Der Times Square in New York ist fast menschenleer.
Foto: dpa/Mark Lennihan

BerlinIch mache mir Sorgen um meine Freundin in New York. Die Corona-Zahlen dort gehen durch die Decke. Außerdem hat sie eine Cateringfirma, die nicht mehr so gut läuft und jetzt bestimmt keine Aufträge mehr hat. Weil ihre Miete ständig erhöht wird, zieht meine Freundin oft um. Immer weiter weg vom Stadtzentrum. Als ich sie das letzte Mal besuchte, lief ich durch Sozialbausiedlungen. Auf dem Rückweg nahm ich ein Taxi. Nachts solle man hier lieber nicht mehr alleine langgehen, sagte meine Freundin und lächelte.

Der amerikanische Traum

Sie ist die tapferste Frau, die ich kenne. Mit Anfang 20 zog sie aus ihrer schwedischen Heimatstadt nach New York, ging auf eine Modeschule, heiratete, bekam einen Sohn, ihr Mann betrog sie, sie kämpfte sich alleine durch. Als wir uns kennenlernten, gründete sie gerade ihre Firma. An mir probierte sie ihre Gerichte aus. Die Fotos für ihre Website machte ich auf dem Wochenmarkt auf dem Union Square. Eine blonde Frau zwischen Kräutern und Gemüse, eine Europäerin in New York.

Lesen Sie hier: Homeoffice: Pubertät und Corona-Krise sind eine toxische Mischung

Sie arbeitete Tag und Nacht, kochte für Robert de Niro und Matt Damon, versorgte an schwülen Sommerabenden die Reichen in den Hamptons mit Häppchen und Cocktails. Wenn ich schlafen ging, schrieb sie noch Angebote für Kunden, wenn ich aufstand, stand sie schon wieder in ihrer Küche. Ihr Plan war, den Durchbruch zu schaffen, genug Geld zu verdienen, um eines Tages in Europa ein sorgloses Leben zu führen. Der amerikanische Traum.

Keine Erholung von der Finanzkrise

Ihre zweite Ehe scheiterte nach einem Jahr, ihr Sohn wurde abgezogen und ging nicht mehr ohne Messer auf die Straße, von der Finanzkrise erholte sich ihre Firma nie, meine Freundin kündigte ihre Krankenversicherung, weil sie zu teuer war. Manchmal fragte ich sie, ob es nicht besser sei zurückzukehren, nach Hause. Auch im September, als ich sie besuchte, redeten wir darüber. Sie sagte, Schweden sei ihr zu eng, und außerdem müsse sie erst noch ihre Firma auf Vordermann bringen, um sie dann zu verkaufen. Sie hatte gerade einen Bandscheibenvorfall und konnte sich kaum bewegen. Aber sie kochte so wunderbar wie immer.

Lesen Sie hier: Familien in Quarantäne: Eine Mischung aus Apokalyse und Biedermeier

„Es ist vorbei“

Ich stelle mir vor, wie sie alleine in ihrer Wohnung sitzt und auf Aufträge wartet. Ich schreibe eine Nachricht. Eine Minute später klingelt mein Handy.

„Ich ziehe um“, sagt meine Freundin.

„Schon wieder?“, frage ich.

„Nein, nicht hier in New York, zurück nach Schweden. Heute. Die Wohnung ist schon leer. Corona hat mir den Rest gegeben. Es ist vorbei.“

Beste Nachricht seit langem

Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. 30 Jahre lang hat meine Freundin in New York gelebt, ich kann mir die Stadt ohne sie nicht vorstellen, und sie nicht ohne die Stadt. Aber es ist die beste Nachricht, die ich seit langem höre, und plötzlich denke ich, dass die Krise vielleicht auch ein paar gute Dinge hervorbringen wird.

Morgen im Homeoffice: Ruth Herzberg ist gerade froh, alleinerziehend zu sein