Um kurz nach acht hält ein Mannschaftswagen der Polizei vor dem Köpenicker Containerdorf. Die Beamten holen einen Mann aus Eritrea ab, der seit Februar hier wohnt. Er kann noch ein paar Sachen einpacken. Dann fahren die Polizisten mit ihm davon.

Als alles vorbei ist, setzt sich Heimleiter Peter Hermanns auf eine Bank und zündet sich eine Zigarette an. „Der Mann ist suizidgefährdet. Er sollte heute ins Krankenhaus kommen“, sagt er. Hermanns Mitarbeiter haben den Polizisten ein ärztliches Gutachten gezeigt. Die Beamten zeigten einen Abschiebebefehl, weil der Mann in Italien einen Asylantrag gestellt hatte. Der Abschiebebefehl zählte mehr. Hermann nimmt einen tiefen Zug aus seiner Zigarette. Es ist früher Vormittag, und der Heimleiter sieht bereits erschöpft aus.

Seit fünf Monaten gibt es das Containerdorf in Berlin-Köpenick. Innerhalb von sechs Wochen wurden hier am Rand der Wohnsiedlung Allende II Bäume gerodet, das Terrain planiert und Container zu zwei Behelfsbauten zusammengefügt. Dann zogen die Flüchtlinge ein. Am Anfang gab es aufgeregte Proteste von Nachbarn, und Rechtsextreme nutzten den Unmut für ihre Zwecke aus. Es entstand die Gegenbewegung „Allende hilft“.

Unangenehmes Ritual

In Anbetracht der rasenden Geschwindigkeit, in der sich am östlichen Rand Berlins die Welt verändert hat, ist es geradezu überraschend, dass es nicht zu großen Zusammenstößen gekommen ist. Der Protest ist einfach abgeflaut. Befürchtungen, der Supermarkt würde leergekauft, der Bus überfüllt sein, die Kriminalität steigen, haben sich nicht erfüllt. Nur ein Ritual ist übrig geblieben. „Jeden Mittwoch treffen sich etwa 20 Leute an der Straßenecke“, erzählt der Heimleiter. Sie stehen dann da rum. Sie machen nichts, aber sie sind da. Das empfinden unsere Bewohner als Provokation, was es ja auch ist. Das Heim bekommen die nicht weg, aber das hält sie nicht davon ab zu zeigen, dass ihnen das nicht gefällt.“ Peter Hermanns bleibt deshalb mittwochs immer etwas länger.

Heute ist es ruhig. Die Kinder sind in der Schule, viele der Erwachsenen in der Stadt unterwegs. Eine Frau mit Kopftuch sitzt am Rand des Sandkastens und telefoniert. Ein Mann gießt die Kräuter in den Beeten, die die Bewohner selbst angelegt haben. „Garten der Hoffnung“ steht auf der Gießkanne.

Ein Sozialarbeiter kommt den Sandweg herauf und schildert dem Heimleiter, dass er einen Bewohner schon wieder beim Rauchen erwischt hat, obwohl das in den Häusern verboten ist und der Betreffende bereits zweimal abgemahnt wurde. „Lass ihn noch einmal helfen, sonst muss er ausziehen“, sagt Hermanns. Minuten später sieht man einen Mann übers Grundstück gehen und Zigarettenkippen in einen Eimer sammeln. Der Raucher büßt seine Strafe ab.

386 Flüchtlinge leben in Köpenick. Jeweils zu zweit wohnen sie zusammen, eingeteilt nach Religion und Sprache. Jedes Zimmer bietet Platz für zwei Betten, zwei Schränke, zwei Stühle, Tisch und Kühlschrank. Familien mit Kindern bewohnen nebeneinander liegende Räume mit Verbindungstür. 60 Menschen teilen sich Küche und Waschraum. Es gibt Putzpläne. Jeden Tag ist ein anderes Zimmer mit der Reinigung der Gemeinschaftsflächen dran.

Zwei Männer sprechen den Heimleiter im Flur an. „Es war wieder alles vollgeschmiert“, sagt der eine. Peter Hermanns weiß sofort, was gemeint ist. Irgendjemand verrichtet sein Geschäft auf dem Badezimmerboden. Ob aus Protest, einer psychischen Störung heraus oder weil Sitztoiletten schlicht unbekannt sind, ließ sich bisher nicht feststellen. „Wir werden alles desinfizieren lassen. Und dann mit dem Wachschutz versuchen herauszufinden, wer das ist“, sagt er.

Wachmann Ramazan Demirtas hat das Gespräch mit angehört und nickt. Im Dienst sind immer vier Wachmänner gleichzeitig, zwei überwachen aus einem kleinen Zimmer heraus den Eingangsbereich, damit keine Unbefugten eindringen, zwei patrouillieren über das Gelände. Sie sind auch abends noch da, wenn die Sozialarbeiter Feierabend haben. Dann geraten sie manchmal zwischen die Fronten. „Einige Bewohner trinken und sind laut, anderen gefällt das nicht. Die Kinder machen Krach. Und im Wohnhaus gegenüber wohnt ein Mann, der sich immer wieder beschwert“, sagt Wachmann Demirtas. Für Ruhe sorgen kann echt schwer sein, findet er, und fühlt sich hin und her gerissen zwischen Aufpasser, Beschützer und Kumpel.