Berlin - Lieber mit dem Auto oder dem Fahrrad als mit Bus und Bahn! Die Corona-Krise hat die Mobilitätsgewohnheiten vieler Menschen verändert – auch in Berlin. Das bekommen die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) immer stärker zu spüren. Neue Daten des Landesunternehmens zeigen, wie stark die Zahl der Stammkunden seit dem Beginn der Pandemie abgenommen hat. Nach den jüngsten Prognosen könnte das gesamte Fahrgastaufkommen auch 2021 um rund ein Drittel unter dem Niveau von 2019 liegen. Auch bei der S-Bahn Berlin GmbH nahm die Zahl der Abonnements ab.

Den bisherigen Höchststand bei den Umweltkarten-Abonnements verzeichnete die BVG im März 2020 mit etwa 333.000 Stück. „Bis zum Juni 2021 hat sich dieser Bestand auf etwa 282.000 Umweltkarten reduziert“, teilte BVG-Sprecher Markus Falkner der Berliner Zeitung mit. „Dies entspricht einer Bestandsreduzierung von circa 15 Prozent.“

Damit hat sich der Schwund in diesem wichtigen Segment, aus dem die BVG einen großen Teil ihrer Fahrgeldeinnahmen erzielt, weiter fortgesetzt und offenbar beschleunigt. Im Frühjahr 2021 hatte die Zahl der Umweltkarten-Abos noch um rund zehn Prozent unter dem Stand vor der Corona-Krise gelegen.

Ein Drittel weniger Fahrgäste als im letzten Jahr vor der Pandemie

Zwar stabilisiert sich der Umweltkarten-Bestand auf dem derzeitigen Niveau, berichtete Falkner. Bei dem Gesamtaufkommen sei sogar ein positiver Trend zu vermelden. „Seit Mitte Mai steigen die Fahrgastzahlen der BVG kontinuierlich auf nun rund 70 Prozent“, so der BVG-Sprecher. Doch nach den jetzigen Prognosen werde sich die Gesamtzahl in diesem Jahr nur knapp über dem Niveau von 2020 einpendeln, hieß es.

Wurden die Bahnen und Busse des größten kommunalen Nahverkehrsbetriebs in Deutschland im vergangenen Jahr für 728,5 Millionen Fahrten genutzt, so wird für dieses Jahr derzeit mit 737 Millionen Fahrten gerechnet. „Das ist aber verständlicherweise ‚nur‘ eine Prognose und unter anderem stark von der weiteren Entwicklung des Pandemiegeschehens abhängig“, sagte Falkner. Zum Vergleich: 2019 waren die Nutzungszahlen bei der BVG erneut gestiegen – auf damals 1,126 Milliarden Fahrten.

„Corona hat uns in eine wirklich schwierige Situation gebracht“, sagte die BVG-Vorstandsvorsitzende Eva Kreienkamp im Frühjahr 2021 im Interview mit der Berliner Zeitung. „Weil sich manche Berliner daran gewöhnt haben, Alternativen zum ÖPNV zu nutzen. Berliner, die uns lange treu waren, sagen jetzt Adieu: In der Pandemie habe ich das Auto wiederentdeckt.“

Rückgang auch bei der S-Bahn Berlin

Die S-Bahn Berlin GmbH, ein Unternehmen der bundeseigenen Deutsche Bahn, meldete ebenfalls einen weiteren Rückgang der Abo-Zahlen. Konnte sie im März 2020 noch 207.991 Abonnements verzeichnen, so waren es im Mai 2021 noch 207.991 - mehr als zwölf Prozent weniger. „Im Juni 2021 hat sich die Anzahl der Abonnenten erfreulicherweise ohne einen erneuten Rückgang stabilisiert“, teilte eine Bahnsprecherin mit.

Auch im übrigen öffentlichen Verkehr in Deutschland sind seit Beginn der Corona-Krise weniger Fahrgäste als früher unterwegs. Ein Faktor ist die Angst vor Ansteckung. Zwar bestätigen zahlreiche Studien, dass in Bus und Bahn kein erhöhtes Risiko besteht, sich mit Corona zu infizieren. Darauf weist der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) immer wieder hin. Die Fahrzeuge würden gelüftet, außerdem hielten sich die meisten Nahverkehrsnutzer nur verhältnismäßig kurz dort auf, heißt es. Die Pflicht, Mund und Nase mit einer Maske zu bedecken, habe die Infektionsgefahr weiter gesenkt.

Brandenburger blockieren geplantes Homeoffice-Ticket für Berlin

Trotzdem haben gerade zu Beginn der ersten Corona-Welle 2020 viele Menschen über Alternativen zum Nahverkehr nachgedacht. Nicht wenige stiegen auf das Auto oder das Fahrrad um – und sind diesen Verkehrsmitteln zum Teil bis heute treu geblieben.

