Rausch der Geschwindigkeit.
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BerlinDie Coronakrise hat zumindest etwas Gutes. Erste offizielle Daten der Polizei deuten darauf hin, dass die Zahl der Verkehrsunfälle in Berlin deutlich gesunken ist. Das sagte Frank Schattling, der den Stab Verkehr im Polizeipräsidium leitet, am Mittwoch der Berliner Zeitung. Allerdings fühlten sich manche Fahrer auf  leeren Straßen dazu eingeladen zu rasen. Die Zahl der Bußgelder, die in Berlin nach Tempoverstößen verhängt wurden, lag im ersten Vierteljahr 2020 um zwölf Prozent höher als im selben Vorjahreszeitraum. Bei den Strafermittlungsverfahren, die wegen verbotener Rennen eingeleitet wurden, beträgt der Anstieg sogar mehr als das Doppelte. 

Frank Schattling hat sich nicht ins Homeoffice zurückgezogen. „Ich komme weiterhin an jedem Arbeitstag ins Büro“, berichtet der Polizeidirektor, dessen Bereich die Verkehrssicherheit in Berlin ist – und damit auch die Unfallstatistik. Mal ist er mit dem Auto unterwegs, dann wieder mit der S-Bahn oder mit dem Fahrrad. Corona habe sich auch auf den Verkehr in Berlin ausgewirkt, stellt Schattling fest. Doch die Effekte seien unterschiedlich.

„Im öffentlichen Verkehr ist nur noch wenig los. Morgens um sieben kann es vorkommen, dass außer mit nur drei weitere Fahrgäste im S-Bahn-Wagen sitzen“, so der Polizeibeamte. Die Fahrradstaffel der Berliner Polizei habe bestätigt, dass der Fahrradverkehr ebenfalls zurückgegangen sei. „Ostern war viel los, aber im Berufsverkehr sind weniger Fahrräder unterwegs als sonst“, hieß es. Möglicherweise würden viele Menschen, die bislang auf dem Weg ins Büro in die Pedale traten, zu Hause bleiben, um dort zu arbeiten. Damit fielen in zahlreichen Fällen Anlässe weg, sich aufs Fahrrad zu schwingen.

Der Rückgang des Kraftfahrzeugverkehrs hielte sich dagegen in Grenzen, berichtet Schattling. „Mein Eindruck ist, dass einige, die bisher mit Bahn oder Bus unterwegs waren, aufs Auto umgestiegen sind.“ Dort fühlten sie sich offenbar sicherer als im öffentlichen Verkehr, wo andere Menschen trotz Abstandsregeln nahe kommen. Zudem hätten nicht wenige Berliner festgestellt, dass sie dank leerer Straßen mit dem Auto oft schneller vorankommen als früher. Doch der Trend zum Auto laufe dem Ziel, den Berliner Verkehr umweltfreundlicher zu gestalten, entgegen, so Schattling.„Ich bin gespannt, ob wir das nach Corona zurückgedreht bekommen.“

Zur Entwicklung der Unfälle liegen den Statistikern der Polizei noch keine aufbereiteten Daten vor. Nach Informationen der Berliner Zeitung bestätigen erste Zahlen aber, dass es tatsächlich weniger Zusammenstöße gibt als vor der Coronakrise. Ein Anhaltspunkt ist, wie oft Funkwagen der Polizei mit der Begründung gerufen werden, dass sich ein Verkehrsunfall ereignet hat. Zwar stelle sich das zuweilen als falscher Alarm heraus, trotzdem ließen die Daten Rückschlüsse auf Entwicklungstendenzen zu, hieß es.

So sieht diese Statistik aktuell für Berlin aus: Während der zehnten und elften Kalenderwoche im März wurden jeweils rund 2 000 Mal Funkwagen wegen eines Unfalls alarmiert. In der zwölften Woche lag die Zahl um rund ein Drittel niedriger. Während der 13. Woche, als die Einschränkungen intensiver wurden, war es nur noch die Hälfte. Anfang April schrumpfte die Differenz zu den beiden Wochen vor der Krise wieder auf ein Drittel, offenbar krachte es erneut öfter in Berlin. 

Auch wenn es weniger Unfälle gibt: Weiterhin erleiden Menschen im Berliner Straßenverkehr körperliche Schäden. So summierte sich die Zahl der schwer verletzten Radfahrer, von denen die Polizei in ihren Pressemeldungen berichtet hat, seit Mitte März auf 15. Nach diesen Meldungen, die aber nicht das ganze Unfallgeschehen abbilden, erlitten auch sechs Fußgänger und acht Fahrer motorisierter Zweiräder schwere Verletzungen. Bislang hat die Polizei für den Zeitraum seit Mitte März einen tödlicher Unfall bestätigt: Ein 83 Jahre alter Fahrer eines Kleinkraftrads kollidierte mit einem Lkw.

Verbotene Kraftfahrzeugrennen: So lautet der Titel des Paragrafen 315d im Strafgesetzbuch, der in Berlin immer öfter angewendet wird. Wurden 2018 insgesamt 279 Ermittlungsverfahren eingeleitet, waren es im vergangenen Jahr bereits 362, so die Polizei. In diesem Jahr ist sie noch aktiver geworden: Während des ersten Vierteljahrs 2020 registrierte sie bereits 175 Delikte dieser Art. In Coronazeiten wurde nun noch einmal zugelegt. In der elften bis 15. Woche ist die Zahl der Verfahren im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ein weiteres Mal gestiegen – „um mehr als hundert Prozent“, wie Schattling feststellt.

Der Paragraf betrifft nicht nur Raserwettbewerbe, bei denen mehrere Fahrer gegeneinander antreten. Auch wenn sich ein Einzelner mit „nicht angepasster Geschwindigkeit und grob verkehrswidrig und rücksichtslos fortbewegt, um eine höchstmögliche Geschwindigkeit zu erreichen“, drohen eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren. In rund der Hälfte der Fälle ist es, dass einzelne Fahrer vor der Polizei flüchten, berichtet Schattling. Weil Ladendiebstahl und andere Delikte dank Corona zurückgegangen sind, habe die Polizei nun die Muße, im Verkehr genauer hinzusehen.

Typische Situation: Polizisten fällt auf, dass jemand Schlangenlinien fährt oder der TÜV abgelaufen ist, die Fahrer versuchen sich einer Kontrolle zu entziehen – und treten aufs Gas. Schattling hat aber eine Botschaft: „Die allermeisten können gestellt werden.“ Fast immer werden weitere Polizeikräfte alarmiert, die dann an der Verfolgung teilnehmen. Fliehen ist zwecklos.