Ulrike Feldhof ist ehrenamtliche Seelsorgerin der ökumenischen Corona-Hotline. 
Foto: Volkmar Otto

BerlinSteigende Corona-Infektionszahlen und die Diskussion um eine zweite Welle verstärken die Sorgen und Nöte der Menschen. Was tun, wenn alles zu viel wird? „Menschen benötigen ein offenes Ohr, einen anderen, der ruhig zuhört, der Hoffnung, Stärke und Trost gibt“, sagt Christian Stäblein, Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. „Barmherzigkeit ist eine Grundhaltung von Kirche“, ergänzt Berlins Erzbischof Heiner Koch. Mit einer Hotline möchten die Kirchen daher Ansprechpartner sein für Menschen, denen die Krise über den Kopf wächst. Seit März ist sie freigeschaltet, 1500 Anrufer haben sich laut eigener Erhebung bis Juni gemeldet.

„Niemand wusste, was auf uns zukommt. Wir hatten die Bilder aus Italien und Spanien im Kopf. Wenn uns das hier so erwischt, dürfen wir als Kirche nicht stumm bleiben, und schon gar nicht als Seelsorge“, erinnert sich Pfarrer Justus Münster an die Anfänge der Pandemie. Seit 15 Jahren leitet er die evangelische Notfall-Seelsorge in Berlin, ist dort vor Ort, wo die Verzweiflung der Menschen groß ist. Mit seinen Seelsorge-Teams war er am Breitscheidplatz nach dem Amri-Attentat und nach dem German-Wings-Absturz am Flughafen Tegel. Doch die Auswirkungen der Corona-Krise haben „eine andere, so noch nie da gewesene Qualität“. Schließlich könne jeder potenziell betroffen sein. Zudem unterscheide sich die Pandemie in ihrer zermürbenden Dauer und Entwicklung deutlich von anderen Katastrophen, so der Pfarrer.

Persönlicher Kontakt war plötzlich nicht mehr möglich

Auf neue Verhältnisse einstellen musste sich auch die Arbeitsweise der üblichen seelsorgerischen Anlaufstellen. Wegen der Einschränkungen war plötzlich der persönliche Kontakt mit den Menschen nicht mehr möglich. Im Schulterschluss bündelten Notfall-, Krankenhaus- und Telefon-Seelsorge zusammen mit den katholischen Einrichtungen ihre Kräfte und koordinierten eine gemeinsame Telefon-Hotline, mit großer Bereitschaft: Rund 70 ausgebildete ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter teilen sich momentan Schichten von 8 bis 24 Uhr.

Eine, die schon seit rund zwölf Jahren dabei ist, ist Seelsorgerin Gerlind Vespermann. Die Anrufe unterscheiden sich stark, das Spektrum reiche von Familienkrach bis zu suizidalen Krisen, erzählt sie. Eine Mutter von drei kleinen Söhnen rief sie zur Lockdown-Zeit an. „Der Kindergarten war zu, der Haushalt, die Kindererziehung, Druck vom Arbeitgeber und ein überforderter Ehemann waren einfach zu viel. Sie weinte 25 Minuten, danach ging es ihr besser.“ Zunächst gehe es darum, den Menschen ein offenes Ohr zu schenken und sie in ihren eigenen Ressourcen zu stärken. Bei gesundheitlichen und psychologischen Härtefällen könne aber auch an das Gesundheitsamt vermittelt werden. Doch meistens reiche den Menschen einfach jemand zum Zuhören, sagt Vespermann.

Einmal rief sie ein junger Mann von seinem Balkon im siebten Stock an, im Lockdown hatte sich seine Freundin von ihm getrennt, er wolle nun springen. Mit ruhiger, warmer Stimme erzählt Vespermann, wie sie den jungen Mann überzeugen konnte, den Balkon zu verlassen und sich stattdessen auf eine Parkbank zu setzen. „Ich bin immer wieder erstaunt, wie viel Nähe und Öffnung möglich ist, bei einem Telefon-Gespräch“, erzählt sie gerührt.

„Auffangbecken für alle, die durch die Raster fallen“

Im Moment seien es weniger Anrufe als zu Beginn der Krise, so Pfarrer Münster. Trieben anfangs fachliche Fragen zum Virus die Menschen um, so machten sich jetzt die seelischen Auswirkungen von Einsamkeit und Unsicherheit bemerkbar. „Wir sind das Auffangbecken für alle, die durch die Raster fallen. Die Angst haben, andere zu nerven mit ihren Ängsten“, sagt Ulrike Feldhoff, auch sie ist ehrenamtliche Seelsorgerin der ökumenischen Hotline. In den letzten Tagen verstärkte sich die Zahl der Anrufer, deren Zorn sich gegen die grassierende Nachlässigkeit im Umgang mit der Pandemie richtet, Maskenverweigerer und Rücksichtslose, für die die Krise bereits Vergangenheit ist. „Es ist nicht vorbei“, sagt Ulrike Feldhoff. Und: „Wir hören weiter zu.“

„Das Seelsorge-Angebot der Kirchen ist als präventive Maßnahme zu verstehen und gilt unabhängig des Glaubens allen Menschen, die einen Strohhalm brauchen zum Festhalten“, so Pfarrer Justus Münster. Er will die Corona-Hotline aber nicht als Prestige-Projekt der Kirchen verstanden wissen, „wir wollen uns damit nicht schmücken, andere machen denselben wichtigen Job.“

Corona Seelsorgetelefon – 403 665 885 ist täglich von 8 bis 24 Uhr kostenfrei und anonym erreichbar. Weitere Informationen gibt es auf www.c-st.berlin.de