BerlinVon April bis Juli hat Meryem, 19, etwa 50 Bewerbungen geschrieben. Sie wollte eine Ausbildung als Steuerfachgehilfin machen. Das Berliner Jobcenter, das ihr immer wieder Stellen schickte, verstand nicht, was schieflief. Die Bewerbungen waren einwandfrei.

Corona?

Sali Mahmud, 17, hatte in der 9. und 10. Klasse Schulpraktika in einem Hotel in Berlin absolviert. Das gefiel ihm, da habe man immer etwas zu tun gehabt, sagt er. Im Sommer hatte er seinen Mittleren Schulabschluss in der Tasche, plante eine Ausbildung zum Hotelfachmann. Nun sind Hotels zu. Er musste umschwenken mitten in der Isolation. Meryem auch. Wie macht man das?

Nach dem Schulabschluss hat man doch eigentlich genug zu tun: Da ist dieses Loch, der Wegfall von Strukturen, der Schritt ins Erwachsenenleben, die gemischten Gefühle, man verliert etwas und das Neue hat noch nicht begonnen. Und da ist das große Wort Zukunft. Zukunft besteht aber nur aus wenigen Tupfern, die sich erst mit der Zeit zu einem Bild verbinden. Die meisten Schulabgänger, egal ob von der Hauptschule, Realschule oder vom Gymnasium, wissen nicht, was sie einmal werden wollen. Sie brauchen Orientierung. Mehr Tupfer.

Vor zehn Jahren kam Sali mit seinen Eltern und seiner Schwester von Bulgarien nach Berlin. Seine Mutter ist Türkin, sein Vater Bulgare. Neben Englisch und Deutsch, spricht Sali Türkisch und Bulgarisch. Der Zuhörer am Telefon hat keine Schwierigkeiten, ihn sich hinter dem Tresen eines Hotels vorzustellen, einer, der die Gäste in ihrer Sprache bedient. Irgendwo vor dem geistigen Auge des Zuhörers taucht auch das Meer auf. Vieles wäre möglich. Hotels gibt es auch in der Türkei. Nun aber geht ein Strich durch die Lebensträume vieler Jugendlicher.

Ums Zuhören geht es, Ängste aussprechen, Träume formulieren

Sali erhielt einen Brief vom Arbeitsamt, in dem er gefragt wurde, ob er mit der Schule weitermachen wolle.  Ein Termin wurde vorgeschlagen. Dann vermittelte das Jobcenter ihn an Joblinge. Bei Meryem wechselte die Betreuerin im Jobcenter, diese sagte: Joblinge.

Joblinge ist eine bundesweit tätige gemeinnützige Aktiengesellschaft, gegründet von der Boston Consulting Group und der Eberhard-von-Kuehnheim-Stiftung. Sie hilft Jugendlichen mit schwierigen Startbedingungen, Praktika und einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Egal welcher Herkunft, egal ob MSA oder Abitur, egal welche Noten, welche Vorgeschichte, Joblinge kümmert sich um jeden Jugendlichen, der anklopft und Hilfe braucht. „Jeder bekommt hier eine Chance“, betont Jonas Hettwer, der das Berliner Büro von Joblinge leitet, in dem 13 hauptamtliche Mitarbeiter beschäftigt sind.

Wie geht das?

Kurz gesagt mit intensiver Betreuung. Ist doch viel zu teuer – diese Stimmen bitte einmal ausschalten. Bei Joblinge geht es ums Zuhören. In der Eins-zu-eins-Betreuung machen Jugendliche oft zum ersten Mal die Erfahrung, dass ein Mensch sich nur für sie interessiert, einer, der zudem der Meinung ist, dass sie zusammen etwas schaffen können. Reden, aussprechen der Ängste, Träume formulieren, all das ist wichtig, dafür braucht es ein Gegenüber, ein Zuhörendes. Das sei, so Meryem, anders als in der Schule mit mehr als zwanzig Schülern. Plötzlich ist da jemand, „der nur auf dich fixiert ist.“

Was?, fragen die Jugendlichen, die bekommen nichts dafür?

In Berlin engagieren sich 38 Mentoren, bundesweit 409. Kürzlich, erzählt Jonas Hettwer, sprach ein Jugendlicher mit einem Berater aus London, der, wären die Umstände anders, im Flieger gesessen hätte. Seit der Pandemie hat sich die Zahl der ehrenamtlichen Mentoren sogar erhöht. Joblinge verfügt zudem über ein Netzwerk von 2500 Partnerunternehmen, an die die Jugendlichen vermittelt werden.

