizisten und Mitarbeiter des MfS Mann an Mann. Doch die Organe interessierten sich nicht für einen dürren Superhelden mit flatterndem Umhang, der auf einem Rennrad zum Konsum fuhr, um Käse zu kaufen. Ihre Aufmerksamkeit galt dem Besuch des westdeutschen Außenministers; der sprach auf einer internationalen Tagung im Kulturhaus „Hans Marchwitza“ über die Chancen für eine deutsche Wiedervereinigung, die sich aus den Reformbestrebungen in der Sowjetunion ergäben. Ein Jahr nach unserer Comicausstellung und seiner Rede in Potsdam hatte Hans-Dietrich Genscher dann seinen ersten Auftritt als kostümierter Superheld Genschman im Satiremagazin Titanic.

Im Januar hatte PE Geburtstag. Es war ein warmer Winter ohne Schnee. Graubrauner Nebel hing über der Stadt. Die Party zog sich über zwei Tage hin. PEs enge Küche war voller Leute, von denen nur ich am nächsten Tag arbeiten musste. In der zweiten Nacht zog die Karawane ins Café Nord, eine Disco in der Schönhauser Allee. Die Musikanlage beschallte derweil weiter den Hof. Um drei klingelte die Polizei. Ein Freund von PE, der den letzten Zug nach Potsdam verpasst hatte, öffnete die Tür. Außer ihm war bloß noch Scheffel da, der in voller Montur auf dem Hochbett schlief. Die Polizisten sahen sich um und betrachteten meine Comics. Eine halbe Stunde später rückten fünf Stasibeamte mit zwei Zeugen aus dem Vorderhaus an. Es bestehe der dringende Verdacht, dass sich in der Wohnung staatsfeindliches Material mit pornografischen Inhalten befände. Wer denn der Hauptmieter sei, fragten sie Scheffel. Peter Prinz? Den Namen hätte er noch nie gehört. Wie er in die Wohnung gekommen sei? Ein Rätsel. An eine Frau könne er sich erinnern, mit der hätte er im Café Nord oder im Lolott oder in der Lotos Bar getrunken. Sie habe ihn sitzenlassen, und dann sei er weitergezogen. Irgendjemand habe ihn zu einer Party eingeladen. „Wie heißt die Straße hier noch mal?“ Eigentlich trinke er gar keinen Alkohol. Aber bei Liebeskummer, was soll man da machen? „Gehen Sie nach Hause! Schlafen Sie sich aus.“ sagte der Stasimann.

Als PE am nächsten Morgen zurückkehrte, stand seine Wohnungstür offen. Die Bilder, meine Zeichnungen, alle Fotos und das OLPELY-Brett – verschwunden. Auch die Monopoly-Spielfiguren hatten sie mitgenommen, den kleinen Zylinder aus Zinn, das Auto, Fingerhut, Bügeleisen, Schuh und Hund. PE war gerade wieder eingeschlafen, als die Polizisten zum dritten Mal kamen. Sie mussten ihm mit dem Gummiknüppel auf die Beine schlagen, um ihn wach zu bekommen. „Von wem stammen die Zeichnungen? Wer hat die Fotokopien gemacht? Gibt es mehr davon? Und wer oder was ist OL?“ In den Vernehmungen, zu denen sie ihn schleppten, war von „Verunglimpfung der Staatsmacht“ die Rede. Am Abend wurde er entlassen. „Sie hören von uns!“

Drei Wochen später saß ich in der Kanzlei von Lothar de Maizière. Während Gregor Gysi mich verunsichert hatte, empfing mich sein Kollege mit Wärme und Verständnis. Ich war der letzte Besucher an einem trüben Februartag. Der Anwalt nahm sich Zeit für meine Geschichte.

Sterben. Oder doch in den Westen?

Ich wusste nicht, was die Stasi nach der Hausdurchsuchung herausgefunden hatte. Ich wusste nicht einmal, ob sie sich für mich interessierte, und ob sie etwas unternehmen würde. In einem jedoch war ich mir sicher: Wenn sie mich vorladen würden, wäre es nun nicht mehr so einfach, sich zu verweigern, wie damals, als ich vor der Kaufhalle stand und mit dem Finger auf den Stasimann zeigte, der mich rekrutieren wollte. Jetzt würden sie sagen: „Entweder du arbeitest für uns oder du sitzt.“ Und zu berichten gab es immer was.

In der Kupferdruckerei verkehrten fast alle bildenden Künstler der DDR. Es wurde getrunken und getratscht. Die Kunden erleichterten bei uns ihre Herzen, wie in einem Friseursalon. Knast oder Spitzel. Ich malte mir aus, wie sie mich zur Zusammenarbeit zwingen würden. Lieber wollte ich sterben. Oder eben doch in den Westen.

Zu Hause sortierte ich die Bilder, die ich noch hatte, Zeichnungen aus dem Kindergarten und Grafiken, von denen ich mich nicht trennen wollte, steckte alles in eine große Mappe und fuhr damit nach Heinersdorf. Mein Onkel arbeitete auf dem Dach. Fränze buddelte im Garten. „Kann ich das hier bei euch lassen?“ Fränze wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab. „Ich hab mir ’ne Fahrkarte nach Bulgarien gekauft.“ „Warst du nicht gerade im Urlaub?“ „Ich fahr nur bis Budapest.“

Mein Onkel kam dazu. „Willst du uns jetzt mit den Bekloppten alleine lassen?“

Fränze brauchte etwas länger, dann war sie geschockt. „Du jetzt auch …?!“

Olaf Schwarzbach: Forelle Grau Die Geschichte von OL. Berlin Verlag, Gebundene Ausgabe, 320 Seiten mit Abbildungen, 19,99. Erscheint am 16. Februar 2015

Premierenlesung: Mittwoch, 4. März 2015, 20 Uhr, Palais in der Kulturbrauerei, Schönhauser Allee 36, 10435 Berlin