Auch veränderte Arbeitsgewohnheiten haben dazu beigetragen, dass sich Bahnen und Busse leerten. So arbeiten heute deutlich mehr Menschen als bisher zu Hause. Wer nur noch an wenigen Tagen oder gar nicht mehr ins Büro fährt, überlegt früher oder später, ob sich ein Umweltkarten-Abo noch lohnt. Die neuen Zahlen zeigen, dass die Entscheidung immer häufiger gegen das Abonnement ausfällt.

Wie berichtet hat die BVG versucht, diesem Negativtrend mit einem neuen flexiblen Ticketangebot entgegenzusteuern. Ihre Tarifplaner schlugen in diesem Frühjahr vor, die Lücke zwischen Einzelfahrscheinen und Abonnements mit einem Homeoffice-Ticket zu schließen. Damit sollen Teilzeitpendler den Berliner Nahverkehr innerhalb von 60 Tagen acht, zwölf oder 20 Mal jeweils 24 Stunden lang nutzen dürfen, für Preise zwischen 44 bis 88 Euro. Doch wie berichtet wurde das Vorhaben innerhalb des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg (VBB) blockiert.

Obwohl sich auch Verbund-Chefin Susanne Henckel für ein solches Angebot einsetzt, gibt es inzwischen keine Aussichten mehr, dass das Homeoffice-Ticket in absehbarer Zeit kommt. Vertreter von Brandenburger Unternehmen befürchten, dass das neue Angebot auch bei ihren Fahrgästen Begehrlichkeiten weckt. Stattdessen gibt es bei den Betrieben im Nachbar-Bundesland, die vom Land traditionell kurz gehalten werden, Bestrebungen für eine Fahrpreiserhöhung Anfang des kommenden Jahres.

Branchenverband VDV plant Dankeschön-Aktion im Herbst

Beim VDV richtet man nun den Blick nach vorn. Es gelte, verloren gegangene Fahrgäste „dauerhaft wieder von Bus und Bahn zu überzeugen“, teilte Verbandssprecher Lars Wagner mit. „Erklärtes Ziel von Politik, Kommunen und Verkehrsunternehmen ist der positive Blick nach vorn, um unverschuldet verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen und langfristig wieder als Problemlöser für den Klimawandel wahrgenommen zu werden.“

So plant der Branchenverband für den kommenden Herbst eine „Dankeschön-Aktion“, die Stammkunden mit einem bereits bestehenden Abonnement zugutekommen soll. Vom 13. bis 26. September dürfen alle Abo-Kunden in den teilnehmenden Verkehrsverbünden in Deutschland das dortige Bus- und Bahnangebot des Nahverkehrs ohne zusätzliche Kosten nutzen. Ob und in welchem Rahmen auch Berlin und Brandenburg dabei sind, sei noch nicht entschieden, hieß es beim VBB. „Die Entscheidung über die Teilnahme an dieser Aktion für den Schienenpersonennahverkehr obliegt in diesem Falle auch den Ländern“, sagte Verbundsprecher Joachim Radünz. Beim VBB gehe man aber davon aus, dass sie in der nächsten Zeit erfolgt. Am Dienstag hieß es dem Vernehmen nach, dass sich Berlin und Brandenburg beteiligen.

Noch nicht absehbar ist, ob sich durch solche Aktionen der Trend umkehren lässt. Robert Follmer, der sich beim Meinungsforschungsinstitut infas als Bereichsleiter Verkehr mit den Entwicklungen befasst, sieht weiterhin „keine Entwarnung“ für den Nahverkehr – „anders als von der Branche erhofft“. Er verweist auf Ergebnisse von bundesweiten Befragungen, die im Juni stattfanden und nun aufbereitet werden.

Forscher fürchten, dass dem Nahverkehr dauerhaft Kunden verloren gehen

Zuletzt hatten Forscher von infas und dem Wissenschaftszentrum Berlin in einem Report, der im vergangenen Dezember veröffentlicht wurde, auf gravierende und nachhaltige Veränderungen im Nutzungsverhalten hingewiesen. Diese könnten dazu führen, dass die „Verkehrswende im Sinne einer Verlagerung des motorisierten Individualverkehrs in Richtung anderer Verkehrsmittel ins Stocken“ gerät, warnten die Teilnehmer des Projekts Mobicor damals. „Besonders kritisch entwickelt sich die Rolle des öffentlichen Fern- und Nahverkehrs. Seine Marktanteile bleiben im Herbst 2020 trotz der kompletten Wiederaufnahme des Schulbetriebes hinter dem ÖV-Anteil vom Referenz-Oktober 2017 zurück. Und noch viel gravierender: Der öffentliche Verkehr verliert möglichweise dauerhaft wichtige Kundengruppen durch Homeoffice sowie durch Verlagerungen aufs Auto und aufs Fahrrad.“

In Corona-Zeiten nutzen vor allem Menschen, die keine Alternative haben, den öffentlichen Verkehr, heißt es im Mobicor-Report 3, der sich allerdings auf ganz Deutschland bezieht. Es fehlten unter anderem die Touristen und die Pendler.