Familie Klier ist während der Corona-Krise in Neuseeland gestrandet.
Foto: imago images

MarahauAnfang März zieht das Coronavirus nach Berlin, unsichtbar und zunächst noch gemächlich. Ich rechne nach, ob wir es noch schaffen, aus Deutschland herauszukommen. Ob wir unser Ziel erreichen werden. 80.000 Erkrankte in China setzen Regierungen in aller Welt unter Zugzwang, niemand will das Virus ins Land lassen.

Unsere Abreise ist für den 8. März geplant. Wir wollen weit weg, wollen mit einem Stopp in Asien hinüberhüpfen nach Neuseeland. Einmal alles loslassen am anderen Ende der Welt, nach zwei Jahren Dauerstress eine echte Auszeit vom Alltag nehmen. Es ist unsere verspätete Hochzeitsreise. Ich habe mein Kind mit einigem Aufwand aus der Schule losgeeist, nicht ahnend, dass nur eine Woche später alle Kinder in Berlin für lange Zeit aus der Schule zwangslosgeeist werden.

Dem Chaos in Europa entfliehen

Fünf Wochen für Süd- und Nordinsel haben wir einkalkuliert, das ist knapp, was die Zeit anbelangt und auch das Geld. Wir haben eisern gespart, schon seit zehn Monaten ist alles bezahlt. Kurz vor der Abreise ist in den Medien von Risikogebieten in Europa die Rede, von Italien und Österreich, und ich hoffe, dass die WHO Deutschland mit seinen zu diesem Zeitpunkt knapp 700 Fällen noch nicht dazu zählt. Dann nämlich würden wir 30 Stunden vergeblich um den Globus fliegen, die Neuseeländer würden uns zurückschicken. Freunde fragen, warum wir überhaupt losfliegen wollen. Vielleicht wollen wir dem kommenden Chaos in Europa entfliehen.

Zwischenstopp in Singapur, 34 Grad Außentemperatur. Im Changi Airport sind Wärmekameras auf alle Transitgäste gerichtet, verdächtige Reisende werden aus der Schlange rausgezogen. Wir wundern uns und steigen um in den Flieger nach Christchurch. Die komplette Besatzung trägt Mundschutz und Handschuhe. Wir desinfizieren wie selbstverständlich die Monitore in den Sitzlehnen vor uns, bevor wir uns auf die Mediathek stürzen.

Lesen Sie hier: Corona: Das sind die neuen Umbuch-Regeln der Reisekonzerne

Happy und müde

Die Immigration-Beamtin in Neuseeland will wissen, wo wir uns in den letzten 14 Tagen rumgetrieben haben, vielleicht in China oder Italien? Wir versichern: Homeoffice. Dass ich bis kurz vor der Abreise täglich in Yogastudios in Berlin unterrichtet habe, erwähne ich lieber nicht. Man lässt uns rein. Keine Wärmekameras, keine weiteren Fragen. Dafür muss der junge Chinese neben uns alles, aber auch wirklich alles auspacken.

Unser Zustand: happy und müde. Die 24 Stunden Relax-Time in einem Billig-Motel, die vorgeschrieben sind, bevor wir unseren Camper-Van mieten dürfen, halten wir gut aus. Es kann losgehen. Eigentlich.

Unsere Reiseagentur hatte offenbar andere Informationen über das Alter und den Zustand der Camper, die auf dem Platz der Vermietung stehen. Wir verhandeln, doch man lässt uns keine Wahl: die zehn Jahre alte Karre oder ein Upgrade auf etwas Neueres – auf unsere Kosten. Wir lassen uns zähneknirschend darauf ein, vier Wochen mit Rückenschmerzen wären kein Urlaub.

Lesen Sie hier: Mehrere Tausend Urlauber stecken in Marokko fest

Wettlauf gegen die Zeit

Unser Plan: zwei Wochen Rundreise auf der Südinsel, dann vier bis fünf Tage bei Freunden, die vor drei Jahren aus Berlin ausgewandert sind und am Abel-Tasman-Nationalpark eine schöne Lodge betreiben, dann auf die Fähre in Pickton und über die ganze Nordinsel hoch bis zum Cape Reinga – Rügen in ganz riesig . Das Kap ist das finale Ziel für meinen Mann, der die Weite braucht für sein Seelenheil.

An den ersten drei Tagen sind wir noch regulär unterwegs, kämpfen mit dem Linksverkehr, an den wir uns gewöhnen müssen, sind beschäftigt mit der Suche nach dem Platz für den schönsten Sonnenuntergang. Dann beginnt für uns ein Wettlauf gegen die Zeit, Corona verändert alles.

Am 14. März wird unsere Rückflug-Teilstrecke Singapur/Frankfurt storniert. Singapore Airlines fliegt keine Krisenregionen mehr an, Deutschland gehört jetzt dazu. Wir wollen uns nicht mit der Organisation der Rückreise den gerade begonnenen Urlaub verderben und geben die Information per E-Mail an unsere Reiseagentur weiter – mit der Bitte, neue Rückflüge zu finden.

