Polizist Hans Self ist bei der Bereitschaftspolizei. In Coronazeiten haben er und seine Kollegen völlig andere Aufgaben. 
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinDas Thermometer zeigt mehr als 20 Grad. Es ist die Zeit, in der die Menschen hinausströmen - in die Parks, an die Seen, auf die Spielplätze, in die Straßencafés. Normalerweise. Doch was ist schon normal in diesem Tagen. In denen Polizisten in Gruppen unterwegs sind, um Zivilisten, die ebenfalls in Gruppen unterwegs sind, auseinander zu scheuchen, sie von Rasenflächen zu vertreiben und von Bänken. 

Es sei ein komisches Gefühl, wenn man diese Aufgabe übernehmen müsse, sagt Hans Self. Gerade jetzt, wenn es warm werde und doch jeder rauswolle. Self ist Polizeiobermeister bei der Bereitschaftspolizei und Mitglied der Gewerkschaft der Polizei (GdP).

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Er ist ein Mann mit einem großen Freundeskreis, der sich selbst gerne mit Bekannten trifft: zum Sport, zu einem guten Essen, zum Quatschen. Der all das gerne macht, was nun nicht mehr erlaubt ist.

Self ist einer jener Beamten, die bei Fußballspielen gewaltbereite Fans davon abhalten, aufeinander einzuprügeln. Bei Demonstrationen sichert er den Weg der Protestierenden ab, bei großen Konzerten achten er und seine Kollegen auf die Sicherheit der Besucher. Die Beamten schützen rund 5000 Großveranstaltungen im Jahr. Normalerweise.

Nun fallen all diese Aufgaben weg für Hans Self und seine Kollegen. „Unsere Hauptaufgabe ist jetzt Corona“, erzählt der 32-Jährige. Bei den täglich wechselnden Verordnungen bleibt es schwer, die Übersicht über alle Regeln zu behalten

Ein direkter Kontakt lässt sich nicht vermeiden

Hans Self hat bei seinen Einsätzen, zu denen sie zu acht oder zehnt in einem Mannschaftswagen fahren, Schutzmaske, Desinfektionsmittel, Einweghandschuhe, Schutzbrille und ein Erste-Hilfe-Set dabei. „Der direkte Kontakt zu den Kollegen lässt sich damit gar nicht vermeiden“, erzählt er. Auch bei den Einsätzen laufen sie selten mit 1,50 Meter Abstand. Schon aus Eigenschutzgründen. Eine Maske tragen sie dabei nicht. Berlins Polizei will in der kontaktarmen Zeit bürgernah bleiben.

Jeden Tag werden die Polizisten vor Dienstbeginn gefragt, ob sie sich krank fühlen, ob es Krankheitsfälle in der Familie gibt. Fühlt sich jemand unwohl, wird er freigestellt. „Anfangs waren es 24 Kollegen am Tag, die getestet werden konnten“, sagt Benjamin Jendro, der Sprecher der Berliner GdP. Das soll beim Ärztlichen Dienst in der Radelandstraße in Spandau bis auf 40 Testpersonen täglich hochgefahren werden. „Das sind aber nur Kollegen, die Symptome einer Erkrankung zeigen. Vorrang haben Kollegen aus größeren Einheiten wie etwa den Hundertschaften oder die Spezialisten - Sprengstoffexperten etwa.“

Rund 26.000 Mitarbeiter zählt die Berliner Polizei, davon sind 17.600 im Polizeivollzugsdienst. 37 Kollegen hätten sich nach Jendros Angaben bisher infiziert, eine Woche zuvor waren es 26 Kollegen, die positiv auf das Coronavirus getestet worden seien. Bei 52 Einsatzkräften sei die Quarantäne angeordnet worden, die Zahl sinke. Vor einer Woche noch mussten 67 Polizisten in die Isolation.

Es gibt auch bei der Polizei nicht genug Masken

Laut Polizei ist jeder Beamter mit einer Atemschutzmaske, einer Schutzbrille und Schutzhandschuhen ausgerüstet. Von den Kollegen bekommt die GdP immer wieder Rückmeldungen, dass sie nichts haben oder das Verfallsdatum abgelaufen ist. „Es gibt nicht genug Masken“, erklärt der GdP-Sprecher. Und er findet es auch nicht sinnvoll, dass die Bereitschaftspolizei nun in Grünanlagen als besserbezahlte Parkwächter unterwegs sei.

Hans Self ist auch nicht begeistert von seiner neuen Aufgabe. Es sei kein gutes Gefühl, Freiheiten von Menschen einschränken zu müssen. „Das ist für keinen Polizisten angenehm“, sagt der durchtrainierte Mann, der zugibt, seine Freizeit auch lieber im Fitnessstudio oder im Freien zu verbringen.

Er sagt, wenn er die Leute anspreche, die den Sicherheitsabstand nicht einhielten oder in einer Gruppe auf einer Wiese säßen, dann im gemäßigten Ton. „90 Prozent der Berliner halten sich an die Regeln“, erzählt er. Bespuckt oder vorsätzlich angehustet sei er noch nicht worden. Die Vorstellung, dass eine Ausgangssperre verhängt werden könnte, gruselt ihn.

Self hat es nie bereut, Polizist geworden zu sein. Auch nicht in der jetzigen Coronavirus-Krise. Dabei, so sagt er, sei seine Bewerbung bei der Polizei eher eine Schnapsidee gewesen. Er habe zuvor unter anderem als Eventmanager und Barkeeper gearbeitet. Dann ging er ein Jahr in die USA, spielte dort im Profihandball.

Auch das Einsatztraining leidet in der Coronakrise

2011 verpasste die Nationalmannschaft, in der er spielte, die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2012 nur knapp. Kurz darauf kehrte Self nach Deutschland zurück. Freunde, die Polizeibeamte waren, machten ihn den Beruf bei der Polizei schmackhaft. Der aus Hessen stammende Mann bewarb sich deutschlandweit. Aus Berlin kam die erste Zusage.

Hans Self hält sich nun mit Laufen fit, zumal auch das Einsatztraining heruntergefahren wurde. 20 bis 25 Prozent der Dienstzeit sei eigentlich fürs Training, zu dem auch das Schießtraining gehört, vorgesehen, erklärt GdP-Sprecher Jendro. In Berlin betrage der Anteil an der Dienstzeit jedoch zu normalen Zeiten nur 13 Prozent, sagt Benjamin Jendro.

Derzeit hat Polizeiobermeister Self Urlaub. Den hätte er in den USA verbracht. Normalerweise. Verschieben wollte er den Urlaub nicht. GdP-Sprecher Jendro erklärt: „Es wäre grundsätzlich möglich. Aber wenn das alle Kollegen machen würden, dann wäre die Polizei nach dem Coronavirus wohl nicht mehr einsatzfähig.“

Hans Self hat bereits sein eigenes Ausstiegsszenario vor Augen. Wenn es wieder möglich ist, wird er mit Freunden essen gehen. Bei seinem Lieblingsitaliener. Dazu werde er einen schönen Wein trinken. Wie zu normalen Zeiten.