Für Bestattungen gibt es wegen der Corona-Maßnahmen strenge Regeln.
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BerlinDie Sonne scheint, die Bergmannstraße in Kreuzberg ist trotz der Ausgangsbeschränkungen belebt. Von weitem sehen wir Kaplan P. kommen, wir sind mit ihm verabredet. Als er näher kommt, grüßen wir einander und verzichten selbstverständlich auf einen Handschlag, obwohl doch kirchlicher Beistand gerade in dieser Situation eine gewisse Nähe erfordert. 

Kaplan P. soll die Feier der Beerdigung unserer Mutter durchführen, tagelang war ungewiss, ob die Begräbniszeremonie überhaupt werde stattfinden können. Bereits vor Verkündung strenger Ausgangsregelungen hatte die Kreuzberger Friedhofsverwaltung beschlossen, nur noch Bestattungen mit maximal 10 Personen zuzulassen.

Im engsten Familienkreis, hatte uns das Bestattungsunternehmen versichert, werde es wohl möglich sein. Nach ein paar Tagen erreichten uns immer wieder neue Informationen. Wir sahen uns gezwungen, Variationen des Aufschubs durchzuspielen. Doch eine Verbrennung und Urnenbestattung später? Der Bestatter brachte die Möglichkeit ins Spiel, den Leichnam vorrübergehend einzufrieren. Das wäre preiswerter als monatelange Kühlung.

Pietätlos? Rational? Was tun? Einfach abwarten? Am Ende waren wir froh, dass der ursprünglich festgelegte Termin gehalten werden konnte. Die auswärtigen Gäste hatten ausnahmslos absagen müssen. Für den Enkel aus München galt ein strenges Reiseverbot. Also waren wir sechs Personen, die Söhne, die Schwiegertöchter, die Enkelin und ein Freund der Familie. Wir nickten uns zu, auf Abstand spricht es sich anders, förmlicher.

Das Bestattungsunternehmen umfasste insgesamt fünf Personen, mit dem Kaplan waren wir also bereits zwölf. Wir hatten uns in eine Liste einzutragen, wegen der später womöglich notwenigen Nachvollziehbarkeit. Hat jemand einen Stift dabei? Und darf man den einfach so weitergeben?

Keine Messe, keine Rede, keine Trauerfeier

Eine kleine Rede, die ich vorbereitet hatte, blieb ungehalten. Eine vorgesehene Messe in der Friedhofskapelle fand nicht statt. Die Friedhofsverwaltung konnte also den Organisten einsparen, eine Person weniger. Auf dem Sarg waren Blumengestecke ausgerichtet, die Mitarbeiterin des Bestattungsunternehmens war untröstlich gewesen, die Zeremonie unter eingeschränkten Bedingungen durchführen zu müssen. Das sei auch für sie schlimm. Irgendwann setzte sich der kleine Zug in Bewegung, und angesichts der Sargträger musste ich an Quentin Tarantinos Film „Reservoir Dogs“ denken, eine skurrile Gesellschaft begab sich langsam auf einen kurzen Weg.

Kaplan P. sprach Gebete, wir murmelten das „Vater unser“. Er besänftigte uns, Schwester Margarete sei nun auf dem Weg zu Gott. Hatte dieser sich das hier alles wirklich für uns ausgedacht? Der Friedrichswerdersche Friedhof war urig-verschlafen in Sonnenlicht getaucht, ich versuchte, mir einzureden, dass davon ein besonderer Charme ausgehe.

Als alle Blumen ins Grab geworfen und alle Gebete gesprochen waren, ließ Kaplan P. uns mit einem freundlichen Nicken zurück, auch die Mitarbeiter verabschiedeten sich still. Wir standen noch minutenlang wortlos am offenen Grab unserer Mutter. Coronakrise, das Leben geht weiter. Etwas mehr als 30 Minuten habe es gedauert, gab die Enkelin nach einem Blick auf ihr Mobiltelefon zu Protokoll.

Draußen auf der Bergmannstraße gingen Mütter und Väter mit ihren Kindern vorbei. Ein Freitagmorgen in Berlin. Was anfangen mit dem Tag? Eine Trauerfeier, ein stilles Beisammensein konnte nicht mehr stattfinden. Es wäre an diesem Morgen auch keine gute Idee gewesen.