In der "Libelle": Besitzerin Stefanie Maerz in ihrem Kinderbuchladen im Friedrichshain.
Foto: Gerd Engelsmann

BerlinAm Eingang steht das personifizierte Böse: Darth Vader – der schwarz gewandete Schurke aus der Star-Wars-Saga. Im Film wechselt er am Ende wieder auf die Seite des Guten, und auch hier im Buchladen „Libelle“ ist die Kunststofffigur hilfreich: Jeder Kunde kann sich bei ihm Gummihandschuhe nehmen.

Corona sorgt für extreme Situationen, auch in diesem Buchladen im Friedrichshain. „Wir haben ganz am Anfang auf die Verbotslisten geschaut und sind sehr erfreut darüber, dass wir weiter machen dürfen“, sagt Stefanie Maerz. „Damit haben wir nicht gerechnet.“ Die 52-jährige hat die Libelle mit Inga Karbstein 2007 gegründet, seit zwei Jahren betreiben sie in Treptow eine Filiale.

Kinder dürfen nicht in die Spielecke

Dass Buchläden geöffnet haben dürfen, ist eine Besonderheit in Berlin. Dass ist bundesweit nur in Sachsen-Anhalt erlaubt. Maerz sagt, dass sich viele freuen, dass Buchläden in dieser extremen Zeit eine Insel der Normalität seien. „Besonders für die Kinder, denn anders als bei den meisten Buchläden ist unser Schwerpunkt das Kinderbuch“, sagt die diplomierte Pädagogin. „Die Bücher für Erwachsene sind bei uns die Nische.“

Es gelten die üblichen Hygiene-Regeln: Es dürfen nur zwei Kunden gleichzeitig in den Laden und die Kinder nicht mehr in die Spielecke.

Doch die Chefin sagt auch, dass sie ein schlechtes Gewissen hat. Denn sie verkauft mehr Spielzeug als sonst. „Weil der Spielzeugladen gegenüber geschlossen bleiben muss.“ Bei Büchern kam es anfangs zu regelrechten Hamsterkäufen.

Luxusproblem für Amazon-Chef Jeff Bezos

Auch diese Zusatzeinnahmen sieht sie nicht ungetrübt. „Bevor die Läden schließen mussten, wurden überraschend alle Bibliotheken geschlossen“, erzählt sie. Da hätten sich viele mit Kinderbüchern eingedeckt. „Wir haben so viel verkauft wie sonst am Tag vor Weihnachten, aber mit einer anderen Gefühlslage. Es war schon extrem beklemmend“, sagt sie. „Es macht keinen Spaß, das Geld von Leuten nehmen zu müssen, die sich eigentlich einen großen Berg Bücher kostenlos aus der Bibliothek holen wollten.“ Aber sie konnte ja die Bücher auch nicht verschenken.

Der Böse als Guter: Darth Vader verteilt die Gummihandschuhe.
Foto: Gerd Engelsmann

Für Berlins Buchläden könnte die Ausnahmeregelung ein Strohhalm zum Überleben sein, vielleicht sogar mehr. Denn seit Jahren kämpft die Branche gegen die Übermacht aus dem Netz, vor allem gegen Amazon. Bereits vor Corona wuchs der US-Konzern im zweiten Halbjahr 2019 dreimal so schnell wie der deutsche Einzelhandel, berichtet das Handelsblatt. Dann kam die große Krise. „Weltweit verschieben sich Marktanteile auf die dominierende Onlineplattform“, schreibt das Blatt.

Wegen des Ansturms hat Amazon-Chef Jeff Bezos nun ein Luxusproblem: Die Firma kann gar nicht so schnell liefern, wie bestellt wird. Selbst die Kunden des Abo-Dienstes „Prime“ bekommen ihre Ware oft nicht mehr innerhalb eines Tages, sondern erst nach Tagen.