Keine Idee, wie es weitergeht

Ab 16. März dann müssen sich alle neu in Neuseeland Ankommenden in eine zweiwöchige Pflicht-Selbst-Isolation begeben, egal ob sie aus einem Risikogebiet kommen oder aus Grönland. Von da an werden wir auf jedem Campingplatz gefragt, wann genau wir eingereist sind, weshalb wir keine Selbst-Quarantäne praktizieren und warum wir überhaupt noch herumfahren. Dabei ist ja der Sinn unseres Urlaubs: mit dem Camper-Van alles zu entdecken.

Wir versuchen, unsere Route über die Südinsel zu halten. Wir hören Gerüchte, dass die Campingplätze bald schließen – nicht, weil hier Herbst ist und die Saison bald endet, sondern wegen des Coronavirus. Wir suchen also kleinere Plätze aus. Dort treffen wir andere Camper aus Europa. Fast alle haben keine Rückflüge mehr – und keine Idee, wie es weitergeht.

Lesen Sie hier: Vorstoß aus Regierung: Gutscheine statt Erstattung für Touristen

Tausend Menschen aus aller Welt

Wir fahren nach Oamaru. Ich habe meinem Sohn kleine blaue Pinguine versprochen, meine Mutter, die vor 15 Jahren hier war, hat sie noch in kleinen Grüppchen über die Strandstraße watscheln sehen. Wir zahlen umgerechnet 60 Euro Eintritt, um in die abgesperrte Pinguin-Kolonie zu kommen, und haben eine Busladung vermummter Chinesen neben uns. Mir ist extrem unbehaglich, erstmals seit unserer Ankunft. Die Masken der Chinesen suggerieren: Chefarzt, Operation, Leben und Tod. Ich spüre meine eigene Panik und zische meinem Sohn zu, kein Metall mehr anzufassen und sich nicht so dicht neben andere zu setzen.

Meine zweite Panikattacke bekomme ich in Queenstown, als wir zu spät feststellen, dass wir auf dem größten Campingplatz der Stadt gelandet sind. Tausend Menschen aus aller Welt, dicht an dicht. Ich versuche, den Massen an feiernden Jugendlichen auszuweichen.
Als unser Rückflug am 20. März komplett storniert wird, bietet unsere Reiseagentur nicht die Rückzahlung unseres Geldes an, sondern Reisegutscheine von Singapore Airlines. Wir finden das inakzeptabel – als hätten wir das Geld dafür, den gleichen Trip gleich noch einmal im nächsten Jahr zu machen. 2500 Euro sind weg. Die Mitarbeiter der Agentur sind überfordert, können keine Flüge für uns organisieren und melden sich irgendwann gar nicht mehr zurück.

Wollen wir wirklich zurück?

Parallel dazu schließt Neuseeland seine Grenze komplett und führt ein Warnsystem mit Stufen von 1 bis 4 ein. Man startet gleich bei 2. Was bedeutet: Wenn wir uns unterwegs einen Kaffee holen, müssen wir uns in eine Liste eintragen und aufschreiben, wo wir herkommen und wo wir hinwollen, alles mit einem Stift, den 80 Leute vor uns ebenfalls schon in der Hand hatten. Wenigstens steht Desinfektionsmittel bereit.

Während wir mit 60 Stundenkilometern durch den tiefgrünen neuseeländischen Regenwald rollen, überlegen wir, was zu tun ist. Auf eigene Faust neu buchen? Für jetzt gleich? Wird es die Flüge in 48 Stunden noch geben? Wollen wir wirklich zurück? Oder hierbleiben und aushalten? Reicht das Geld dafür? Parallel schreiben wir uns mit unseren Freunden auf dem Smartphone, sie fragen, wann wir bei ihnen ankommen, in den Supermärkten fänden erste Panikkäufe statt.

Endlich im Paradies

200 Kilometer nördlich, wir haben die Pancake Rocks gemeinsam mit zahlreichen anderen Besuchern gerade verdaut, landen wir in Westport zum Tanken. Unser europäischer Akzent bewirkt, dass die Angestellten Abstand nehmen, als wären wir Corona persönlich.
Mein Mann ist newssüchtig, liest und hört und schaut alles und teilt mir die neuesten Erkenntnisse mit – es ist kritisch. Zu viele neue Corona-Fälle in Neuseeland. Die Regierung überlegt, von Level 2 gleich auf Level 4 zu springen. Was bedeutet: kompletter Lock-Down.

Mich ergreift die dritte Panikattacke innerhalb einer Woche, ich will zu unseren Freunden. Sofort. Von Kaemera sind es 80 Kilometer Luftlinie bis zu ihrer Lodge, 350 Kilometer sind es mit dem Auto. Mein Mann bringt uns und den Camper in sechs Stunden dorthin – über eine kurvige Landstraße, die hier hoffnungsvoll Highway genannt wird. Dann sind wir endlich da: im Paradies, in der Serenity Lodge, nur 300 Meter von der hellgrünen Tasman Sea und dem Nationalpark entfernt.