Dennoch wird den Jugendlichen bei Joblinge nichts abgenommen. Es gibt Hürden, sie lernen, dass und wie man sie nehmen kann, wie man mit dem inneren Schweinehund – der ist ja nie um Ausreden verlegen – umgeht. Teils haben die Jugendlichen einen Migrationshintergrund, manche sind auf der Flucht gewesen, teils leben sie in beengten Räumen mit „Sofaeltern“, wie man depressive Eltern auch nennt. Die gibt es auch bei Einserabiturienten. Diese Jugendlichen brauchen Unterstützung.

Wer bin ich, was kann ich und was will ich? 

„Ich dachte, dass ich alles über meine Stärken weiß. In der Schule haben wir das rauf und runter behandelt. Bei einem Workshop bei den Joblingen habe ich mehr über mich erfahren, etwa, dass ich selbstreflektiert bin. Das gefällt mir.“ Die Freude und der Enthusiasmus sind Meryem anzusehen. Trotz Zoom. Seit sie bei Joblinge ist, Anfang November, probiert sie es mit ihrem liebsten Berufswunsch. Dieser tauchte zum ersten Mal auf, als sie mit 14 Jahren bei einer Diätassistentin war, die sie nach Essgewohnheiten und Sport befragte. Da war etwas, das sie interessierte. Pläne machen, Strukturen geben, verstehen wie Nahrung und Körpergefühl miteinander zusammenhängen. Die Ausbildungsstellen in Deutschland für Diätassistenten – man wundert sich – sind wenige, aber Meryem möchte es unbedingt versuchen.

„Wir lernen, wie wir als Team agieren, wie wir kommunizieren und wie wir Bewerbungen schreiben. Neulich habe ich über meine Rechte als Azubi gelernt. Die sind gut, sie motivieren einen. Wir sind eine kleine Gruppe, die sich an fünf Tagen die Woche trifft, real und virtuell“, erzählt Sali am Telefon. Er hat sich nun für einen Ausbildungsplatz als Einzelhandelskaufmann beworben.

Während sechs Wochen erhalten Jugendliche ein Training. Dazu gehören auch kulturelle Projekte. Im Hamburger Bahnhof entwickelte eine Gruppe zum Beispiel einen Audioguide, der dann von den Besuchern gehört wurde – Vollkontakt mit der Wirklichkeit. Eine Gruppe schrieb ein Theaterstück, erzählte die eigene Flucht übers Mittelmeer, über den Tod zweier Freunde. Auch hier mit Zuschauern. Und mit Tränen.

Museum, Theater … das geht gerade nicht. Der erste Lockdown offenbarte, dass 70 Prozent der Jugendlichen keinen Laptop besitzen. Bibliotheken, ansonsten Orte der digitalen Verbindung – geschlossen, Cafés – geschlossen. Um die Arbeit weiterführen zu können, musste die Hardware organisiert werden. Innerhalb von zwei Wochen organisierte Joblinge gemeinsam mit den Partnerunternehmen das technische Equipment. Es gab viele Spenden. Gleichwohl führte der erste Lockdown zu einem „massiven Rückgang“ der Nachfragen, erzählt Jonas Hettwer. Sie erreichten nur noch 30 Prozent der Jugendlichen. Normalerweise kommen diese über das Jobcenter, dort aber verschoben sich Prioritäten. Man musste sich dort um die Auszahlung von Geldern kümmern, die zu stocken drohte, weil Arbeitslose nicht mehr vorsprechen konnten.

Betriebsbesichtigungen und Vorstellungsgespräche

Not macht bekanntlich erfinderisch. „Wir haben die Ansprache der Jugendlichen mehr in die eigene Hand genommen“, erzählt Jonas Hettwer „und eine Social-Media-Kampagne über Facebook und Instagram gestartet, Plan A.“ A steht für Ansprechen, Aktivieren, Ausbilden. Und siehe da: 600 Jugendliche registrierten sich bei Plan A, werden oder wurden betreut.

Trotz Lockdown fand im September eine digitale Jobmesse statt. 400 Gespräche fanden dort statt. Es gab Betriebsbesichtigungen und Vorstellungsgespräche. 170 Jugendliche und 70 Unternehmen nahmen teil. Promotionfilme und Fakten helfen übrigens kaum, entscheidend sei der persönliche Kontakt, so Hettwer. Dadurch bekommen die Jugendlichen ein Gefühl dafür, ob es ihnen in dem Unternehmen gefallen könnte.

Die digitalen Maßnahmen haben die Betreuung intensiviert, alle haben viel mehr Arbeit, auch die Gruppendynamik fällt weg. Dennoch: Joblinge hat die höchste Vermittlungsquote seit jeher. Sie stieg von 75 auf 78 Prozent. Und sie ist nachhaltig: Die Jugendlichen bleiben bei ihrer Ausbildung.

