Corona in Pflegeeinrichtungen sorgt für besondere Herausforderungen. 
Foto: doa/Frank Molter

PotsdamPflegende Angehörige geraten in Brandenburg häufig an ihre Belastungsgrenzen. Durch die Corona-Krise hat sich das Problem noch verschärft. Das ergab eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur. «Die Pflegesituation war für viele pflegende Angehörige emotional herausfordernd», sagt Gabriel Hesse, Sprecher des Potsdamer Gesundheitsministeriums. Er verweist dabei auf die Studie „Pflegende Angehörige in der COVID-19-Krise», die vom "Zentrum für Qualität in der Pflege“ (ZQP) und der Charité–Universitätsmedizin Berlin durchgeführt worden ist. Bundesweit hatten dazu 1000 pflegende Angehörige zwischen 21. April und 2. Mai an einer Online-Befragung teilgenommen.

„Sie berichten über Gefühle der Hilflosigkeit, belastende Konflikte, Verzweiflungsgefühle“, sagt der Sprecher. Besonders besorgt, die Pflege nicht mehr zu schaffen, seien Angehörige von Menschen mit Demenz gewesen. In Brandenburg werden Gabriel Hesse zufolge rund 82 Prozent der 132 000 Pflegebedürftigen daheim gepflegt. Über die Hälfte der Pflegebedürftigen würde keinerlei Unterstützung durch ambulante Pflegedienste in Anspruch nehmen. Die Zahl der pflegenden Angehörigen schätzt das Ministerium auf über 200 000.

„Vor allem, wer allein pflegt, ist schnell überfordert“, erklärt Claudia Gratz. Sie ist Beraterin bei der Hilfsplattform „Pflege in Not Brandenburg“ die vor zwölf Jahren auf Initiative des Gesundheitsministeriums ins Leben gerufen worden war. Im Jahr betreuen sie und ihre Kollegen gut 220 Fälle in mehreren Telefonaten und Besuchen. Ebenso coacht „Pflege in Not Brandenburg “auch Angehörigengruppen. „Das ist während des Corona-Lockdowns nicht möglich gewesen, geht aber nun wieder los“, sagt Claudia Gratz.

Sie bestätigt, dass besonders Angehörige von Demenzkranken Probleme in der Krise bekommen haben. „Die Pflege eines Angehörigen bedeutet auch immer ein Stück weit Isolation. Das wurde wegen Corona nun noch verstärkt“, sagt Claudia Gratz. Oft seien die Pflegenden selbst schon älter und gehörten nun auch zur Risikogruppe. Entsprechend habe die Plattform bei Anrufen vermitteln müssen, ob etwa Apotheken oder Supermärkte einen Bringdienst anbieten. „Viele Angehörige, deren Verwandte in Pflegeheimen betreut werden, haben sich ebenso Informationen über die Besuchsauflagen eingeholt“, berichtet die Beraterin.

„Seit Corona ist nochmals deutlich geworden, dass die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf vielfach nicht gelingt, aber auch kaum gelingen kann“, kritisiert Christian Pälmke von der Interessenvertretung und Selbsthilfe pflegender Angehöriger „Wir pflegen“ in Berlin. Die Tagespflegen seien flächendeckend geschlossen worden. Die dadurch entstehenden Versorgungsengpässe hätten über die bestehenden Regelungen im Pflegezeit- und Familienpflegezeitgesetz nicht aufgefangen werden können. «Es braucht auch dringend eine längerfristige Lohnersatzleistung für pflegende Angehörige», fordert Christian Pälmke.

Wie Claudia Gratz verweist auch Christian Pälmke auf den großen Mangel an Kurzzeitpflegeplätzen. „Bundesweit ist die Zahl der Einrichtungen mit eingestreuter oder solitärer Kurzzeitpflege zwischen 2011 und 2017 von 1673 auf 1205 gesunken“, sagt er. Und das obwohl immer mehr Menschen in der Häuslichkeit versorgt und gepflegt würden. In der Folge entstünden durch den Mangel an Kurzzeitpflegeplätzen Wartezeiten von nicht selten über einem Jahr. „Damit sind Familien in akuten Pflegesituationen, zum Beispiel wenn der pflegende Angehörige krankheitsbedingt ausfällt, häufig auf sich alleine gestell“t, sagt Christian Pälmke.

Neben „Pflege in Not Brandenburg“ unterstützen auch die 19 Pflegestützpunkte im Land pflegende Angehörige. Sie werden von Kranken- und Pflegekassen gemeinsam mit kommunalen Trägern betrieben. „In der Anfangszeit der Corona-Krise waren die Pflegeberater vor allem telefonisch für die Angehörigen erreichbar“, sagt Chris Behrens, der bei der AOK Nordost verantwortlich für die Pflegestützpunkte ist. Unter Beachtung der Hygieneregeln gebe es seit Kurzem wieder Hausbesuche. Das erspare Angehörigen gerade in ländlichen Bereichen lange Anfahrtswege.

Die aktuellen Corona-Einschränkungen wirkten zudem wie ein Beschleuniger für digitale Angebote. Pflegecoaching-Programme seien stark nachgefragt. „Für das vierte Quartal des Jahres planen wir ein Pilotprojekt in zwei Landkreisen in Brandenburg,“ kündigt Chris Behrens an. Dabei könne über eine Videokabine direkt Kontakt zu Pflegeberatern aufgenommen werden.

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