Wo wenig Platz ist, trifft die Krise die Menschen noch härter.
Foto: imago images/Schöning

BerlinDie Reihen von Plattenbauten an der Schönefelder Chaussee ist beeindruckend. Das Kosmosviertel ist eines der letzten dieser Art, die in Berlin Ende der achtziger Jahre errichtet wurden. Rund 6000 Menschen wohnen hier, darunter viele Familien, Alleinerziehende, auch viele Erwerbs- und Langzeitarbeitslose. „Viele Menschen hier haben bis jetzt schon stark gekämpft, alles unter einen Hut zu bekommen. Durch die aktuelle Situation wird dieser Kampf noch stärker“, sagt Daniel Fritz, Quartiersmanager in dem Gebiet.

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Die Ausgangsbeschränkungen durch die Corona-Krise treffen die Menschen in den Berliner Großsiedlungen hart, „besonders die Familien“, sagt Fritz. In dem Quartier leben oftmals Familien mit fünf Mitgliedern in drei Zimmern. Das sei meist unproblematisch – so lange es für Kinder oder Jugendliche möglich sei, rauszugehen und die Spielplätze oder Jugendclubs zu nutzen. Doch das geht im Moment nicht.

Beschränkungen der Bewegungsfreiheit

Eine zusätzliche Herausforderung stelle es für die Bewohner dar, für Kinder das Lernen zu Hause zu organisieren. „In vielen Familien hat nicht jeder einen Laptop“, so Fritz. Die Wände in den Häusern seien außerdem dünn. „Da merkt man, was in den Wohnungen nebenan passiert.“ Es entstehe ein großes Maß an Enge, das ein Bedrängungsgefühl auslösen könne.

Die Professorin für Stadtsoziologie an der Humboldt-Universität Talja Blokland beobachtet die Lage mit Sorge. „Fast 44 von 100.000 Menschen sterben in Berlin aufgrund psychischer Ursachen“, sagt sie. Dazu zählen Verhaltensstörungen und psychische Erkrankungen. Die Lebenssituation der Menschen in der Corona-Krise kann diese Zahlen nach oben treiben, sagt Blokland.

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Besonders in den Großsiedlungen gerieten die Menschen durch die Beschränkungen der Bewegungsfreiheit unter Druck, sagt die Stadtsoziologin. Gemeinsam mit ihrem Mitarbeiter Robert Vief hat sie eine Berlin-Karte entwickelt, die finanzielle und Platzverhältnisse in der Stadt deutlich macht. „Wo die Armut am größten ist, leben die Menschen auch auf engstem Raum“, sagt Blokland.

Keine Ansprechpartner

„In Spandau-Staaken sind zwischen rund 50 und 77 Prozent der Kinder von Armut betroffen. Die Wohnfläche, die den Kindern dort zur Verfügung steht, liegt im niedrigsten Bereich – zwischen etwa 11 und 33 Quadratmetern“, sagt Blokland. In Zehlendorf oder auch Teilen von Steglitz oder Köpenick leiden die wenigsten Kinder unter Armut. Die Quote liegt hier bei null bis 8 Prozent. Auch die Wohnfläche ist hier am größten: Den Bewohnern stehen dort zwischen rund 45 und 94 Quadratmetern pro Person in einem Haushalt zur Verfügung.

Grafik: BLZ/Hecher
Quelle: Monitoring Soziale Stadtentwicklung 2017

Blokland befürchtet, dass sich Suchtprobleme und Gewalt in der Krise verstärken. „Wenn die Lage in Familien in einigen Großsiedlungen schon schlecht war, werden die Probleme jetzt noch zunehmen“, sagt sie. Es komme hinzu, dass die Ansprechpartner in Stresssituationen wegfallen, weil Beratungszentren für Frauen oder Jugendliche geschlossen sind. Jugendzentren, die besonders für Teenager wichtig sind, hätten ebenfalls dicht gemacht. „Untersuchungen zeigen, dass Menschen sich in Stresssituationen nicht notwendig an ihre Familien wenden“, sagt Blokland. Stattdessen würden häufig „zufällig Anwesende“ zu Ratgebern. Sie würden nicht um eine Lösung gebeten, sondern Lösungen entwickelten sich im Gespräch.

