Eine leere Straße im Prenzlauer Berg.
Foto Sabine Gudath/imago images

BerlinAn einem Nachmittag in dieser Woche stand ich mit meiner Nachbarin im Garten und wir unterhielten uns über die Corona-Krise. Die Schulen waren dicht, die Kitas, viele Angestellte arbeiteten von zu Hause. Gottesdienste wurden untersagt, Grenzen geschlossen, viele Regale in den Supermärkten waren leer. „Siehst du, so schnell kann das gehen, und schon bist du wieder in der DDR“, sagte meine Nachbarin.

Sie stammt aus Brandenburg, hat die DDR aber nur als jüngeres Kind erlebt. Ich habe den Vergleich in den vergangenen Tagen öfter gehört, so stellen sich viele die DDR vor, die sie nicht oder nur wenig erlebt haben: leere Regale, Verbote, keine Reisefreiheit. Das ist einerseits verkürzt, ich kann mich zum Beispiel nicht daran erinnern, dass jemals das Klopapier knapp geworden ist. Andererseits trifft der Vergleich zu ’89 einen Punkt.

Es ist für die meisten Westdeutschen und viele Jüngere das erste Mal, dass sie so eine Krise am eigenen Leib erfahren, die alle Sicherheiten erschüttert. Da haben die älteren Ostdeutschen ihnen etwas voraus. Und es stimmt vielleicht sogar, was die Zeitung Die Welt neulich schrieb: Dass es gut ist, in dieser Zeit von einer Ostdeutschen wie Angela Merkel regiert zu werden. Sie war 35 Jahre alt, als die Mauer fiel und hat den Umbruch bewusst miterlebt. Sie kennt die Schwierigkeiten, aber auch die Möglichkeiten. Vielleicht redet sie auch deshalb angesichts der drastischen Einschränkungen des Lebens, die zur Eindämmung der Epidemie notwendig sind, nicht gleich vom Krieg wie der Franzose Emmanuel Macron und der Brite Boris Johnson.

Sicher: Man darf den Vergleich nicht überstrapazieren, 2020 ist nicht 1989, ein politischer Umsturz keine Epidemie. Trotzdem gibt es Parallelen. Wenn ich zum Beispiel Kurzarbeitergeld höre, das es jetzt wieder geben soll, muss ich gleich an meinen Vater denken und die vielen anderen, die ab Juli 1990 plötzlich viel Zeit hatten.

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Viele erlebten damals eine Krise, aber nicht wenige haben diese Krise im Laufe der Jahre auch gut überstanden. Sie haben gelernt, dass es wichtig ist, selbst aktiv zu werden, nicht zu erstarren oder in Apokalypse-Modus zu verfallen. Diese Erfahrungen sind jetzt wieder wertvoll und können Kräfte freisetzen. Im Moment ist es nur ein Gedankenspiel, aber vielleicht kann man sich in der Krise noch mal anders zwischen Ost und West begegnen, vielleicht ist es grad weniger wichtig, wie viel einer mal erbt, wie demokratieerfahren jemand ist, vielleicht zählen in der Zeit der Einschränkungen eher andere Erfahrungen und Fähigkeiten.

Wer einmal einen Umbruch mitgemacht hat, hat Erfahrungen damit, wie es ist, gefühlsmäßig diese Unsicherheit durchzuhalten. Ich sehe es im Kleinen: Ich erlebe Nachbarn, die sich gegenseitig stützen. Oder die Chefin eines Kosmetiksalons, die gerührt davon berichtet, wie ihre Kunden ihr helfen, Produkte bestellen, Gutscheine kaufen, ihr Mut machen.

Schon zeigt sich, dass die Krise, bei aller Unsicherheit und all den Alltagssorgen, schon manches ermöglicht hat, was vorher unerreichbar schien: großzügige Homeoffice-Regelungen, Väter, die mehr Hausarbeit übernehmen. Es werden bestehende ungerechte Strukturen infrage gestellt: Wie kann es sein, dass Berufe, die als systemrelevant gelten, durchweg schlecht bezahlt sind, wie zum Beispiel Krankenpflege? Darüber sollte diskutiert werden. Nach der Krise. Und es wird ein Danach geben.