Ende noch offen

Neuseeland will die schnelle Ausbreitung des Virus stoppen und entscheidet am selben Abend: Level 4 wird in 36 Stunden aktiviert. Mein Mann schaltet schnell, dass wir sofort den Camper zurückbringen müssen, denn ein vierwöchiger Lock-Down würde unsere Mietzeit deutlich übersteigen und damit unser Budget komplett sprengen. Er nimmt die lange Fahrt auf sich und bringt den Camper zum Eingangstor der Vermietung. Er ist dort nicht der Erste. Am nächsten Morgen stehen fast 100 Camper für die Rückgabe an.

Fast alle Campingplätze sind mittlerweile geschlossen, herumreisen ist deutlich unerwünscht. Mein Mann darf nicht aussteigen, muss den Van auf den Parkplatz fahren. Dort überprüfen vollvermummte Mitarbeiter oberflächlich das Interieur. Mein Mann wird fortgeschickt – ohne Bestätigung dafür, dass der Camper heil zurück ist, und mit der Ansage, dass es kein Geld geben gibt. Bis jetzt haben wir knapp 5500 Euro in den Sand gesetzt – Ende noch offen.

So ein unfassbares Glück

Ich lese mich derweil durch die zahlreichen Blogs, informiere mich über das Rückholprogramm des Auswärtigen Amtes, lese auf Facebook dramatische Geschichten von ebenfalls Gestrandeten und stelle fest: Ich habe wohl beim Universum einige Karma-Punkte einlösen können. Wir sitzen nicht wie fast viele andere gestrandete Deutsche, fast 12.000 sind es in Neuseeland insgesamt, in einem Airport-Hotel in Auckland fest. Wir stehen nicht mit 250 weiteren Campern im Abstand von fünf Metern auf einem Parkplatz und müssen auch noch dafür bezahlen. Wir müssen die nächsten vier Wochen nicht auf acht Quadratmetern aushalten, mit einer möglichen Scheidung als Perspektive.

Nein, wir haben so ein unfassbares Glück. Wir sitzen bei Freunden, die uns bekochen, die uns ihr Zuhause zur Verfügung stellen, die kein Geld dafür wollen und uns behandeln wie Familie. Ich bin unendlich dankbar und verspreche mir und dem Universum, nie wieder zu meckern oder es immer noch besser oder anders haben zu wollen.

Hoffnung auf das Rückholprogramm

Am 25. März um 18 Uhr Ortszeit empfangen alle Menschen in Neuseeland via Mobilfunk gleichzeitig den Alarm für den Lock-Down ab Mitternacht; Dauergepiepse ist zu hören. Eigentlich ist das für Tsunami-Warnungen gedacht. Wir stehen am weiten Strand und sehen, wie sich das Meer langsam zurückzieht. Doch kein Tsunami kommt, es ist ganz schlicht Ebbe.

Wir konzentrieren uns nun auf das Ausschlafen in richtigen Betten und hoffen auf das Rückholprogramm des Auswärtigen Amts. Die Lufthansa hat den ersten Auckland-Flug am 27. März auf der Liste. Wir brauchen jedoch einen Flug ab Christchurch, denn alle Inlandflüge sind annulliert. Auch alle Mietwagenstationen sind für die kommenden drei Monate geschlossen. Wer also nicht am Airport im Hotel wohnt und dort wartet, wird es schwer haben, zum Flug zu kommen.

Gestrandet am Ende der Welt

Viele Reisende haben noch vor drei Tagen teure Flüge bei Qatar Airways gebucht, da hatte Australien seinen Luftraum noch offen. 24 Stunden vor dem Abflug sind diese storniert worden, weil zu viele unterschiedliche Einreise-, Durchreise- und Ausreisebestimmungen der einzelnen Länder zu berücksichtigen sind. Und die neuseeländische Regierung hat alle Rückholflüge der Lufthansa gestoppt, aus Angst davor, zu viele Neuseeländer könnten sich durch die Inlandsfahrten der Touristen zu den Flughäfen infizieren.

Bis zu diesem Dienstag steht alles still, dann wird neu geprüft, wie es weitergehen kann. Man will den Peak der Infektionen abwarten. Im schlimmsten Fall bleiben alle Touristen in Neuseeland die ganzen vier Wochen im Lock-Down – auf eigene Kosten, so wie es aussieht. Das wiederum bedeutet für sehr viele Menschen mehr als nur die aktuelle Unsicherheit, es geht oft auch um finanziellen Ruin. Urlaub ist das natürlich keiner mehr, es ist eine krasse Erfahrung. Dann ist man nicht mehr am schönsten Strand von Neuseeland, sondern gestrandet am Ende der Welt. Neuseeland spricht von geschätzt 250.000 Urlaubern, die hier noch auf den beiden Inseln festhängen.
Ich bin dankbar, bis jetzt nicht infiziert und gut aufgehoben zu sein.