Die Corona-Regeln sind gerade für alte Menschen eine Herausforderung. 
Foto: Imago Images

BerlinWenn ich in diesen Tagen mit meiner Mutter telefoniere, erkundige ich mich jedes Mal nach ihrem Tagesablauf. „Was, du warst einkaufen?“, frage ich manchmal entsetzt. „Das sollst du doch auf keinen Fall machen, Mama!“ Sie sei doch auch ein bisschen neugierig, wie es draußen zugehe, antwortet meine Mutter. Außerdem trage sie einen Schal vor dem Mund. Ich zucke entnervt mit den Schultern, was sie zum Glück nicht sehen kann.

Den Weg zur Bank, wo sie ihre Kontoauszüge ausdrucken will, besprechen wir im Detail: Früh morgens gehen, wenn noch nicht viel los ist, den Schalterraum nur betreten, wenn kein anderer darin ist und zu Hause bitte nicht vergessen, die Hände zu waschen. „Wäschst du dir auch wirklich jedes Mal die Hände, wenn du draußen warst?“, beginnt manches unserer Telefonate.

Die Angst um die als Hochrisikogruppe geltenden Eltern hat eine rasante Rollenumverteilung bewirkt in den vergangenen Wochen. Vorher war es meine Mutter, die sich erkundigte, ob ich mich auch gut ernähre, genügend Schlaf bekomme, warum ich so blass aussehe. Nun will ich plötzlich alles Mögliche von ihr wissen: Mit wem sie Zeit verbringt, wo sie hingeht, wie sie sich verhält. Manchmal würde ich sie am liebsten festsetzen. Und ich bin nicht allein.

Wenn ich mit Freunden oder Bekannten spreche, kommen wir unweigerlich irgendwann auf die Eltern. „Sind sie vernünftig?“, lautet die Frage. Nicht immer, heißt es dann oft. Eine Nachbarin erzählte vor ein paar Tagen empört, ihr Vater sei zu einer Geburtstagsfeier gegangen. „Ich konnte ihn nicht davon abhalten.“ Eine Freundin berichtete entnervt, die Mutter habe ihren Vorschlag abgelehnt, sich gegen Pneumokokken impfen zu lassen: „Das brauche ich doch nicht.“ Ein Freund sagte kopfschüttelnd, seine Mutter lasse sich von gemeinsamen Unternehmungen mit ihren Freundinnen nicht abbringen.

Meine Mutter ärgert sich darüber, dass in der Zeitung immer von „den Alten“ die Rede ist. Sie findet das diskriminierend. „Aber es ist doch so, dass für euch die Gefahr größer ist“, sage ich dann. Und denke dabei, dass es angesichts einer Pandemie nicht um kokette Empfindlichkeiten gehen sollte. Meine Mutter sieht das offenbar anders. Jedenfalls findet sie, dass man auf ihrem Alter nicht ständig herumreiten sollte.

Es ist normal, dass die erwachsenen Kinder irgendwann für ihre Eltern sorgen, wenn diese das nicht mehr selbst tun können, dass sie Verantwortung  für sie übernehmen, Entscheidungen für sie treffen. Für viele unserer Eltern trifft das aber noch gar nicht zu. Doch durch Corona hat dieser natürliche, sich über Jahre entwickelnde Prozess unerwartet Fahrt aufgenommen. Manchmal kommt mir das, was da grade passiert, wie ausgleichende Gerechtigkeit vor. Als Teenager haben wir unseren Eltern ja auch ganz schön was zugemutet.