Für den OP-Raum nicht geeignet, aber als Ersatz besser als nichts: Von Kreativen genähter Mundschutz.
Foto: dpa/Christian Charisius

BerlinNach Tagen und Wochen der Corona-Depression stellen sich Teile der Wirtschaft jetzt um. Sie produzieren Dinge, die derzeit dringender gebraucht werden denn je: Schutzmasken etwa oder Desinfektionsmittel. Der Begriff der Pandemiewirtschaft macht die Runde.

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Als einer der ersten in der Region ansässigen Großkonzerne hat Bayer reagiert. Der Chemieriese beginnt an seinem Brandenburger Standort Schwarzheide (Oberspreewald-Lausitz) die Produktion von Hand-Desinfektionsmitteln im Probebetrieb – als Reaktion auf Engpässe in der Krise. Das teilte ein Sprecher des Unternehmens am Montag mit. Ein Problem sei jedoch der Nachschub an Rohstoffen.

Näherisches Know-how

Liegt für Bayer die Umstellung auf Desinfektionsmittel recht nahe, haben manche Werkstätten von Theatern einen weiteren Weg hinter sich. Mitarbeiter der Staatsoper, der Komischen Oper, des Gorki-Theaters, des Grips-Theaters, des Theaters an der Parkaue und des Bühnenservice Berlin fertigen seit einigen Tagen Masken: einen Mund- und Nasenschutz aus kochfester Baumwolle – je nach Modell mit Metalldraht, der um die Nase gebogen wird, oder mit Gummizug, den man hinter die Ohren ziehen kann.

Das näherische Know-how ist in den Werkstätten schließlich ebenso vorhanden wie Nähmaschinen, Baumwollstoff und Zeit, da es kaum andere Aufträge gibt. Nachdem im Internet Bastel- und Nähanleitungen gefunden wurden, ging’s los.

„Wir produzieren keine medizinischen Hilfsmittel“

Für zwei Euro pro Stück sollen die Masken abgegeben werden, heißt es aus der Senatskulturverwaltung. Das ist quasi der Selbstkostenpreis. Ein Geschäft dürfen die staatlichen Bühnen daraus ohnehin nicht machen.

Besonders aktiv ist der Bühnenservice, zentraler Werkstattbetrieb der Berliner Opernstiftung. Seit einer Woche werden am Ostbahnhof Masken produziert. Die erste Marge von 300 Stück gingen an ein Pflegeheim, in dem die Eltern einer Mitarbeiterin wohnen. Die gleiche Menge wird dieser Tage für ein anderes Pflegeheim genäht. Andere Kunden sind Supermärkte aber auch eine Krankenhaus-Holding, für die 1500 Masken genäht werden sollen.

Pflegeheime oder Krankenhäuser sind vielfach dankbare Abnehmer, weil mit Hilfe der waschbaren Baumwollmasken teure Einweg-Masken sparsamer eingesetzt werden können. Eines aber ist klar, sagt Julius Dürrwald vom Theater an der Parkaue, einer der Koordinatoren der Nähaktion: „Wir produzieren keine medizinischen Hilfsmittel. Unserer Masken sind eine Ergänzung.“ So gibt es bisher noch keine Zertifizierung für den Mund- und Nasenschutz der Berliner Bühnen.

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Tendenz steigend

Noch lässt sich nicht wirklich sagen, wie viele Masken pro Woche auf diese Weise herzustellen wären. Mehrere Tausend werden es in jedem Fall sein. Und schon jetzt sind die ersten Erfahrungen schon so jetzt gut, dass sich weitere Bühnen anschließen könnten, heißt es aus der Kulturverwaltung. Viele wollen schließlich tatkräftig Hilfe leisten.

Ebenfalls zum Selbstkostenpreis beteiligt sich das Kaulsdorfer Unternehmen Schilkin an der Pandemiewirtschaft. Der größte Spirituosenmacher der Region gibt Alkohol an Apotheken ab, die daraus Desinfektionsmittel herstellen. „Wir verarbeiten pro Monat 90.000 Liter Ethanol für unsere Produkte, 2000 Liter davon haben wir zuletzt abgezwackt“, sagt der technische Geschäftsführer Patrick Mier, den Liter für 3 Euro. 20 Apotheken sind Kunden, sagt Mier – Tendenz steigend.

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