Wirtin Monique M. in ihrer Kneipe Attenzione in der Oderbruchstraße.
Foto: Berliner Zeitung/Andreas Klug

BerlinSie gehören zu den größten Verlierern der Corona-Krise, konnten sich in den vergangenen Monaten nur leicht vom Lockdown erholen. Nun trifft es die Wirte, Bar-Betreiber und Gastronomen der Stadt erneut hart. Ab Sonnabend gelten wieder neue Regelungen, unter anderem eine Sperrstunde, die es verbietet, Bars und Kneipen zwischen 23 Uhr und 6 Uhr zu öffnen. Wer die Wirte in Berlin fragt, hört nach den neuen Entscheidungen des Senats überall vor allem zwei Dinge: Wut und bittere Enttäuschung.

Sie schlossen über Monate, sie öffneten wieder, sie investierten viel Geld in die Einhaltung der Hygiene-Maßnahmen, in Masken und Desinfektionsmittel-Spender. Immer in der Hoffnung, wieder Geld verdienen und die Krise so besser meistern zu können. „Wir haben getan, was wir konnten – und uns an alle Regeln gehalten“, sagt Enrico Adamowicz. „Wir haben Gästelisten geführt, in Hygiene investiert, Federn gelassen. Aber wofür?“

Enrico Adamowicz (46) ist der Chef des Pubs Cliffs of Doneen in der Husemannstraße.
Foto: Berliner Zeitung/Sabine Gudath

Der 46-Jährige ist Chef des kultigen Pubs Cliffs of Doneen, der seit 27 Jahren in der Husemannstraße in Prenzlauer Berg beheimatet ist. 1993 gründete sein Onkel den Laden, vor zwölf Jahren übernahm Adamowicz. Bisher lief das Geschäft meist gut, doch nun folgt eine Krise der nächsten. „Die Haupteinnahmezeit in unserem Pub liegt zwischen 23 Uhr und zwei Uhr in der Nacht“, sagt er. „Es ist klar, dass jetzt ein neuer finanzieller Einbruch entstehen wird.“ Nur nutzen werde das nichts, sagt der Wirt. „Die Partys werden einfach woanders stattfinden. Mir tun die Leute, die das alles kontrollieren müssen, jetzt schon leid.“

Gastronomen in Geiselhaft?

Auch bei Jörn Peter Brinkmann ist die Wut deutlich spürbar. Der 44-Jährige, Chef des Kult-Restaurants Ständige Vertretung (StäV) in Mitte, kocht. „Mit der Sperrstunde nimmt der Senat wieder einmal die Gastronomen in Geiselhaft. Denn die Regelung trifft hauptsächlich die Restaurants und auch die Hotels in Berlin.“ Und das völlig zu Unrecht, wie Brinkmann sagt. Denn nicht die Lokale seien schuld am Anstieg der Corona-Fallzahlen. Sondern illegale Partys, die gegen die Verordnungen verstoßen.

Jörn Peter Brinkmann, Chef des Kult-Lokals Ständige Vertretung.
Foto: Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

Seitdem bekannt ist, dass auch Mitte zu den Corona-Hotspots gehört, kommen schon weniger Besucher in die Ständige Vertretung, so Brinkmann. „Täglich nehme ich derzeit etwa 50 Prozent an Einnahmen weniger ein.“ Die Sperrstunde treibe Wirte nur weiter in den Ruin. Von einem befreundeten Bar-Besitzer weiß Brinkmann, dass dieser seinen Betrieb erst gar nicht öffnen wird. „Und das werden viele Bar-Betreiber so machen. Denn bei ihnen geht der Betrieb erst um 22 Uhr los“, sagt Brinkmann. Und was wird aus der StäV mit ihren 60 Mitarbeitern? „Wir müssen weiter ums Überleben kämpfen“, sagt der Wirt, der glaubt, dass die Sperrstundenreglung länger als drei Wochen in Berlin dauern wird. „Dann werden auch die Weihnachtsfeiern in den Lokalen nicht stattfinden. So wie es aussieht, kann ich schon jetzt dieses Geschäftsjahr abschreiben.“

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Auch Norbert Raeder (51), Chef des Kastanienwäldchens, ist bedient. „Wir waren gerade dabei, eine kleine Küche bei uns einzubauen. In den nächsten zwei bis drei Tagen sollte sie fertig sein – und plötzlich kommt die nächste Einschränkung“, sagt er. „Ich bin völlig fertig und könnte heulen. Ich begreife den Senat nicht mehr. Junge Menschen holen sich dann eben um 22 Uhr Alkohol und trinken trotzdem.“ In einer Kneipe könne man wenigstens auf die Gäste aufpassen – wer sich betrinkt, bekommt im Zweifel nichts nachgeschenkt. „Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll und habe Zukunftsangst“, sagt Raeder. „Wenn ich gewusst hätte, dass jetzt noch mal solche Einschränkungen kommen, hätte ich meinen Laden zu Beginn sofort dichtgemacht.“

Norbert Raeder kümmert sich um das Kastanienwäldchen.
Foto: Berliner Zeitung/Sabine Gudath

Unverständnis auch bei Monique M., der Wirtin der Stampe Attenzione in der Oderbruchstraße. „Machen wir uns nichts vor: Wir wissen doch, wann wir unser Geld verdienen“, sagt die 33-Jährige. „Genau in den Nachtstunden. Für uns bedeutet das: neue finanzielle Einbußen. Ich verstehe die Willkür der Behörden nicht – das Coronavirus ist doch nicht erst nach 23 Uhr aktiv!“ Nach der Verkündung des Senats stand ihr Telefon nicht mehr still. Kollegen riefen an, verzweifelt und hoffnungslos. „Viele haben sich vom ersten Lockdown noch gar nicht erholt“, sagt die Wirtin. „Wir haben uns krumm gemacht und alles umgesetzt, weil wir unsere Lokale erhalten wollten. Und jetzt das.“

Nur noch 20 Prozent des regulären Umsatzes – vor der Sperrstunde

Kneipen seien auch ein wichtiges soziales Netz. Im Attenzione gibt es Stammkunden, die gerade in der Nacht kommen, um nach dem Spätdienst oder der Nachtschicht abzuschalten. Um das Gespräch zu suchen, wenn sonst niemand mehr wach ist. Und momentan müsse man generell froh sein über jeden Gast, der sein Geld in ein Feierabendbier steckt. „Denn viele sind durch die Corona-Krise in die Kurzarbeit gerutscht oder haben ihre Jobs verloren. Das Geld sitzt nicht mehr so locker.“ Ein befreundeter Bar-Mann habe in der Zeit vor der neuen Sperrstunde nur noch 20 Prozent seines regulären Umsatzes gehabt. Es sei ein Kampf ums Überleben, sagt die Gastronomin.

In einer Sache sind sich Berlins Wirte allerdings einig – so war es und so wird es immer sein. Auch wenn die Situation hoffnungslos erscheint: Sie wollen durchhalten. „Es wird eng. Aber wir haben bisher überlebt, also werden wir versuchen, auch diese neue Krise zu meistern“, sagt Pub-Chef Enrico Adamowicz. Auch wenn es sich gerade nicht gut anfühle. „Wenn man nur arbeitet, um zu überleben, ist es kein Leben mehr.“