Jil (32) und Andre Bleicher (36) brachen im November zur Reise ihres Lebens auf und saßen während des Corona-Lockdowns in Rom fest.
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Berlin/RomSie wollten ein Abenteuer, sie bekamen ein Abenteuer – allerdings etwas anders als geplant: Die Berliner Jil (32) und Andre Bleicher (36) brachen im November zur Reise ihres Lebens auf. Ein knappes Jahr lang wollten sie durch Italien touren, neue Dinge sehen, die Sprache lernen, einen echten Tapetenwechsel erleben. Doch nach den ersten Monaten brach plötzlich die Corona-Krise los, der Lockdown begann – und die beiden Weltenbummler saßen in Rom fest.

Die Tour von Jil und Andre Bleicher sollte ein Ausbruch aus dem bisherigen Leben sein – und wurde zu einem Abenteuer, das sie so schnell nicht vergessen werden. Alles begann vor längerer Zeit mit dem Wunsch, einen echten Tapetenwechsel zu erleben. „Wir lernten uns vor elf Jahren in Mexiko kennen – und fanden es damals schon spannend, mit wie viel Leichtigkeit die Menschen in einer anderen Region durchs Leben gehen“, sagt Jil Bleicher der Berliner Zeitung. „Schon damals hatten wir den Plan, irgendwann  für einen längeren Zeitraum ins Ausland zu gehen.“

Einsam und verlassen: die beiden Reisenden kurz nach dem Lockdown auf der Piazza del Popolo in Rom.
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2019 heirateten die beiden. „Uns war klar, dass es jetzt, nach dem großen Ereignis, nicht so weitergehen kann wie bisher. Die Jobsituation entwickelte sich nicht so, wie wir das wollten, wir waren sehr lange in den gleichen Firmen“, sagt sie. Sie arbeitete in einer Marktforschungsfirma, er bei einem Personaldienstleister. „Irgendwann sagte ich, dass es mein Traum wäre, nach Italien zu gehen – und Andre sagte: Warum machen wir das nicht?“ Also wurde die Tour geplant. Sie kündigten ihre Jobs, suchten einen Untermieter für die Wohnung. „Weil wir mit einer Italien-Reise ein kleines, klappriges Auto assoziierten, mit dem man sich durch die Berge peitscht, kauften wir uns einen Polo“, erzählt André Bleicher. Eine Reiseroute gab es nicht. „Wir wollten uns einfach treiben lassen.“

Ende November 2019 brachen sie auf. Die erste Station war das Ferienhaus eines Freundes in Lucca in der Toskana. Ende Januar ging es weiter zu einer Gastfamilie nahe des Städtchens Sienna. „Dort lebten wir fünf Wochen. Wir bekamen eine Unterkunft und wurden versorgt, als Gegenleistung halfen wir der Familie im Alltag.“ Andre ging mit dem Großvater auf das Feld, stutzte Weinreben und Olivenbäume, Jil kümmerte sich um Tiere, Haushalt, Kinder. „Wir kamen als Fremde und gingen als Freunde“, sagt er. Nach fünf Wochen der Abschied, nächste Station: Rom.

Doch plötzlich wurde Corona das alles beherrschende Thema. „Als wir hinfuhren, war es schon in den Nachrichten. Die Italiener betrachteten das alles mit Sorge, aber mehr war es erst mal nicht“, sagt Andre. Doch dann, Anfang März, spitzte sich die Lage im Norden des Landes dramatisch zu. „Wir nutzten die erste Woche, um uns viele Dinge anzuschauen. Dann gab es plötzlich die ersten Sperrzonen im Norden, die Schulen wurden geschlossen.“ Schon Tage zuvor hatten sie beobachtet, dass sich vor den Supermärkten Schlangen bildeten, dass weniger Leute in die Geschäfte gelassen wurden. „Einen Tag später kam der Lockdown.“

Abenteuer mit Mundschutz: Abstands- und Hygieneregeln begleiteten Jil und Andre auch bei der Weiterreise nach dem Lockdown.
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Die beiden saßen in einer AirBNB-Ferienwohnung, bewohnten ein 14 Quadratmeter großes Zimmer, durften nicht nach draußen. „Wir hatten zum Glück einen Innenhof, den wir nutzen konnten. Dadurch hatten wir zumindest etwas Auslauf, konnten Sport machen. Ansonsten war es das wöchentliche Highlight, den Einkauf zu erledigen“, sagt Jil. Wenn sie nach draußen wollten, mussten sie ein Dokument mit sich führen – einen Nachweis darüber, dass sie einen Grund haben, sich überhaupt draußen zu bewegen. Erstaunlich dabei: „Wenn wir in Deutschland an die Italiener denken, denken wir an passionierte, leidenschaftliche, aber auch chaotische Leute. Wir haben es aber noch nie erlebt, dass sich Menschen so vorbildlich an Regeln halten.“

Die beiden erlebten, wie die Menschen gemeinsam auf ihren Balkonen sangen – Bilder, die auch Deutschland erreichten. Auch die schockierenden Aufnahmen von Armee-Transportern, die die Corona-Toten in Norditalien in der Nacht in die Krematorien fuhren, bekamen sie mit. „Man sah diese Bilder nicht kommen. Diese Szenen waren in der Zeit des Lockdowns gefühlt weit weg. Aber wenn man heute mit Italienern darüber spricht, merkt man, dass die Angst groß war.“

Während des Lockdowns trafen sich die beiden Berliner auch mit Freunden zum Abendessen – im Videochat.
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Die beiden Berliner nutzten die Zeit, um Brettspiele zu spielen, sie machten Sport und hielten den Kontakt in die Heimat aufrecht. Ein Abbruch der Tour kam nicht infrage. „Wir haben auch mit der Botschaft und dem Konsulat telefoniert, aber alles wäre sehr aufwendig gewesen. Die Wohnung in Berlin war untervermietet, die Fahrt zurück wäre auch eine Fahrt ins Ungewisse gewesen“, sagt Jil. „Und wir fragten uns: Warum sollte die Situation in Deutschland besser sein?“

Erst am 4. Mai kam es zu ersten Lockerungen. „Man durfte wieder vor die Tür, die Parks öffneten. Später machten Geschäfte wieder auf, die Restaurants boten Essen zum Mitnehmen an.“ Ein weiterer Monat verging, bis sie ihre Tour fortsetzen konnten, erst Anfang Juni wurden Reisen wieder gestattet. Der Moment des Aufbruchs kam. Die beiden reisten weiter an die Amalfiküste, nach Apulien und Kalabrien. Die neue Corona-Ära begleitete sie auch weiterhin: Masken tragen, Abstand halten, Fieber messen, Kontaktdaten angeben. Erst nach und nach kamen immer mehr Lockerungen. Momentan sind die Reisenden auf Sizilien, ab September soll es zurück nach Deutschland gehen. Was bleibt? „Die Tour war ein Abenteuer, das wäre sie auch ohne Corona gewesen, aber durch die Einschränkungen war alles noch etwas anders als geplant“, sagt Jil. Zu keiner Zeit hätten sie sich unsicher und bedroht gefühlt. „Wir haben erlebt, wie stark der Zusammenhalt in einem Land sein kann, um eine solche Situation zu überstehen. Und dass es möglich ist, sich an die Regeln zu halten.“