An eine Hauswand in Kreuzberg wurde das Bild eines Jungen mit Mundschutz geklebt.
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BerlinEin gewöhnlicher Sonntagmorgen in Corona-Zeiten in Berlin. Ich stehe vor meinem Stamm-Bäcker am Viktoriapark in Kreuzberg, warte in der Schlange, um mit Maske die Filiale zu betreten. Ich gehe hinein und will mir ein paar Brötchen kaufen. So weit, so Alltag. Doch meine Routine wird schnell getrübt. Plötzlich höre ich Schreie. Als ich aus dem Fenster schaue, sehe ich, wie ein Mann auf der gegenüberliegenden Straßenseite mit einem anderen Mann in einen Streit gerät. Sie gestikulieren, pöbeln sich an. Der größere Schreihals hat ein Fahrrad an der Seite. Plötzlich packt er sich das Rad, hebt es in die Höhe und wirft es mit voller Wucht auf den anderen Mann, der, vom Fahrrad getroffen, auf den Boden stürzt. Menschen eilen ihm zu Hilfe. 

Später stellt sich heraus, dass der Fahrradfahrer unerlaubterweise auf dem Gehweg gefahren und von dem später angegriffenen Passanten zurechtgewiesen worden war. Als ich mit der koppschüttelnden und ebenso starr das Geschehen beobachtenden Bäckereiverkäuferin ins Gespräch komme, höre ich die absurdesten Dinge. „Alltag“, sagt sie und zuckt mit den Schultern. „Wenn Sie wüssten, was ich jeden Tag erlebe. Die Menschen werden aggressiver, sie wollen die Bäckerei nicht mit Masken betreten, pöbeln herum, schmeißen das Kleingeld durch die Gegend und beleidigen mich.“ Die aggressiven Straßenszenen hätten zugenommen. Das ruppige Berlin – es sei noch ruppiger geworden.

Eine ähnliche Szene beobachte ich ein paar Tage später im Cinestar am Mercedes-Benz-Platz. Eine studentische Hilfskraft ist angewiesen, von den ins Kino eintretenden Besuchern Zettel mit ihren Kontaktanschriften entgegenzunehmen. Ein junger Mann steht vor dem Eingang und wird plötzlich von einem Besucher angepöbelt. „Was passiert mit meinen Daten? Wozu macht ihr das überhaupt? Werden die Dokumente auch vernichtet?“ Der Mann wirft den Zettel und den Kugelschreiber aggressiv über die Theke. Die studentische Hilfskraft zuckt mit den Schultern. Alltag eben.

Die Stimmung ist schlecht

Als Journalist lernt man: In der Bäckerei, im Kino und im Taxi hört man die gefühlten Wahrheiten, die Wahrheiten des Volkes. In den nächsten Tagen höre ich mich weiter um. Menschen teilen mit mir immer wieder denselben Eindruck: Die Stimmung in der Stadt verschlechtert sich, die Sorgen sind groß. Von außen registrierte Aggressionen mögen eine subjektive Wahrheit sein – und doch lässt sich an vielen Punkten ein Zuwachs an Gewalt statistisch nachweisen. Ein Beispiel ist häusliche Gewalt: Einer Juli-Statistik zufolge ist es in den Berliner Haushalten zu einem deutlichen Anstieg an Gewalttaten gekommen. Die Berliner Gewaltschutzambulanz verzeichnete einen Anstieg an Fällen von 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

Die Gewalt hat Psychologen zufolge nicht nur damit zu tun, dass im Frühjahr Schulen und Kitas geschlossen waren und Eltern sich mit ihren Schützlingen alleingelassen fühlten. Für viele Menschen – wie etwa Selbstständige – geht es auch um die nackte Existenz. Das steigere die Nervosität. Die Alltagsaggression könne man auch als Ventil für eine gefühlte Ausweglosigkeit verstehen, erzählt mir der Berliner Psychiater Samuel Thoma. „Ich wäre mit Stimmungsberichten vorsichtig. Dennoch kann man sagen, dass für viele Menschen die Pandemie ein Schicksalsschlag ist, über den sie keine Kontrolle haben. Die Proteste gegen das Maskentragen, die Alltagsaggression – all das sind zumindest zum Teil Mittel, um sich den Handlungsspielraum zurückzuholen.“

Besonders betroffen sind Menschen, denen es ohnehin schlecht geht: etwa psychisch Kranke. Aber auch Geringverdiener und Kleinunternehmer trifft die Corona-Pandemie besonders hart. Als ich etwa den Späti-Besitzer meines Vertrauens am Viktoriapark befrage, höre ich erstaunliche Zahlen. „Meine Umsätze sind im Vergleich zum Vorjahr um 50 Prozent eingebrochen“, sagt er. „Auf die Politik kann ich nicht zählen.“

Der Berliner Senat hat es nicht leicht. Die Politik steht vor den schwierigsten Entscheidungen, die sie seit dem Fall der Mauer treffen musste. Wie kann man Hygienemaßnahmen, Kontaktverbote und das Ausbreiten einer Pandemie verhindern, ohne zugleich das wirtschaftliche Leben zum Erliegen zu bringen? Es gibt sie bereits, die ersten Opfer, besonders in der Veranstaltungsbranche und Gastronomie. Hinter jedem wirtschaftlichen Scheitern stehen Menschen, die mit Sorge auf ihre Zukunft schauen.

