Berlin - Ich habe schon mal drüber geschrieben: Im tiefen Müggelwald, am Rande der Stadt, haust ein Neandertaler, ein übrig gebliebener echter Ur-ur-ur-Berliner. Er heißt Neander-Orje. Kaum jemand weiß es. Der Forschung aber ist’s bekannt. Und an diesem Wintertag ist ein Doktor der Charité zu ihm unterwegs, um ihn über die Corona-Pandemie zu informieren.

„Wer is’n da?“, ruft Neander-Orje, der vor seiner Hütte sitzt, ein dickes Fell übergeworfen. Als urigster Ur-Berliner berlinert er natürlich. Ist ja klar!

„Ich bin ein Doktor. Ich will Sie wegen Corona untersuchen.“ – „Wejen wat?“ – „Wegen Corona, der Krankheit“, sagt der Doktor. – „Wat for ’ne Krankheet? Die olle Fußfäule? Die Ohrkrätze? Oda kann man keene Farben mehr untascheiden?“ – „Wieso Farben?“, fragt der Doktor. „So etwas ist doch nicht gefährlich. So ’ne kleine Rotgrünschwäche haben doch viele.“ – „Wie, nich jefährlich? Dir ham se wohl mit ’ne Rassel aus de Höhle jelockt! Wenn de keene Farben mehr untascheiden kannst, siehste keene roten Früchte mehr zwischen de Blätta, keen Rotfuchs und keen Rotkäppchen. Denn musste verhungern. So is dit!“

„Ja gut, aber hier geht es um Corona, eine Krankheit, die auf die Lunge geht.“ – „Und wat hab ick damit zu tun?“ – „Na, ich will Sie bitten, sich nicht mehr als 15 Kilometer von Ihrer Hütte wegzubewegen und im Auto eine Maske aufzusetzen. Sie sind der einzige noch lebende Neandertaler in Berlin-Brandenburg, und Sie sollen uns doch nicht wegsterben.“ – „Biste blöde? Wat für’n Auto? Und wieso wegsterben? Is dit Dings so jefährlich?“ – „Ja, ein gefährliches Virus.“ – „Vieh-Russ? Dit Tier kenn ick nich. Frisst dit een uff? Oder hat dit’n Stachel?“ – „Nichts von alledem. Es ist ganz winzig, gar nicht zu sehen. Und es ist auch kein Tier, sondern ein winziges Kügelchen mit Erbinformationen drin.“

„Ick vasteh nüscht! Du redest, als wenn de jejen’n Boom jeloofen bist. Wie soll ick denn krank werden von wat, wat man nich sieht? Und wenn ick krank werde, denn kenn ick’n ollet Mittel. Denn nehm ick einfach ’n Topp, füll den mit Mäusekacke, Froschblut und Schneckenschleim. Und trink allet aus. Jloob mir, danach wirste nie mehr krank!“

Der Doktor schüttelt sich. Brrrr. Gott sei Dank muss man so was heute nicht mehr trinken, sondern kriegt es gleich als Pille. Aber gegen Corona gibts leider noch keine.

Weil er den Auftrag hat, Neander-Oje zu schützen, holt er eine Spritze aus der Tasche und sagt: „Ich werde Sie jetzt gegen die Krankheit impfen!“ – „Wat willste? Immppffnn?“, ruft Neander-Orje und starrt ängstlich auf die Nadel. – „Es ist nicht schlimm. Nur ein kleiner Pieks!“

Neander-Orje springt zurück. „Hau bloß ab“, schreit er, „du krichst gleich ’n kleenen Pieks!“ Er greift nach seinem Speer. Der Doktor rennt davon. „Das hab ich nun davon!“, denkt er. Was für ein Hinterwäldler! Querdenker! Keine Ahnung von moderner Medizin! Na, meinetwegen kann er aussterben.

Und ihm, dem Doktor, könnte man deswegen noch nicht mal einen Vorwurf machen. Der Neandertaler steht ja noch nicht mal auf der Impfliste.