Buchläden an der Ecke wiederentdeckt

Genau da sieht der Börsenverein des Deutschen Buchhandels eine Chance dieser Krise. „Amazon hat sich zeitweise vor allem auf Computertechnik oder Haushaltswaren verlegt“, sagt Johanna Hahn, die Berliner Geschäftsführerin. Das Buchgeschäft wurde vernachlässigt. „Viele frustrierte Amazon-Kunden kehrten zu den Buchläden an der Ecke zurück, und stellten begeistert fest, dass sie die Bücher dort auch online bestellen und innerhalb eines Tages abholen können – und sie müssen auch nicht mehr bezahlen.“ Das sei nun ein Vorteil gegenüber den völlig überlasteten Online-Lieferdiensten. „Wir hoffen natürlich, dass diese Kunden den Buchhandlungen an der Ecke auch danach treu bleiben.“

Es sei gut, dass Bücher verkauft werden dürfen. „Wenn ein Baumarkt zur Grundversorgung gehört, dann auch Buchläden.“ Große Geschäfte aber wie Dussmann haben geschlossen, weil sie die Hygiene-Regeln nicht durchsetzen können. Da haben es kleine Läden leichter. Einige bleiben aber auch geschlossen, weil sich die Verkäuferinnen nicht anstecken wollen. „Aber ein Großteil der Buchläden hat geöffnet“, sagt Johanna Hahn.

Der Umsatz brach um 30 Prozent ein

„Ich bin aus tiefster Seele überzeugt, dass man nicht bis zum Abwinken Serien sehen kann, Bücher sind ideal, um andere Welten zu besuchen, sich unterhalten zu lassen oder sich weiterzubilden. Bücher geben gerade in der Krise viele Anregungen für Gespräche.“ Aktuelle Zahlen zeigen, dass die Branche im März bundesweit 30 Prozent Umsatzrückgang  hatte. „Das zeigt aber auch, dass 70 Prozent ausgeliefert wurden“, sagt Hahn. Dass in Berlin die kleinen Läden profitieren, passe hervorragend. „Es gibt ein gesellschaftliches Umdenken gegen die globalen Konzerne.“ Es werden nicht nur regionales Gemüse und Fleisch gekauft, sondern die Kunden achten auch darauf, dass die Läden im Kiez überleben können.“

So ist es auch in der „Libelle“. In der ersten Woche des Lockdowns kamen noch nicht so viele Kunden. „Inzwischen machen wir mehr Umsatz als normal“, sagt Stefanie Maerz. Die Krise bringe die Kunden und den Laden enger zusammen. Aber die Solidarität mit dem Laden war Kiez schon immer groß.

Kleine Schlange vor dem Laden

Gute Buchhändler sind Vertrauenspersonen: Wenn sie den falschen Krimi empfohlen haben, ist der halbe Urlaubsspaß dahin und wenn sie einem Kind das passende Buch empfehlen, kann das die Kinder eine Leben lang prägen.

Die Libelle gilt im Kiez als Institution, Eltern empfehlen sie anderen Eltern. Und der Kiez ist mit den besetzten Häusern in der Rigaer Straße recht politisch. „Es gibt bei vielen das klare Bewusstsein: Wir kaufen nicht bei Amazon, sondern bei unserem Bücherladen“, sagt sie.

Ein Mann kommt in den Laden, die Tochter schaut ehrfürchtig zur Plexiglasscheibe vor der Kasse hinauf, hinter der die Verkäuferin steht, die sie eigentlich gut kennt. Der Vater ermutigt die Tochter und sie sagt: „Ich will ein Buch bestellen. Es heißt: Da lachen ja die Hunde.“ Vor der Tür hat sich eine kleine Schlange gebildet. Die Leute sehen Darth Vader und lächeln.

Stefanie Maerz ist froh, dass ihre Kunden ihr treu bleiben. „Vor allem danke ich meinen tapferen Mitarbeiterinnen. Das wird oft vergessen: Es gab und gibt eine große Verunsicherung, und ohne die Frauen an den Kassen würde nichts mehr laufen.“