Wenn ich nicht in Berlin gewesen wäre, wär’ es wohl schlimmer gewesen“, sagt Corinne Douarre und wirft einen kurzen Blick aus dem Fenster ihres Lieblingscafés, dem Mattea B. in Schöneberg. Auf das unheitere Wintergrau Berlins. Die Französin, eine der wichtigsten Vertreterinnen des neuen Chanson in Deutschland, war eine Zeit lang ganz still. Zurückgezogen, voller Fragen und Zweifel. Dunkelheit. Sie hielt sie aus und schrieb die Lieder ihrer neuen CD „Silences“. Chansons über die Sehnsucht nach Stille, über die Pausen im Leben, über Ängste und Brüche – Lieder, die mit eindrucksvoller Poesie und fein arrangierten Kompositionen berühren und sogar Hoffnung wecken. Ein Wunder, was für Wunder sie im Dunkeln fand.

Vergiss das Licht!

„In Berlin konnte ich damals durch den Wald gehen, minutenlang, ohne jemandem zu begegnen. Hab’ geheult und war froh, dass mich niemand sehen konnte. Versuch das mal in Paris.“ In einem Vorort von Paris ist sie geboren, seit 1997 lebt sie in Berlin. Einer der Gründe dafür ist ihr Vater: Der Franzose war als junger Mann Zwangsarbeiter in Plauen und kehrte nach dem Krieg zu seiner Familie zurück. Nach seinem Tod blieben für die Tochter viele Fragen unbeantwortet, und sie wollte mehr wissen über dieses Land, in dem ihr Vater Gefangener war. So kam sie nach Berlin. Über diese unaufgeklärte Zeit im Leben ihres Vaters hat sie das Lied „Plauen“ geschrieben und arbeitet bald an einem musikalischen Theaterstück über dieses Thema.

Aber erstmal musste sie die eigene Dunkelheit überstehen: „Alle sprechen immer vom Licht, das man braucht. Ich denke jetzt, nein, vergiss das Licht, geh in dich hinein, such’ im Dunkel, in der Tiefe, in der Stille – da findest du was. So war das für mich“, sagt sie. Ihr französischer Akzent schwingt sich dabei melodisch durch jeden Satz. Corinne Douarre singt Chansons, aber auf der Bühne wie im Leben könnte sie in manchen Momenten auch als Rockerin durchgehen. In ihrer Musik ist Melancholie die Grundstimmung, aber manchmal legt sich eine Klangschicht auf die andere und kräftige Gitarrensounds beschleunigen den Rhythmus.

Auf ihrer vierten CD präsentiert die 44-jährige Sängerin zehn Lieder, zehn Bilder der Stille, die sie mit dem Gitarristen Dirk Homuth aufgenommen hat. Sie selbst setzte sich ans Klavier, außerdem begleitet sie sich seit einiger Zeit in vielen Liedern auf der Autoharp, einer Mischung aus Harfe, Zither und Akkordeon. Sie bringt leise, zarte Töne mit großer Wirkung hervor. „Ich liebe den Klang. Sie hat nicht alle Akkorde, schränkt mich also auch ein, aber daraus erwachsen dann andere Ideen, andere Lieder.“

Berlin und das Gefühl, als Französin in Berlin zu leben, hat Corinne Douarre schon in vielen Liedern besungen. In „Berlin Mitte“ zum Beispiel, über das Berlin, das sie Ende der Neunziger Jahre kennenlernte. Ein Berlin, das heute langsam verblasst und unter dem Eis der schicken Bars immer mehr verschwindet, wie sie singt. Auch in ihrem jetzigen Programm hat Berlin als filigraner Hintergrund viele der neuen Lieder geprägt. Die Französin erlebt Berlin nicht als Party-Stadt, sondern findet hier schon lange Orte der Besinnlichkeit, Oasen der Stille.

„Die Lieder sind in der Stille entstanden“, sagt sie. Viele hat sie zu Hause geschrieben, einige auch in der Staatsbibliothek – das Lied über die Engel in Berlin zum Beispiel. „Das ist eine echte Insel der Ruhe am Potsdamer Platz. Ich habe geschrieben, um mir Gutes zu tun. Wollte aber auch über Themen schreiben, die mir Angst machen.“

Die Zeit, die Risse mit sich bringt, Worte und Namen vergessen lässt, besingt sie auf Deutsch und Französisch in „Ma Mémoire M'Oublie – Wenn mein Gedächtnis mich vergisst“. Ganz so schlimm ist es bei ihr noch nicht, aber das Alter beschäftigt sie seit einer Weile: „Wenn du 40 wirst, dann stehst du da und hast viele Fragen. Ich habe damals wahrgenommen, dass man irgendwann stirbt, dann ändert sich der Blick. Ich habe aber nicht an den Tod gedacht, sondern eher daran, dass ich noch Zeit habe, mich zu verbessern.“ Diesen optimistischen Blick drückt das leise Lied, „Ich werde älter“ aus – ein Chanson, das sie direkt auf Deutsch komponiert hat.

Auch die Liebe hat einen festen Platz in ihren Chansons. Corinne Douarre singt über die unheilvolle Stille, wenn Fragen unbeantwortet bleiben, besingt in ihrem Lied „Rappelle-moi“ (Ruf mich zurück) nicht nur die Angst, alleine nach Hause gehen zu müssen, sondern auch die Angst der Musikerin, am Ende eines Konzerts nicht vom Publikum zurückgerufen zu werden.

Wenn die Französin auf der Bühne steht, bedarf es nur kleiner Bewegungen und ihrer warmen Stimme, um das Publikum einzufangen. Sie ist konzentriert aufs Wesentliche, braucht keine effekthaschende Stimmakrobatik. Mit originellen Ansagen auf Deutsch nimmt sie während des Konzerts auch das nicht-französischsprachige Publikum mit, für das sie jetzt einige Lieder auf Deutsch übersetzt hat. „Ich lebe ja in den zwei Kulturen, möchte vielleicht keine Brücken bauen, wie man immer so schön sagt, aber vielleicht so etwas wie ein Seil spannen zwischen dem deutschen Publikum und meinen Liedern.“

Blaue und rote Lieder

Corinne Douarre denkt ihre Lieder in Farben und Formen, wenn sie sie arrangiert. „Es gibt die ganze Farbpalette: schwarze Lieder, die von der Dunkelheit erzählen, blaue Lieder, die erzählen, wie es ist, wenn einen das eigene Gedächtnis vergisst, und rote Lieder, die von der Liebe erzählen.“ Ob das von ihrer Architekturausbildung komme? „Das weiß ich nicht. Vielleicht bin ich so in meinem Kopf und habe deshalb Architektur studiert. Und jetzt komponiere ich so meine Lieder“, antwortet sie. Die Sängerin zeichnet auch für ihre Musik: Von der neuen CD gibt es eine limitierte Auflage von 111 Unikaten mit eigenen Zeichnungen.

Ob das neue Programm denn gut zum allgemeinen Winter-Dunkel in unseren Köpfen passe? „Nein“, sagt sie bestimmt, „ich war vielleicht depressiv, aber meine Lieder sind es nicht. Es sind einfach ruhige Lieder geworden.“ Sie freut sich auch darauf, als Zugabe frühere Lieder zu singen, wie „Berlin Mitte“. Oder das Lied über die kleinen, verwöhnten Prinzen im Prenzlauer Berg. Bestimmt wird ihr Publikum sie gern zurückrufen.