Ein Spaziergänger ist an der aufgewühlten Ostsee unterwegs. Wegen des Beherbergungsverbots haben viele Gäste ihre Reisen allerdings storniert. 
Foto: dpa/Bernd Wüstneck

BerlinIn der Saison 2020 bleiben Urlaubträume meistens: Urlaubsträume. Mariana Jürgens zieht ihr Handy aus der Tasche, öffnet die Foto-Galerie und scrollt mit dem Finger bis zum August zurück. Bilder fliegen über den Screen: ein Sonnenuntergang an der Ostsee, eine Labrador-Hündin, die im Wasser planscht. „Eigentlich fahren wir mit der Familie sechsmal im Jahr an die Küste“, sagt Jürgens. „Doch in diesem Jahr konnten wir nur eine Reise antreten.“ Im Sommer, als sich die Corona-Einschränkungen lockerten, nutzte die Berlinerin die Chance, mit ihrer Hündin Kira an die See zu fahren. Zum Glück. Denn auch in den Herbstferien war eine Reise geplant. Nach Heringsdorf sollte es gehen, vom 18. bis zum 24. Oktober wollte Jürgens, 42 Jahre alt, mit Mann, Nichte, Schwiegermutter und Kira eigentlich im Hotel Kaiserhof weilen. Eigentlich.

Als Berlin zur Gefahrenzone wurde, schwand die Hoffnung

Die Corona-Krise traf viele Menschen unerwartet: Die Flut an schlechten Nachrichten des vergangenen halben Jahres und der Lockdown sorgten dafür, dass sich auch viele Berliner wieder auf positive Erlebnisse freuten. Allen voran auf den geplanten Herbsturlaub – doch statt schönen Tagen an beliebten Urlaubszielen auf der ganzen Welt folgte Ernüchterung. Die Pandemie ließ viele Reisen platzen. Und auch die Hoffnung, im eigenen Land ein paar entspannte Tage genießen zu können, wurde durch das Beherbergungsverbot vereitelt. 

Ein Foto des letzten Ostsee-Urlaubs. Die Berlinerin Mariana Jürgens hat es auf dem Handy. Neue Ostsee-Fotos wird sie in diesem Jahr vermutlich nicht machen.
Foto:  Berliner Zeitung/Volkmar Otto

Ein verdienter Urlaub nach einer anstrengenden Zeit sollte es auch für Jürgens werden. Die Berlinerin arbeitet in einem Lebensmittel-Markt, erlebte den Lockdown, die Hamsterkäufe, das Unverständnis der Kunden über die Hygiene-Regeln. Doch die Ostsee half. „Wir haben bis zuletzt gehofft, dass wir die Reise antreten können“, sagt sie. Denn ihr Wohn-Kiez Hohenschönhausen gehörte nicht zu den Risikogebieten. Dann, am Wochenende, die Enttäuschung: Als ganz Berlin zur Gefahrenzone erklärt wurde, platzte die Hoffnung auf die Reise. „Wir hätten vorher mit jedem Familienmitglied einen Corona-Test machen müssen. Das hätte uns pro Person 180 Euro gekostet“, sagt sie. „Vor Ort hätte man uns dann aber zunächst für einen weiteren Test nach Greifswald geschickt. Dann hätten wir bis zum Ergebnis im Hotelzimmer bleiben müssen.“

Von Urlaub kann bei solchen Regelungen kaum die Rede sein. „Die ganze Familie ist traurig – am traurigsten ist meine Hündin“, sagt Jürgens. „Denn sie liebt die See, das Wasser.“ Glück im Unglück: Das Hotel zeigte sich kulant, stornierte die Reise, will den vollen Geldbetrag erstatten, knapp 1500 Euro. Nur auf den Kosten für die Anreise, 136 Euro für „Quer-Durchs-Land-Tickets“ der Bahn, soll die Familie sitzen bleiben. „Im Kundencenter hieß es, dass man bei Fahrten, die nach dem 31. März gebucht wurden, keine Möglichkeit zur Rückgabe habe“, sagt Jürgens. „Eine zweite Welle sei schließlich absehbar gewesen.“

