Wie willst du leben? Was ist dir wichtig? Plötzlich nagen Fragen, die vor ein paar Wochen noch sehr weit weg schienen.
Illustration: Laura Breiling

BerlinDass die Lage ernst ist, merke ich, als ich fast ein Katzenbaby aus dem Wedding adoptiere. Es ist rot getigert und guckt mich aus großen Augen von meinem Laptop-Bildschirm an. Ich habe es im Internet entdeckt. Berlin ist kurz davor, ein Kontaktverbot zu Menschen außerhalb der eigenen Wohnung zu verhängen, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Für mich als Single heißt das: Ich sollte mir vielleicht jemanden ins Haus holen. Schnell. Und wenn es eine Katze ist.

"Eine Katze kann 18 Jahre alt werden, Julia, das ist, als würdest du jetzt ein Kind kriegen" schreibt eine Freundin via WhatsApp. Sie hat Recht. Ich schaffe es nicht einmal, einen Topf Kresse länger als drei Tage am Leben zu halten, ich kann mir kein Tier ins Haus holen. Corona-Shutdown hin oder her. Ich klappe den Laptop zu. "Scheiße." Ich sage das laut. Zu mir selbst. Sonst ist niemand hier.

Corona in Berlin: Kein Frühling, keine Partys

Ich bin Anfang 30, lebe allein und halte mich an die neuen Regeln. Soziale Kontakte sind auf das Nötigste einzuschränken. Nur wie viel ist das Nötigste? Das Bedürfnis nach Nähe nagt jeden Tag an mir – wann ist es also okay, einen Spaziergang mit meiner besten Freundin zu machen und wann könnte ich mich auch zusammenreissen und stattdessen einen Tee trinken?

Bis vor vier Wochen war ich gerne Single. Meine Freizeit spielte sich auf den Straßen, in den Restaurants, Bars, Clubs und Cafés dieser Stadt ab. Wäre alles wie immer, würde ich heute keine Katzen im Internet suchen, sondern mit meinen Freunden über den Markt am Boxhagener Platz spazieren. Zum ersten Mal seit Monaten wieder in Sneakern statt Stiefeln, den Mantel offen, die Sonnenbrille aufgesetzt. Wir würden spontan entscheiden, noch einen Aperol Spritz in der Sonne zu trinken. Mein Lieblingscafé würde wie jedes Jahr bei diesem Wetter die bodentiefen Fenster öffnen, vielleicht würde ich den ganzen Tag dort sitzen bleiben. Abends wird das Café zur Bar, manchmal spielt jemand Klavier. Der Frühling ist die schönste Zeit in Berlin.

Ich mag dieses Leben als Single. Ich genieße die Leichtigkeit und Unverbindlichkeit, die damit einhergeht. Ich kann tun, was ich will und treffen, wen ich will. Es ist genau das Leben, das ich mir vorgestellt habe, als ich mit 16 zuhause in der Kleinstadt vor dem Fernseher saß und mich in das Leben der Carrie Bradshaw aus der US-Serie "Sex and the City" geträumt habe. Okay, ich bin älter geworde und die Serie auch, ich will nicht mehr Carrie Bradshaw sein. Aber selbstbestimmt zu leben, das passt gerade gut zu mir, finde ich.

Doch statt mit Sonnenbrille und Drink in meinem Lieblingscafé zu sitzen, stehe ich jeden Tag um vier Uhr früh auf, um mit ungewaschenen Haaren per Mail ein Coronavirus-Update an die Leser der Berliner Zeitung zu schicken. Schon bis 6 Uhr habe ich zu viele schlimme Nachrichten gelesen. Geschlossene Grenzen, Ausgangssperren, in New York droht die komplette Überforderung des Systems, Italien beklagt weiter viel zu viele Schwerkranke und Tote.

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Es sind vor allem diese Momente, in denen ich einen anderen Menschen vermisse. Ich möchte jemanden wachrütteln können."Hast du dieses Video aus Bergamo gesehen?!", möchte ich fragen. Ich möchte, dass jemand mein Entsetzen teilt und die Angst, weil niemand mehr weiß, wie die Welt in einer Woche aussehen wird.

Hamsterkäufe in der Coronakrise: Rotwein statt Klopapier

Ich weiß, dass die Lage Paare und Eltern, Alleinerziehende oder wirklich einsame Menschen vor größere Herausforderungen stellt. Ich habe einen festen Job und ich bin froh, dass ich nicht zwei kleine Kinder den ganzen Tag unterhalten muss. Ich habe auch nicht das Bedürfnis, Hamsterkäufe zu tätigen, um eine ganze Familie wohlauf durch die Krise zu steuern. Mein Einkaufswagen enthält drei Dosen geschälte Tomaten, eine Familienpackung Kekse und drei Flaschen Wein – das einzige, was ich wirklich hamstere. Ich kaufe Rotwein wie andere Menschen Klopapier. Mich beruhigt, als ich im Internet ein Foto von Angela Merkels Einkaufswagen sehe, die Weinflaschen gut sichtbar und bei genauem Hinsehen entdecke ich eine Packung Schokolade. Noch ist also nicht alles verloren.

Ich kann nur nichts dagegen tun, dass es sich anfühlt, als hätte ich aufs falsche Pferd gesetzt. Zum ersten Mal seit Langem bin ich neidisch, wenn ich Paare sehe.

Ein Mann, dem ich im letzten Jahr begegnet bin, quetscht mich fast täglich fünf Minuten in seinen sonst vollgepackten Tag zwischen Arbeit und neuer Freundin, mit der er zusammengezogen ist. "Wie geht's dir", ist immer seine erste Frage, wenn er anruft. Während er im Supermarkt nach Gemüse sucht und mir erklärt, dass ich auf eine ausgewogene Ernährung achten soll, um körperlich und seelisch fit zu bleiben, greife ich den vorletzten Keks aus der Familienpackung und frage mich, ob ich mein Lebensmodell als Single überdenken sollte.