„Es ist eine Frage der sozialen Gerechtigkeit“

Auch finanzielle Sorgen würden oft nicht in der Familie geteilt. Wer zum Beispiel bei der Kinderbetreuung viel Hilfe von Eltern oder Geschwistern in Anspruch nehme, zögere in der jetzigen Krise, auch noch um Geld zu bitten, denn das verstärke die Abhängigkeiten. „Vor allem in persönlichen Beziehungen will man keine Hilfe annehmen, wenn man weiß, dass man die Rechnung später nicht begleichen kann“, sagt Blokland.

Sie fordert, die Ausgangsbeschränkungen in Berlin nicht flächendeckend anzuwenden. Eine solche Vorgehensweise sei „sehr problematisch“. „Diese Belastung holt uns später anderswo ein“, sagt sie. Sie schlägt einen Runden Tisch der Verantwortlichen vor, auf dem die Öffnung von staatlichen Angeboten zum Beispiel in Großsiedlungen diskutiert wird.

Jugendclubs oder Familienberatungsstellen könnten mit den notwendigen gesundheitlichen Sicherheitsvorkehrungen zumindest stundenweise geöffnet werden. „Es ist eine Frage der sozialen Gerechtigkeit. Die Belastungen sind ungleich über die Stadt verteilt“, kritisiert sie.

Ob ihr Vorschlag Resonanz findet, ist fraglich. Die Pressestelle der Senatskanzlei antwortete bis Redaktionsschluss nicht auf Fragen. Von Seiten der Polizei hieß es, dass es zurzeit noch keine Erkenntnisse oder Statistiken zu einem Anstieg von Kriminalität in Großsiedlungen gebe.

Je länger die Epidemie, desto eher mehr Gewalt

Bloklands Auffassung wird jedoch in den Quartiersmanagementbüros der Stadt geteilt. Die Aufmerksamkeit der Manager richtet sich deshalb auf Präventionsmaßnahmen. „Unser Jugendtreff hat einen Quiz auf Facebook organisiert, die Schulsozialarbeiter haben Hausaufgabenhilfe angeboten, das Elternzentrum gibt telefonische Beratung“, sagt Ines Müller, die in der High-Deck-Siedlung an der Neuköllner Sonnenallee im Quartiersmanagement tätig ist.

Dort wohnen viele Migrantenfamilien, in denen vor allem die Jugendlichen durch die Situation unter Druck geraten sind. „Die Eltern können nicht bei den Hausaufgaben helfen, und die Wohnverhältnisse sind beengt“, sagt Müller. Noch gebe es keine Probleme, aber je länger die Epidemie dauere, desto eher befürchtet sie, dass es zu mehr Gewalt in den Familien kommt, denn Probleme würden dort häufig nicht durch Kommunikation gelöst.

Hinter den Mauern

Viola Scholz-Thies vom Quartiersmanagement Heerstraße in Spandau befürchtet, dass die Existenzängste, die jetzt viele Bewohner ergriffen, ihre Frustrationstoleranz sinken lasse. Auch in ihrem Büro wird an digitalen oder telefonischen Angeboten für die Bewohner gearbeitet. Sie ist froh, dass die Streetworker noch durchs Viertel gehen und als Kontaktpersonen bei den Jugendlichen beliebt sind. „Sie arbeiten dort seit Jahrzehnten und sind auch abends unterwegs, wenn wir nicht da sind.“ Scholz-Thies sorgt sich darum, was in den Wohnungen an der Heerstraße in den nächsten Wochen passiert. „Hinter die Mauern ist nicht zu blicken.“