Seit sich das Virus auf der ganzen Welt verbreitet, gibt es kaum noch andere Themen.
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BerlinWegen des Coronavirus bin ich Hans Castorp wiederbegegnet, und ich muss sagen, dass ich ihn genauso anstrengend finde wie vor 30 Jahren.

Als wir den „Zauberberg“ im Deutschunterricht lasen, nervte Castorp mich, seine Selbstzufriedenheit, seine Naivität und die alberne Aufgedrehtheit, mit der er der ungewohnten Welt des Schweizer Lungensanatoriums begegnet, in dem sein tuberkulosekranker Cousin lebt. Castorp, der Hamburger Bürgersohn, hat 1000 Seiten Zeit, um sich zu verändern, Thomas Manns Roman ist ja auch deswegen Schullektüre, weil man mit ihm den Punkt „Bildungsroman“ im Curriculum eindrucksvoll abhaken kann. Aber am Anfang macht er es einem nicht leicht.

Jeden Morgen Podcast

Ich musste jetzt öfter an diese entrückte, künstliche und doch komplette Sanatoriums-Welt von vor 100 Jahren denken, deswegen habe ich den „Zauberberg“ nochmal zu lesen begonnen. Die Themen da oben sind Krankheit, Ansteckung, Tod, viel mehr gibt es nicht. Mir fallen jede Menge anderer Bücher ein, die ich im Moment gerne lesen würde, aber es geht gerade nicht. Ich bin im Pandemie-Modus, ich komme da nicht raus und manchmal habe ich das Gefühl, ich möchte auch gar nicht.

Die Welt ist überschaubarer geworden, und brächte die Pandemie nicht so viel Leid, Belastung und Unsicherheit, ich könnte Gefallen finden an diesem neuen Gefühl von Übersicht. Vorher war es anstrengend, sich eine Meinung zu bilden, man konnte schnell den Anschluss verlieren. Ist der Bundeswehreinsatz im Irak richtig? Wie hoch muss die CO2-Steuer nochmal sein, damit das was bringt?

Alles weg. Informiert sein bedeutet jetzt, Fallzahlen zu kennen, Verdopplungszeiten, Letalitätsraten. Das Ziel ist klar, die Fronten auch. Bescheid zu wissen heißt für mich, jeden Morgen den Podcast von Christian Drosten zu hören, dem Virologen von der Charité. Es irritiert mich, dass er nach Ostern nur noch alle zwei Tage senden will. Die Tagesschau kommt doch auch täglich.

Das Leben vor dem Virus

Es ist normal geworden, dass es nur ein Thema gibt, nur manchmal flackert noch ein Gefühl von Unwirklichkeit auf. Alles bezieht sich auf das Virus, auch bei der Arbeit für die Zeitung. Das Virus und die Wirtschaft, das Virus und die Kultur, das Virus und die Partnerschaft, die Familie, die Angst.

Den „Zauberberg“ zu lesen, fühlt sich genauso befremdlich an wie damals als Schülerin, und zugleich vertrauter. Wir wohnen jetzt alle auf dem Zauberberg und schauen auf unser Leben vor dem Virus zurück wie Hans Castorp auf sein Leben im „Flachland“: Da hatte er Ehrgeiz und Pläne, jetzt sitzt er in einem Haus im Hochgebirge, wo die Zeit eine „ausdehnungslose Gegenwart“ ist. Es wird spannend sein, zu sehen, wie wir uns verändert haben, wenn wir den Berg verlassen.

Nie wieder der Alte

Als Hans Castorp in dem Sanatorium mit den Tuberkulose-Patienten ankommt – eine Lungenkrankheit, die, wie wir Amateur-Epidemiologen jetzt natürlich wissen, von Bakterien und nicht von Viren ausgelöst wird – denkt er schon wieder an seine geplante Abreise drei Wochen später. Er hat vor, „sein Leben genau dort wieder aufzunehmen, wo er es für einen Augenblick hatte liegen lassen müssen“. Es wird anders kommen. Hans Castorp bleibt sieben Jahre auf dem Berg. Und der Alte wird er nie wieder.

Dienstag im Homeoffice: Susanne Dübber hält sich im Wohnzimmer fit.