Mariana Jürgens ist traurig über den ausgefallenen Urlaub.
Foto: Berliner Zeitung / Volkmar Otto

Jürgens ist nicht die einzige, die nun trübe Herbstferien verbringt. Hart trifft es auch Eileen Ewert und ihren Sohn Kilian. Die 37-Jährige wollte ihren Sprössling überraschen, der großer Ägypten-Fan ist und am Donnerstag zehn Jahre alt wird.  „Er wünschte sich nichts sehnlicher als eine Reise zu den Pyramiden“, erzählt sie. Geplant war die Tour für die Herbstferien. „Aber mit der ersten Corona-Welle wurde klar, dass es nichts wird. Unser Reiseveranstalter war sehr kulant und half bei der Umbuchung auf einen Familienpark in Wernigerode. Unser Sohn war traurig, aber wir konnten ihn mit dem Kinderclub trösten.“

Auch Hoteliers in den Urlaubsgebieten leiden unter den Regeln

Nun fiel auch diese Tour ins Wasser. Die Familie: traurig. „Die Reise mit den Großeltern, meiner Schwester und ihrem Kind hätte uns viel bedeutet und wäre eine gute Abwechslung gewesen. Wir haben einige schwere Zeiten hinter uns.“ Wenigstens die Stornierung klappte, das Geld ist angewiesen und soll seitens des Veranstalters Tui zurückgezahlt werden. Und auch die Deutsche Bahn zeigte sich kulant, erstattete die kompletten Kosten für gebuchte Zugtickets. Die Enttäuschung bleibt trotzdem groß. „Man hält sich immer an alle Corona-Maßnahmen – und wird nun trotzdem dafür bestraft“, sagt Ewert. „Dafür fehlt uns das Verständnis.“

Verständnis gibt es derzeit nur von wenigen Seiten. Denn Urlauber, die auf ihre Reisen verzichten müssen, sind nur eine Seite der Medaille. Auch jene, die vom Urlaub der anderen leben, leiden. „Durch die neuen Regelungen entsteht eine Stornosituation, mit der die Hoteliers und die Gäste alleine gelassen werden“, sagt Cornelia Siewert. Sie ist stellvertretende Direktorin des Strandhotels im Ostseebad Heringsdorf, vier Sterne, nur 30 Meter von der Küste entfernt, für viele ein Traum-Ziel. Doch Menschen, die in Risikogebieten leben, dürfen plötzlich nicht mehr kommen. „Wir versuchen nun, mit jedem Gast eine Lösung zu finden – entweder über eine Umbuchung oder über einen Gutschein.“ Die Ostsee sei die Badewanne Berlins, sagt Siewert. „Die Reiseregelungen treffen uns deshalb enorm. Etwa 20 Prozent unserer Gäste kommen aus der Hauptstadt.“

Gerade nach dem ersten Lockdown hätten viele Touristen gebucht „wie die Brötchenbäcker“, sagt Siewert. Nun leide die Branche unter einem „Vertrauensbruch“. „Erst durfte niemand verreisen, dann wurde gesagt, die Menschen sollen Urlaub in Deutschland machen. Nun dürfen das plötzlich nur bestimmte Leute – die ständig neuen Entscheidungen sorgen für eine große Unsicherheit. Und es ist unklar, wann wir diese Situation bewältigt haben.“ Gerade jetzt, nach den ständig schlechten Nachrichten der vergangenen Monate, seien viele Menschen emotional urlaubsreif. 

