Debatte um Corona-Maßnahmen: Das vergessene Leiden der Alten in der Pandemie

Vor allem Menschen über 80 erkranken schwer an Corona. Trotzdem wurden Experten für Altersmedizin kaum in Diskussionen eingebunden. Mit dramatischen Folgen. 

ARCHIV - Die Zahl der in Kliniken behandelten Fälle wird Experten zufolge langfristig wegen der alternden Gesellschaft weiter ansteigen. Foto: Ole Spata/dpa
ARCHIV - Die Zahl der in Kliniken behandelten Fälle wird Experten zufolge langfristig wegen der alternden Gesellschaft weiter ansteigen. Foto: Ole Spata/dpadpa/Ole Spata

Dieser Text ist Teil der Serie „Corona-Debatte“. Alle Texte dazu finden Sie hier.

Bis Ende 2022 wurden laut Robert-Koch-Institut in Deutschland mehr als 36 Millionen Corona-Infektionen und knapp 160.000 Todesfälle (von mit oder an der Infektion Verstorbenen) registriert. Neben den verschiedenen Virusvarianten prägten saisonale Effekte, Impfungen und gesellschaftliche Maßnahmen wie Lockdowns, Maskenpflicht, Besuchsverbote, Reisebeschränkungen oder auch Schulschließungen den Verlauf der Pandemie.

Schon früh nahm die Virologie die führende Rolle in der Diskussion über die zu treffenden Maßnahmen ein. Von politischer Seite war das Handeln in der ersten Welle vor allem geprägt von den dramatischen Bildern aus der Lombardei. In der Folge rückten die Zahlen der Verstorbenen in den Vordergrund, ohne wirkliche Reflexion der Todesursachen. Ursächlich hierfür war auch eine völlig unzureichende Datenlage als unmittelbare Folge einer seit Jahren verschlafenen Digitalisierung im Gesundheitswesen. Die mangelnde Datenqualität zieht sich bis heute durch den gesamten Verlauf der Pandemie.

Schon sehr früh war klar, dass höhere Altersgruppen durch ihr geschwächtes Immunsystem zu den Hauptrisikogruppen zählen. In Deutschland waren etwa 65 Prozent der an oder mit Covid-19 gestorbenen Menschen älter als 80 Jahre, ebenfalls etwa zwei Drittel der Verstorbenen lebten in Langzeitpflegeeinrichtungen. Trotz dieses Umstandes wurde geriatrische Fachkompetenz in keiner Phase der Pandemie in wesentliche Entscheidungen eingebunden. Ähnliches galt für die pflegerische Expertise im Langzeitpflegebereich. Neben anderen durchaus relevanten Fachbereichen wurde die Geriatrie kaum gehört.

Das Problem der „Bereitstellungsprämie“ für Corona-Betten

Insbesondere in der ersten Welle im Frühjahr 2020 zeigte sich in den Strukturen des Gesundheits- und Sozialwesens eine fehlende Vorbereitung auf eine Pandemie. Trotz entsprechender Warnungen vor einem derartigen Ereignis wurden kaum Vorkehrungen getroffen, sodass die ersten Wochen und Monate neben einem akuten Mangel an Ausrüstung und Wissen von drastischen Lockdown-Maßnahmen begleitet wurden. Der akute Mangel an Ausrüstung traf vor allem Langzeitpflegeinrichtungen, aber auch den ambulanten Bereich. Die aufgetretenen Defizite konnten erst nach Wochen behoben werden.

Zeitgleich wurden geriatrische Rehabilitationskliniken und Abteilungen für Akutgeriatrie geschlossen oder in Covid-19-Stationen umgewandelt, was zu einer erheblichen Engpasssituationen in der geriatrischen Krankenversorgung führte.