"Wie willst du leben?" sagt eine Stimme in meinem Kopf. "Was ist dir wichtig?" Die Krise wirft mich auf essenzielle Fragen zurück und das ärgert mich. Plötzlich hat sich ein Fragezeichen über mein Leben vor dem Coronavirus gelegt. Vielleicht ist ein Leben ohne Verpflichtungen  nicht so toll, wie ich immer dachte. Vielleicht habe ich in diesem Modell die schlechten Zeiten nicht eingerechnet. Es hat mir nichts ausgemacht, dass meine Wochenenden nicht aus Frühstück mit der Familie, Spielen mit den Kindern und Tatort schauen mit dem Partner bestanden. Meine Freunde in Berlin sind quasi meine Familie. Nur juristisch gesehen sind sie es eben nicht - und wer bleibt mir, wenn man laut neuer Regeln nur noch die "Angehörigen des eigenen Hausstands" sehen soll?

Jemand hat die Pause-Taste gedrückt. Mit jedem Tag, der vergeht, habe ich weniger zu erzählen, an einem Tag ist es nur ein Foto von zwei dicken Tauben auf dem Dach, das ich meiner besten Freundin schicke. Vermisse ich wirklich einen Partner – oder nur jemanden, der gerade da sein kann, weil ich verunsichert bin und mich langweile? Ich habe meine ganzen 20er in Beziehungen verbracht, ich war gerade glücklich mit mir selbst – ich wollte mich nie, schon gar nicht jetzt mit 31, fragen müssen, ob ich mir im Ernstfall allein genug bin. 

Das Gefühl, fremdbestimmt zu sein und nicht mehr frei entscheiden zu können, macht mich nervös. Ich tigere durch die Wohnung, es fühlt sich an, als müsse ich noch etwas erledigen, als verpasse ich etwas - aber da ist nichts, kein Termin, keine Geburtstagsfeier, kein Theaterbesucht. Da sind nur aneinandergereihte Tage, denen mein Job zum Glück noch eine gewisse Struktur gibt.

Corona: Dating trotz Social Distancing?

Ab und zu aktiviere ich die üblichen Dating-Apps auf dem Smartphone. Vielleicht, denkt die Optimistin in mir, ist diese Zeit auch eine Chance für meine Generation, die Generation Y, die sich angeblich nicht festlegen möchte und immer nach der nächsten Begegnung sucht. Nun sind wir  gezwungen, uns erst einmal für ein paar Wochen nur zu schreiben oder zu unterhalten. Dates sind zwar theoretisch noch erlaubt - aber wer trifft sich schon mit Sicherheitsabstand im Park?

Auf Netflix gibt es eine Reality-Serie. "Liebe macht blind". Die Kandidaten lernen sich kennen, ohne sich zu sehen und müssen so auch entscheiden, ob sie heiraten wollen. Vor einer Woche habe ich mich noch köstlich über diese Show amüsiert, die mir furchtbar unrealistisch erschien. Nun frage ich mich, ob die Idee vielleicht gar nicht so schlecht ist. Wenn uns die spontane Begegnung, das schnelle Urteil zunächst verwehrt bleiben - eröffnet das womöglich die Chance, sich wirklich kennenzulernen? 

"Wie geht es dir in diesen Tagen?" frage ich jeden Mann, dem ich virtuell begegne.
"Ich bin freigestellt. Ist cool, Geld zu verdienen, ohne zu arbeiten", schreibt der erste.
"Nach dem zweiten Weltkrieg kam das Wirtschaftswunder. Es wird auch dieses Mal ein Wunder geben!", der zweite.
Und der Dritte: "Ich lebe in Potsdam, ich merk ehrlich gesagt gar nix davon."

Ich schließe alle Dating-Apps, greife mir eine Flasche Wein aus dem Hamstervorrat und denke: Fuck you, Corona. Wenn das vorbei ist, dann gehe ich aus. In jedes Café, jeden Club dieser Stadt, der wieder eröffnet. Frei, egoistisch, unverbindlich. Ich sage nie wieder eine Party ab. Ich werde meine Freunde umarmen, das Personal in meinem Lieblingscafé, den Fladenbrotverkäufer auf dem Wochenmarkt, ja vielleicht verteile ich Umarmungen an alle, die gern eine hätten.

Solche Gedanken tun mir jetzt gut. Ich verstehe, dass die aktuellen Maßnahmen wichtig sind, um das Virus einzudämmen, aber ich fühle mich hilflos dadurch, und das macht mich wütend. Ich möchte meine Freiheit zurück. Mich erschüttert, wie fragil meine Überzeugungen auf der Tatsache fußten, dass ich frei bin – und wie sehr sie ins Wanken kommen, dadurch, dass mir Freiheit zu einem Teil genommen wird - wenn es auch nur die Freiheit zum Hedonismus ist. Ich beschließe, mich nicht verunsichern zu lassen. Denn eigentlich bin ich gern allein, ich will nur selbst entscheiden können, wann ich es bin. Der erste Schritt: akzeptieren, dass die Zweifel da sind. Dass sie mir manchmal schlechte Laune machen. Und dass ich vielleicht über die eine oder andere Frage tatsächlich noch mal nachdenken sollte, wenn das hier vorbei ist. 

Ich schreibe einer Freundin, von der ich weiß, dass sie Single ist. “Manchmal macht mich das Alleinsein fertig. Dich nicht?”

Sie antwortet: “Ich habe doch meine Katzen.”