Berlin - Wann gibt es endlich transparente Masken? Ich erkenne den jungen Mann erst beim dritten Hinsehen. Freundlich hat er mich gegrüßt, wie er es auch in der Leergutannahme tut. Auch seine Kollegen vergessen nie zu lächeln und fragen nach meiner Mutter, wenn sie nicht dabei ist. Ich kenne ihre Gesichter seit vielen Jahren. Und jetzt das. Ich will sie zurück, und die aller anderen Menschen auch.

Ähnlich vertraut wie die Getränkemarktmänner war mir damals eine Apothekerin in Neukölln. Schmal war sie, ernst und immer bemüht, die Kundschaft gut zu informieren. Nicht zuletzt durch diese Frau wurde mir klar, dass die Pharmazie ein Universum ist und Apotheken mit keinen anderen Geschäften vergleichbar sind. Als ich die Apotheke vor kurzem betrat, blickte ich in die bekannten Augen und freute mich. Über Beständigkeit in einer stets bewegten Stadt und nun so durcheinander geratenen Welt. Sie erkannte mich nicht.

Und doch gibt es Menschen, die mit ihrem Gedächtnis die Zeit austricksen können. Kalender in Schabernack verwandeln. Zur Meisterschaft gebracht hatte dies ein Kellner in einem Weinlokal. Eine Freundin und ich, wir wohnten damals zusammen, verbrachten ganze Nächte an den wuchtigen Holztischen und versuchten, mit schwerer Zunge das taumelnde Leben zu bändigen. In einem missglückten Ausfallschritt trennte es uns für viele Jahre und brachte uns, einsichtig geworden, in diesem Lokal wieder zusammen.

Nach dem Eintreten stellten wir fest, dass der Mann mit der kurzen Schürze und dem Pferdeschwanz exakt so aussah wie zehn Jahre zuvor. Und als wären es lediglich zehn Wochen gewesen, sagte er: „Ihr wart ja eine ganze Weile nicht da. Was darf ich euch bringen?“ Seine Begrüßung war symptomatisch für die nachfolgenden Stunden, in denen die Zeit der Trennung keine Rolle mehr spielte. Sofort fanden wir unsere Sprache wieder und die Gegenwart nahm die Vergangenheit freundlich an die Hand.

Ein eifriger Helfer war dabei sicher der Wein. Unweit der früheren Stamm-Apotheke befindet sich die Weinhandlung, in der ich lange ein- und ausging. Der Inhaber hat die gesamte Karussellfahrt einer damals beginnenden Liebe miterlebt. Wenn ich den Laden jetzt besuche, schütteln wir die Köpfe über den Galopp der Zeit. Ob wir im Getränkemarkt irgendwann auch zurückschauen auf diese Monate, in denen meine Mutter etliche Male nicht dabei war und sich niemand gewundert hat? Wir sollten das unbedingt tun.