Unbequem ist die Situation für alle Beteiligten sowieso schon. Verunsicherung durch Mangel an Transparenz ist vermeidbar. 
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BerlinFür den Fall, dass Sie sich gewundert haben, wie unvollständig und zerstückelt die Informationen über Berliner Schulen mit Infektionsfällen seit Dienstag dahertröpfeln – hier mal ein Einblick ins Schulreporterleben. 

Über die Agentur oder – Gott behüte – die Konkurrenz kommt die Meldung rein, dass es an einer Schule Corona-Infektionsfälle gibt. Nun tun sich Fragen auf. Wer ist betroffen? An wie vielen Schulen in Berlin ist das gerade noch so? Wie viele Schüler und Lehrer sind stadtweit in Quarantäne? Die Senatsschulverwaltung sagt: „Wir haben keine aktuelle Übersicht, bitte bei den Bezirken nachfragen.“ Anruf bei einem Bezirksamt: „Bitte schicken Sie uns eine Mail.“ Antwort auf die Mail: „Dazu dürfen wir nichts sagen. Die Zusammenführung, Auswertung und Publikation der Zahlen liegt bei der Senatsgesundheitsverwaltung.“ Anruf bei der dortigen Pressestelle: „Damit haben wir nichts zu tun. Die Kommunikation zu den Schulen übernimmt die Senatsschulverwaltung.“

Augen auf bei der Berufswahl, könnte die geneigte Leserin nun denken. Doch dies ist kein Hilferuf. (Tröstende Worte und sachdienliche Hinweise werden dennoch unter margarethe.gallersdoerfer@berlinerverlag.com entgegengenommen.) Das Kommunikationsverhalten der Berliner Doppelverwaltung ist fatal: Wir müssen wissen, an welchen Schulen es Infektionsfälle gibt, wie viele es sind, und wie mit ihnen umgegangen wird. Das Coronavirus schafft schon genug Unsicherheiten: Warum macht die eine Schule ganz zu, die andere nicht? Wann kommt der Impfstoff? Wie viele virenbeladene Aerosole machen krank? Wenn Kinder und Jugendliche sich seltener anstecken, wie inzwischen mehrere Studien herausgefunden haben wollen: Warum warnten Christian Drosten und andere Virologen kurz vor dem ersten Berliner Schultag davor, ihre Rolle bei der Verbreitung der Pandemie zu unterschätzen?

„Wir sind hier nicht in Nordkorea“

Die Informationsgesellschaft ist es nicht gewohnt, mit so vielen offenen Fragen zu leben. Entsprechend gereizt ist die Stimmung in vielen Familien. Das Schulkind darf seit 10. August seine Großeltern nicht mehr sehen, die Lehrerin hat jeden Tag Angst, ihrem herzkranken Partner das Virus mit nach Hause zu bringen. Und Eltern sind sowieso nicht dafür bekannt, sich wenig Sorgen zu machen.

Bei so vielen, sich zum Teil widersprechenden Informationen sollten Senatsschulverwaltung und die Bezirke nicht noch durch kafkaeskes Kommunikationsverhalten für zusätzliche Grauzonen sorgen. Momentan sind die Medien darauf angewiesen, dass Schüler, Eltern oder pädagogisches Personal sich selbst melden. Dass Pressesprecher gute Laune haben. Oder dass die Schule in einem Bezirk liegt, dessen Gesundheitsstadtrat oder Amtsärztin klar ist, dass die Öffentlichkeit ein Recht auf Information hat. Und dass es deshalb nicht genügt, von einem „Infektionsfall an einer Grundschule“ und „ergriffenen Maßnahmen“ zu fabulieren. (Zitat eines Auskunftsbereiten: „Warum denn bitte nicht? Wir sind hier nicht in Nordkorea.“)

Es gibt keinen guten Grund, nicht den Namen der Schule und die Zahl der Betroffenen zu nennen. Der Datenschutz ist ein Vorwand, solange keine zu genauen persönlichen Daten genannt werden. Auch die Furcht vor dem Label „Corona-Schule“ ist eine Ausrede: Schon jetzt sind unter den betroffenen Schulen einige der besten Adressen der Stadt. Klare Informationen sind auch aus epidemiologischen Gründen wichtig: Sie könnten bei der Nachverfolgung helfen. Alle haben etwas davon, wenn sich zum Beispiel Sportvereine selbst beim Gesundheitsamt melden können, weil sie abends in der gleichen Turnhalle trainiert haben, in der tagsüber ein unbemerkt infizierter Sportlehrer beim Völkerball mitgespielt hat.

Die Informationen, die da sind, müssen raus, sonst gewinnen die Gerüchte die Überhand. Nach den ersten Meldungen von Infektionsfällen an Schulen ging das Geraune in den Sozialen Medien am Mittwoch sofort los: „Das sind bestimmt noch viel mehr, ich habe gehört, an der Nachbarschule ...“ Das geht nicht. Die Senatsschulverwaltung und die Bezirke müssen für Klarheit sorgen und das, was sie über Infektionen an Schulen und auch Kitas wissen, strukturiert an die Öffentlichkeit weitergeben. Am besten am Ende jeden Tages, mindestens aber am Ende jeder Woche. Die Menschen brauchen jetzt das Gefühl, dass sie alle Informationen, die da sind, auch bekommen. Es geht um ihre Kinder und um das Vertrauen, dass alle an einem Strang ziehen, um ihnen ein sicheres Lernumfeld zu ermöglichen. So sicher, wie es sein kann in sehr unsicheren Zeiten.