„Kümmerlogik“, nennt Hettwer das. Ein Kümmerer macht viel, dreht an unterschiedlichen Schrauben, schnuppert Felder ab, schaut sich an, welche Maßnahmen wirken, riskiert Neues. Das zehnjährige Jubiläum von Joblinge Berlin fand gerade online statt. Wegen des Fachkräftemangels sind Unternehmen offener geworden, sie sehen, dass die Jugendlichen Potenzial haben. „Wir tun alles, um ihnen zu helfen, aber sie lernen auch, dass sie aus ihrer Komfortzone müssen“, sagt Hettwer.

Foto:  Benjamin Pritzkuleit
Sali Mahmud 

Nach sechs Wochen Training folgt die Praxisphase, in der die Jugendlichen auch begleitet werden, sei es bei einem Schnupperpraktikum, sei es bei der Ausbildung oder, wenn es darum geht, die Berufsschule zu meistern und Prüfungen zu bestehen. Insgesamt dauert das Programm sechs Monate.

„Corona“, sagt Sali, „um ehrlich zu sein, ist das richtig doof. Ich habe Sport in einem Fitnesscenter gemacht, dreimal in der Woche, das geht nicht mehr. Seit Ende August suche ich nach einem Ausbildungsplatz. Ich will selbstständig werden, aber es geht nicht, die Energie ist gebunden, ich wohne bei meiner Mutter.“ Die Isolation, so Hettwer, habe für viele Jugendliche große Schattenseiten. Manche fallen zurück in alte Suchtstrukturen, sind motivationslos. Die Begegnungen sind weggefallen, mit ihnen die aufmunternden Worte.

Die Politik allerdings habe viel möglich gemacht, meint Hettwer und hofft weiterhin auf eine „flexible Förderlogik“. Es wäre leichter, wenn nicht jedes Programm erst zertifiziert werden müsste, wenn sie mehr Spielraum bekämen, Entscheidungen selbst zu treffen. Raus aus der Box.

Joblinge finanziert sich zu 65 Prozent aus öffentlichen Mitteln, die restlichen 35 sind private Spenden. Schon von Beginn an haben sie viel aus der Wirtschaft abgeschaut, sind neue Wege gegangen. Der gesetzliche Rahmen allerdings belohne oft den Gleichstand, so Hettwer, anstatt die Innovation und das wirksamste Instrument.

Auf das Potenzial schauen, nicht auf die Begrenzung

In Deutschland sind 60.000 Ausbildungsplätze unbesetzt. 250.000 Jugendliche unter 25 bleiben laut aktueller Studie des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie im sogenannten Übergangssystem hängen, finden keinen Ausbildungsplatz. Das ist noch nicht alles. 200.000 Jugendliche sind arbeitslos gemeldet und 2,1 Millionen Jugendliche unter 34 haben überhaupt keinen Berufsabschluss. Ein Land wie Deutschland mit alter Gesellschaft kann sich eine solche Situation nicht leisten, zumal: „Wir könnten viel mehr Jugendlichen helfen“, sagt Jonas Hettwer.

In der Förderlogik der Ämter reiht sich aber oft Kästchen an Kästchen, Geht-nicht an Geht-nicht. Sogleich spürt man Druck auf Herz und Lungen, eine träge Stimmung will sich breitmachen. Stop. Neulich sagte Finanzminister Olaf Scholz bei Markus Lanz, es war die zweite amerikanische Wahlnacht, wichtig sei ihm: „Du kannst in dieser Gesellschaft auch eine ordentliche Perspektive entwickeln. Wenn wir Politik machen, dann geht es auch um dich.“ Verändert sich da etwas?

„These things – they are no dream – shall be“, heißt es in einer Hymne des Briten John Symonds aus dem Jahr 1857, die mit den Worten beginnt „Sad heart, what will the future bring?“ und voller Hoffnung und dem notwendigen Pathos eine bessere, luftigere, vor allem gleichere Gesellschaft zeichnet. Kästchensprengung in Deutschland. Ist das auch nach Corona möglich? 

Wer gibt Orientierung? Staatlich geförderte Initiativen, die eine vergleichbare Arbeit machen wie die Joblinge und den Jugendlichen beim schwierigen Übergang von der Schule in Ausbildung und Beruf zur Seite stehen: 

  • Die Jugendberufsagentur Berlin 
  • Die Initiative „Berlin braucht dich!“ 
  • Die Initiative "Nachschlag": Ein Projekt der zweiten Chance der abw (Gemeinnützige Gesellschaft für Arbeit, Bildung und Wohnung)