BerlinNeukölln ist in Sachen Corona in aller Munde. Erst sorgten die sommerlichen Raves im Volkspark Hasenheide mit geschätzt 5000 Teilnehmern bundesweit für Erstaunen, dann die großen Clan-Hochzeiten. Heute hat der Bezirk mit einem 7-Tage-Inzidenzwert von 214,6 Personen (Stand: 22. Oktober) den zweithöchsten Wert in der Bundesrepublik und rangiert gleich hinter Berchtesgaden, das sich bereits im Lockdown befindet. Der rund 330.000 Einwohner zählende Stadtteil ist ein absoluter Hotspot, wenn es um Corona geht. Wie geht es den Menschen in Neukölln damit, wie wirkt sich der rasante Anstieg der Fallzahlen auf ihr Verhalten aus? Und: Wo sehen sie die Ursachen?

Zehn Uhr vormittags auf der Sonnenallee: Hektische Betriebsamkeit, Autolärm, Sprachenvielfalt. Die Straße, in der sich türkische und arabische Lebensmittelgeschäfte aneinanderreihen, ist zum Synonym für den Bezirk geworden. Hier zeigt sich alles, was den Reiz, aber auch die Probleme des Bezirks ausmacht. Zig Imbissbuden verkaufen Börek, Falafel und Baklava. Doch in praktisch jedem Geschäft ist mindestens ein Mensch ohne Maske zu sehen. Mal ist es ein Mitarbeiter, mal ein Kunde, mal auch beide. In einem türkischen Supermarkt tragen viele Menschen gar keine Maske. In den Barbershops das gleiche Bild. In einer Apotheke fragen wir den Chef, wie er seine Kunden in Neukölln in den letzten Wochen wahrnimmt. „Keine Zeit!“ 

Erdogan hat seine Enkeltochter noch nie in den Arm genommen

Die quirlige, bunte, dreckige Karl-Marx-Straße – wie die Sonnenallee durchläuft sie den Bezirk wie eine Arterie. Wer hier auf Höhe der gleichnamigen U-Bahn-Station in eine ruhige Seitenstraße eintaucht, erreicht in ein paar Schritten die Räumlichkeiten des Vereins Aufbruch Neukölln. Die schlichte und doch liebevolle Einrichtung lässt erahnen, dass man hier mit wenigen Mitteln nach Kräften versucht, etwas Positives in die Welt beziehungsweise den Bezirk zu setzen. Hier treffen sich Neuköllner in Frauen-, Männer- und Vätergruppen zum regelmäßigen Austausch, es gibt eine Anti-Spielsuchtgruppe und Mal- sowie Musikgruppen.

Kazim Erdogan, Gründer des Vereins, begrüßt uns mit einem Tässchen Schwarztee, seine Bewegungen sind ruhig und gelassen. Der Psychologe und Soziologe hat schon viele Ehrungen erhalten und ist heute so etwas wie die gute Seele des Viertels. Der Mann, der für alle ein offenes Ohr hat. Heute will er seine Traurigkeit verbergen. „Wir haben Nähe gezeigt, uns umarmt und geküsst“, sagt er, „jetzt wurde uns das alles genommen. Corona ist ein Schatten von uns geworden.“ Jetzt, erzählt er, blieben ältere Kursbesucher aus Angst vor Ansteckung fern. Er bekommt mit, wie häusliche Gewalt zunimmt und viele junge Minijobber und Teilzeitbeschäftigte ihre Arbeit verloren haben. Vor drei Wochen ist er Opa geworden, seine Enkeltocher Aylin hat er aber noch nicht in den Arm genommen. Aus Vorsicht.

Kazim Erdogan ist Gründer des Vereins Aufbruch Neukölln.
Foto:  Benjamin Pritzkuleit

Unser Streifzug führt uns weiter nach Rudow. Dort, wo Berlin ausfranst und die großen Neuköllner Wohnblöcke schon längst kleinen einstöckigen Wohnhäusern mit Jägerzaun und exponierter Alarmanlage gewichen sind, ist Neukölln viel ländlicher geprägt als in der Gegend um die Sonnenallee. Horst Großer, ein rüstiger Mittfünfziger, legt viel Wert auf diesen Unterschied: „Wir wohnen in Rudow und fühlen uns nicht als Neuköllner.“ Seine Frau ergänzt: „Wir gehen hier gerne spazieren, das hier ist immer noch eine Welt für sich.“ Auch der Rudower Rentner Jürgen Zeschke fühlt sich hier sicher: „Wenn ich mit meiner Frau Am Fließ (ein kleiner Bach in Rudow, Anm. d. Red.) entlanggehe, kommt uns keiner entgegen.“ Hin und wieder müsse er aber mit der U7 ins Stadtzentrum: „Wie es dort zugeht, das ist fast schon kriminell. Immerhin: In den Bussen nehmen die Menschen das mit der Maske ernst.“