Problematisch war dabei auch die „Bereitstellungsprämie“ für Covid-19-Betten. Kurz gesagt, Krankenhäuser hatten in manchen Fachrichtungen höhere Einnahmen durch leere als durch belegte Betten. Dies hat zu deutlichen Fehlanreizen geführt. So wurden bei fast jeder zweiten Akutgeriatrie oder Klinik für Geriatrische Rehabilitation die zur Verfügung stehenden Betten um 50 Prozent reduziert, in der Literatur beschrieben als das „Geriatrische-Rehabilitations-Paradoxon“.

Einem erhöhten Bedarf, eben insbesondere durch schwere und zum Teil langwierige Covid-19-Verläufe bei Älteren, stand ein vermindertes Angebot gegenüber mit erheblichen individuellen und gesundheitsökonomischen Folgen. Bis heute ist die geriatrische Versorgung durch diesen „Kahlschlag“ beeinträchtigt.

Auf die Einbindung geriatrischer Fachkompetenz in die Behandlung von Covid-19-Patienten mit typischer Multimorbidität, also dem altersbedingten Auftreten mehrerer Krankheiten gleichzeitig, wurde im Krankenhaus weitgehend verzichtet, sowohl in der Akutsituation und der vollstationären Versorgung wie auch in der Anschlussversorgung in der Reha. Die Geriatrie wurde hier in der Krankenversorgung genauso ignoriert wie in den politischen Entscheidungsgremien.

Die unmenschliche Isolierung von Pflegeheimbewohnern

Für die Versorgungssituation kritisch zeigte sich auch die Ausstattung und medizinische Versorgung der Langzeitpflegeeinrichtungen. Fehlende Ausfallskonzepte in der Pflege, eine unzureichende ärztliche und therapeutische Versorgung oder eine fehlende Sauerstoffversorgung der Bewohner führten zu erheblichen Qualitätsproblemen in der Versorgung. Etwa 80 Prozent der Corona-Toten in Deutschland starben in Langzeitpflegeeinrichtungen. 

Als besonders belastend wurden von den älteren Menschen die Besuchsregelungen in Langzeitpflegeheimeinrichtungen und Krankenhäusern erlebt. Der Fokus der Interventionen lag allein auf der Verhinderung von Infektion. Kollateralschäden wurden von der Politik in Kauf genommen für das vorrangige Ziel, die Sterbe- und Infektionszahlen so niedrig wie möglich zu halten. Dies führte zu einer zum Teil unmenschlichen Isolierung von ohnehin oft einsamen Pflegeheimbewohnern.

Zur Person
Univ.-Prof. Dr. med. univ. Markus Gosch ist President elect der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie. Als Chefarzt der Klinik für Innere Medizin 2 mit Schwerpunkt Geriatrie ist er am Klinikum der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Nürnberg tätig. Begleitet wird seine klinische Arbeit von zahlreichen Publikationen im Bereich der Alterstraumatologie. Markus Gosch war über viele Jahre Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (ÖGGG) und Leiter der Arbeitsgruppe für Polypharmazie und Pharmakologie in Österreich. Neben seiner ärztlichen Ausbildung absolvierte er berufsbegleitend weitere Ausbildungen, so unter anderem zum Master of Science für Gesundheitswissenschaften oder auch zum Qualitäts- und Risikomanager im Gesundheitswesen.

Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie wurden fast ausschließlich über gesetzliche Regelung getroffen. Diese Gesetze wiederum wurden vor allem auf politischer Ebene und beinahe ausschließlich unter Hinzuziehung virologischer Expertise getroffen

Gleichzeitig führte dies dazu, dass eine Evaluierung einzelner Maßnahmen (etwa Maskenpflicht, Besuchsverbote, Teststrategien) nicht mehr möglich war und ist, da bei einem Abweichen von den gesetzlichen Regelungen mit rechtlichen Konsequenzen gerechnet werden muss. Diese Umstände erklären, warum nach mehr als zwei Jahren Pandemie weiterhin keine ausreichende Evidenz für einzelne Maßnahmen generiert werden kann.