Der Sommer hat ein leichtes Aufatmen gebracht. Vor allem die Gastronomen konnten Teile ihres Wirtschaftslebens nach draußen verlagern und vergrößerte Konsumzonen auf den Straßen organisieren. Doch richtig wettmachen können viele die Ausfälle nicht. Die Frage ist auch, was passiert, wenn ein zweiter Lockdown im Winter kommt. Die Berliner Wirtschaftsenatorin Ramona Pop (Grüne) hat an die Gastronomie und Veranstaltungsbranche über 201 Millionen Euro Corona-Hilfen ausgezahlt. Weitere Hilfen sollen folgen. Doch reicht das wirklich? Aktuell wird an einem neuen Hygienekonzept für den Winter gearbeitet. Trotzdem klagen viele Gastronomen, dass sie sich alleingelassen fühlen.

Der Winter naht

Eines der vielen Beispiele ist Norbert Raeder. Ihm gehört die Diskothek Kastanienwäldchen in Reinickendorf. Als ich ihn am Telefon erreiche, kommt er aus seiner Trauersuade nicht mehr hinaus. „Ich stehe getackert an der Wand“, sagt der Wirt. Als die Pandemie kam, musste er seine Diskothek schließen. Seine Mitarbeiter wollte er nicht feuern, in der Hoffnung, es würde bald besser werden. Aber es wurde nicht besser.

Im Mai investierte er sein letztes Geld in eine Eismaschine, um die Umsatzeinbußen wenigstens ein Stück weit wieder hereinzuholen. „Das hat auch geklappt.“ Trotzdem werde ihm das Leben schwer gemacht, sagt der Wirt. „Für die Beantragung der nächsten Corona-Hilfen musste ich einen Steuerberater bezahlen – von Erträgen, die ich nicht habe.“ Die Ausgaben seien hoch, die Hilfen nur ein kleiner Tropfen auf den heißen Stein. Was ihn traurig macht: Die Behörden würden ihm zu allem Übel auch noch das Wirtschaften erschweren. „Ich wurde vom Ordnungsamt zurechtgewiesen, dass ich mich mit meinen Tischen nicht so stark auf dem Gehweg ausbreiten darf. Wo ist da die Solidarität?“ Er fühle sich vom Regierenden Bürgermeister, von der Wirtschaftssenatorin im Stich gelassen und bei der Erstellung der Regeln nicht mitgenommen. Die Maßnahmen seien unklar, die Politik ein Zickzackkurs. Niemand sei für ihn da. „Im Sommer sind die Politiker des Berliner Senats einfach in den Urlaub gefahren. Das würde man nicht machen, wenn wir eine Flutkatastrophe hätten. Aber Corona ist schlimmer als jede Flut.“

Hannes Mitterhofer wiederum, der Besitzer des Restaurants Wirtshaus zum Mitterhofer in Berlin-Kreuzberg, ist mit der Reaktion des Berliner Senats insgesamt zufrieden. Das Ordnungsamt habe sich in seinem Bezirk solidarisch gezeigt, sagt er am Telefon. „Das Problem sind eher die Leute. Ständig ruft jemand an und beschwert sich – und das Ordnungsamt muss dann kommen.“ Trotzdem blickt auch der Gastronom mit Sorge auf die Zukunft und den Winter. Die größte Verunsicherung verursachten die Medien und eine unentschlossene Corona-Berichterstattung, sagt der Wirt.

Gefühlte Wahrheiten

Was mich das lehrt: Ich selbst bin Journalist und Angestellter und muss mich um meinen Monatslohn nicht sorgen. Doch die Reise aus der eigenen Lebensrealität zeigt, dass meine Wirklichkeit keine Allgemeingültigkeit hat. Die schlechte Stimmung in Berlin – sie ist eine gefühlte Wahrheit. Und doch ist sie derart greifbar, dass sie, auch wenn sich Stimmungen nicht gut messen lassen, keine Einbildung ist. Noch ist Zeit, sich ein solidarisches und gut nachvollziehbares Corona-Konzept für alle Berlinerinnen und Berliner zu überlegen. So viel ist sicher: Der Winter naht.