Eileen Ewert hätte ihrem Sohn gern eine Reise ermöglicht – doch dann mussten zwei Versuche abgebrochen werden.
Foto: Berliner Zeitung / Volkmar Otto

Auch in anderen Orten bekommen Hoteliers die Folgen der neuen Einreisebestimmungen zu spüren. „Nach Inkrafttreten des Beherbergungsverbotes für Gäste aus innerdeutschen Risikogebieten mussten wir unter anderem auch sämtliche Buchungen aus Berlin stornieren oder sie wurden von unseren Gästen abgesagt“, sagt Silke Greven, Sprecherin des Hotels „Neptun“ in Warnemünde. Das sei nicht nur für das Hotel traurig gewesen, sondern auch für die Gäste – viele standen zu dem Zeitpunkt kurz vor Ferienbeginn. „Die Situation ist für alle sehr unbefriedigend und mit einem extremen Mehraufwand verbunden“, sagt Greven. „Unsere Kollegen müssen aktuell um die 1000 Postleitzahlen checken und täglich werden es mehr. Nichts ist mehr planbar oder vorhersehbar.“ Ärger auch bei Petra Bensemann, Direktorin des Hotels „Das Ahlbeck“ im gleichnamigen Ostseebad. „Es ist schlimm, dass die Berliner Gäste nicht zu uns kommen können. 20 bis 30 Prozent der Buchungen müssen täglich storniert werden“, sagt sie. „Mir persönlich haben die Familien leid getan, die von heute auf morgen keinen Urlaub mehr bei uns machen konnten.“ Die meisten Buchungen habe man kostenfrei storniert, einige auf einen anderen Termin umgebucht. Trotzdem fühle es sich an „wie ein zweiter Lockdown“.

Nicht jeder kann auf Kulanz der Hotels hoffen

Nicht an die Ostsee, aber nach Mecklenburg-Vorpommern wäre es auch für Lina P. gegangen. Die 28-Jährige, die ihren vollen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, ist nicht nur wegen des geplatzten Urlaubs traurig. Sondern auch deshalb, weil ihr gebuchtes Hotel leider nicht so kulant reagiert wie andere. In ein namhaftes Familienresort in Linstow sollte es gehen – doch zwei Tage vor der Anreise wurde Berlin plötzlich zum Risikogebiet. „Bei der Anfrage bekamen wir nur zu hören, dass eine Rückerstattung des Geldes nicht möglich ist, dass wir uns aber auf eine Warteliste für die nächste Saison setzen lassen können“, erzählt sie. Sie will sich Rechtsbeistand holen – denn es geht um rund 900 Euro. „Viel Geld für eine alleinerziehende Mutter.“

Kilian wird am Donnerstag zehn Jahre alt – die Traumreise nach Ägypten platzte.
Foto: Berliner Zeitung / Volkmar Otto

Doch schwerer als die finanzielle Enttäuschung wiegt der Frust. „Meine zwei Kinder haben sich wahnsinnig darauf gefreut. Sie kamen am Freitag aus der Schule mit dem Gedanken, dass wir am Sonnabend in den Urlaub aufbrechen“, sagt sie. „Ursprünglich wollten wir sogar nach Griechenland, aber dann hieß es, man solle lieber Urlaub im eigenen Land machen. Theoretisch könnten wir jetzt also im Flieger mit 250 Leuten sitzen – aber ich verstehe nicht, warum das besser gewesen wäre.“ Hinzu kommt: Die ganze Familie arbeitet in systemrelevanten Berufen. Lina P. ist bei den Wasserbetrieben, ihre Mutter Krankenschwester, der Vater bei der Polizei. „Wir haben während der Pandemie gearbeitet – und nicht mit Hunderten Leuten im Park gefeiert.“

Trotzdem gibt es nun traurige Ferien, auch für Familie Ewert. Damit die Enttäuschung nicht ganz so groß ist, gibt es nun jeden Tag einen kleinen Ausflug mit den Kindern, denn auch Berlin hat eine Menge zu bieten. Am Mittwoch besuchten Mama und Kinder das Legoland am Potsdamer Platz – und zu Kilians Geburtstag soll es ins Ägyptische Museum gehen. „Da hat der Kleine zumindest die Chance, seinen geliebten Pyramiden ein kleines Stückchen näher zu kommen“, sagt Eileen Ewert.