Was Tests vor einem Besuch im Krankenhaus bringen, bleibt unklar

Millionen an Steuergeldern wurden und werden in Corona-Tests gesteckt. Kontrollierte Studien fehlen. Vergleiche über die Ländergrenzen lassen zumindest den Schluss zu, dass man erhebliche Zweifel an dieser intensiven Teststrategie haben kann. Länder mit hoher Testquote hatten vergleichbare Zahlen wie solche mit einem geringeren Einsatz von Tests. Wie effektiv verpflichtende Tests vor Besuchen in Krankenhäusern und Langzeitpflegeeinrichtungen sind, ist ebenfalls weiterhin unklar.

Auch die Vorstellung, dass man eine Langzeitpflegeheimeinrichtung durch strikte Zugangsregelungen oder gar Besuchsverbote zu einem „geschlossenen“ System umwandeln könnte, war ein Irrtum. Die Wahrscheinlichkeit, ob und wann Covid-19 in einer Langzeiteinrichtung auftritt, hängt entscheidend von den Infektionszahlen in der jeweiligen Region ab. Etwas besser ist die Datenlage bei den Masken. Zumindest wissen wir heute, dass sie einen gewissen Schutz bieten. Welcher Art und wie groß der Schutz ist und welche weiteren Umstände (Kontaktzeit, Nähe) eine Rolle spielen könnten, ist aber ebenfalls noch in Diskussion.

Nach der Verfügbarkeit der Impfungen begann sehr früh die Diskussion über eine generelle Impfpflicht. Rückblickend und mit dem heutigen Wissen war es richtig, von einer generellen Impfpflicht Abstand zu nehmen. Die Impfpflicht für Berufsgruppen im Gesundheitssektor war zu Beginn der Pandemie sicherlich gerechtfertigt, da zu diesem Zeitpunkt nicht genügend Impfstoff zur Verfügung stand und damit ein Eigenschutz der Patienten und Bewohner von Pflegeheimeinrichtungen nicht möglich war.  

Nicht nachvollziehbar war das lange Festhalten an der Impfpflicht, insbesondere da sich spätestens mit dem Auftreten der Omikron-Variante zeigte, dass auch Geimpfte erkranken oder das Virus übertragen können.

Fragen, die aufgearbeitet werden müssen

Demokratiepolitisch problematisch ist die fehlende Einbindung der Bevölkerung in die politischen Entscheidungen. Dies trifft insbesondere auf Bewohner von Langzeitpflegeeinrichtungen und deren Angehörige zu. Viele befinden sich in einer palliativen Situation mit einer sehr begrenzten Lebenserwartung. Für einige mag der Schutz des eigenen Lebens oberste Priorität haben, für andere aber eher der Kontakt zur Familie und zu Freunden. Hier gilt es für die Zukunft dringend andere Lösungen als Besuchsverbote oder -beschränkungen zu finden.

Aus Sicht der Geriatrie erfordern folgende Fragen eine Aufarbeitung:
  • Welche Vorkehrungen müssen für die nächste Pandemie getroffen werden?
  • Wie können wir es in Zukunft schaffen, Entscheidungen über Maßnahmen auf eine breite Expertise zu stellen?
  • Warum wurden geriatrische Versorgungsangebote zurückgefahren, obwohl gerade diese Bevölkerungsgruppe am stärksten betroffen war?
  • Ist eine adäquate medizinische und pflegerische Versorgung unserer älteren Menschen Luxus oder eine ethische Verpflichtung?
  • Wie können wir die Ziele unseres Handelns im Rahmen eines demokratischen Entscheids festlegen?
  • Wie schaffen wir es, in solchen Krisensituationen schnell die notwendige Evidenz zu generieren, ohne auf die in diesem Fall zu langsam arbeitenden Förderinstrumente für wissenschaftliche Studien zu vertrauen?
  • Warum kommt Deutschland in der Digitalisierung im Gesundheitswesen nicht wirklich voran?

Antworten darauf sollten wir finden, bevor die nächste Pandemie uns erreicht.