Seit sich das Pandemie-Geschehen Anfang Oktober dramatisch verschärft hat, wird um Erklärungen gerungen. Der Neuköllner Gesundheitsstadtrat Falko Liecke (CDU) führt den derzeitigen Notstand auch auf Feiern in türkisch-arabisch geprägten Großfamilien zurück. „Allein von Mitte September bis Anfang Oktober fanden sieben Großhochzeiten im Bezirk statt.“ Zwei Feiern mit bis zu 350 Gästen werden in der Rückschau heute als Superspreading-Events eingestuft. Und ebenso wie die Streuung des Virus ist die Rückverfolgung aller Anwesenden und wiederum ihrer Kontaktpersonen ein Problem – auch sie bringen die Gesundheitsämter über ihre Belastungsgrenze hinaus. 

Am entgegengesetzten Ende von Rudow befindet sich die Sehitlik-Moschee mit ihren detailverspielten Minarett-Türmen am Columbiadamm – sie markiert den nordwestlichsten Punkt Neuköllns. Ihr junger Vorsitzender Jakup Ajar, im grauen Tweed und burgunderroten Pulli, kann die Kritik an den Clan-Hochzeiten nachvollziehen, hält sich aber auf Nachfrage nach den Ursachen der Corona-Ausbreitung bedeckt: „Ich will keine Gruppe angreifen, das wäre unethisch und bringt uns nicht weiter. Gerade ist jeder Mensch gefragt, das Richtige zu tun.“

Er selbst habe sich keine Vorwürfe zu machen: „In jeder Predigt sagen wir, dass sich ältere Menschen von der Moschee fernhalten sollen, selbstverständlich haben wir ein stimmiges Hygienekonzept und lassen den Gebetsraum professionell desinfizieren.“ Schließlich schreibe auch der Koran vor, alles zu tun, was für den Schutz der Menschen erforderlich sei. Jetzt tröpfeln vereinzelt Besucher für das Nachmittagsgebet um 15.30 Uhr ein. Insgesamt sind es knapp zehn Männer, die auf ihren Gebetsteppichen in dem reich verzierten Raum in die Hocke gehen – allesamt mit Mund- und Nasenschutz. Ob er bei den vollen Freitagsgebeten schon einmal Männer habe abweisen müssen? „Nein, es würden auch mit Abstand circa 150 Personen in den Saal passen.“

Dass Corona gerade Neukölln so schwer trifft, schmerzt Kazim Erdogan, „weil die kleinen Minibrötchen, die wir backen, jetzt verschwinden“. Als am Vormittag ein deutscher Freund aus der Türkei bei ihm anrief, mit dem Hinweis, Erdogan soll bitte auf sich aufpassen, weil er im Risikogebiet Nummer Eins lebe, wurde der sonst so sanftmütige Mann richtig wütend. „So was nimmt doch meine ganze Kraft!“

Wer um die Verdienste Erdogans für seinen Kiez weiß, ist schließlich fast ein wenig gehemmt zu fragen, warum es gerade Neukölln so stark erwischt hat. Doch Erdogan antwortet beflissen. Zum einen seien die beengten Wohnverhältnisse in dichten, kleinen Wohnungen und die schwachen sozialen Verhältnisse eine ideale Brutstätte für das Virus. Zum anderen wären natürlich auch die „Sitten und Bräuche“ der hier ansässigen Menschen dem Pandemie-Geschehen zuträglich.

Doch die eigentliche Ursache für die rasante Ausbreitung des Virus sieht Erdogan woanders: „Wir konnten die Menschen nicht ausreichend für die Seuche sensibilisieren.“ Corona verbreite sich hier so schnell, weil die Kommunikation darüber schlecht sei oder kaum stattfinde. Gerade jüngere Menschen, die vor allem anfangs die Gefahr des Virus verharmlost oder gar ignoriert hätten, hätten sich auch von türkischen Staatsmedien leiten lassen: „Weil in der Türkei die Ausgangssperre auf Menschen ab 65 Jahren reduziert worden war, ist bei vielen der falsche Eindruck entstanden, Corona könne nur Älteren etwas anhaben.“

Was wünscht sich Kazim Erdogan für die Zukunft und für Neukölln? „Einen Impfstoff! Und natürlich viel mehr Miteinander – statt Durcheinander, Nebeneinander und Über- und Untereinander im sozialen Alltag.“ Seine Kurse im Aufbruch Neukölln lässt er währenddessen weiter stattfinden: „Es wäre ein fatales Signal, wenn ich meine Arbeit einstellen würde – denn auch diese Gemeinsamkeit gibt den Menschen Hoffnung.“ Und so wird ganz zum Schluss des Gesprächs aus einem sehr nachdenklichen, fast ein wenig niedergeschlagenen Erdogan wieder der „Süpermann“, als den ihn die Zeit einmal bezeichnet hat. Er entlässt uns mit dem Schlusssatz: „Man fällt, damit man später wieder aufstehen kann. So ist das auch mit dieser Pandemie.“

Privatpartys als Corona-Booster

Währenddessen fahren die öffentlichen Institutionen im Bezirk ihre Kapazitäten hoch – im Neuköllner Gesundheitsamt sollen bald 240 Mitarbeiter arbeiten, mehr als doppelt so viele wie im Normalbetrieb. Auch über eine Unterstützung des Zolls für das Ordnungsamt denkt man inzwischen laut nach. Schließlich muss das Alkoholverkaufsverbot ab 23 Uhr durchgesetzt werden. Große Feiern sind bereits seit dem 3. Oktober  untersagt, private Zusammenkünfte in geschlossenen Räumen dürfen nach den neuesten Regeln nur noch aus Personen aus dem eigenen Haushalt sowie fünf anderen bestehen oder aus Menschen aus maximal zwei Haushalten. Ab Sonnabend gilt zudem in der Karl-Marx-Straße überall die Maskenpflicht.

Es wird langsam dunkel. Das Bierbaum 3 ist eine urige Rockerkneipe im Schillerkiez. Inhaber Abdul Güzel ist ein kerniger Typ: Motorradfan, weißer Rauschebart und drei dicke Goldringe an der Hand. Ein Kerl wie ein Baum, schwer vorzustellen, dass ihn etwas umhauen kann – seit 17 Jahren führt er nun das Lokal. Trotzdem, vor dem nächsten Lockdown, „der sicher kommen wird“, hat er „Schiss“. Was ihn umtreibt, ist die Sache mit den privaten Partys: „Weißt du, was jetzt los ist? Vor Kurzem haben drei Leute, die waren vielleicht um die 20 Jahre alt, hier Cola getrunken und sind dann losgefahren und meinten, sie gehen jetzt bei ‘nem Kumpel feiern. Da würden sich 20, 30 Leute treffen. Das ist jetzt los. Und dort schert sich eh niemand mehr um die Maske.“

Wenn man ihn danach fragt, was er von den hohen Infektionszahlen in Neukölln hält, antwortet er trocken: „Ich kenn‘ keinen, der das hat. Ich weiß auch nicht, ob die Berichte wahr sind.“ Und trotzdem, auf eine Diskussion mit einem Stammgast, der von herkömmlichen Masken nicht viel hält („das ist wie Mücken mit dem Maschendrahtzaun fangen“) und sie deshalb lieber gleich ganz ablegen würde, lässt er sich nicht ein. In seiner rauchigen Stimme liegt viel Volumen, mehr noch als ohnehin schon, als er sagt: „Keiner kommt hier ohne Maske rein.“

Wirt Abdul Güzel vor seiner Rockerkneipe Bierbaum 3 im Schillerkiez.
Foto: Benjamin Pritzkuleit

Kann es sein, dass die vielen, sich ständig ändernden Regularien, die Uneinheitlichkeit in der Pandemiebekämpfung, die Menschen verunsichern und auch trotzig machen? Alfred Höfer, Mitglied des Betriebsrates beim Klinikum Vivantes mit Sitz in Neukölln, glaubt das: „Selbst in Gruppen, die ich zu den aufgeklärten zählen würde, scheint sich trotzdem Widerspruch zu bilden, mal abgesehen von rechten Gruppen und Verschwörungstheoretikern. Die ganzen unterschiedlichen Verordnungen schaffen eine Akzeptanzproblematik in der Bevölkerung. Hierin sehe ich eine Gefahr für den gesellschaftlichen Konsens.“

Im Bierbaum ist drinnen um acht Uhr nur ein Tisch besetzt, an dem zwei Italienerinnen Anfang 30 vor einer Tüte Rosmarin-Chips sitzen und jede vor einem Aperol Spritz. Beide wären jetzt lieber in Italien, in der Natur, aber es hilft ja nichts. Während Giulia schon mit dem Gedanken spielt, sich bald ins Auto zu setzen und zurück nach Siena zu fahren, gibt sich Antonella aus Sardinien kämpferischer: „Es ist wichtig, dass wir ausgehen und uns sozialisieren, gerade jetzt. Wenn alles nur noch online stattfindet, werden die Menschen immer unsicherer, ihre Gefühle zu zeigen. Wir verlieren so schnell die Fähigkeit, unsere eigene Emotion auszudrücken und auch die gezeigten Emotionen der anderen zu akzeptieren. Dass wir innerlich dicht machen, ist schrecklich.“ Nein, aufs Ausgehen wird sie freiwillig nicht verzichten, auch wenn die Kurve weiter nach oben geht.