Fernbeziehungen sind auf geregelte Mobilität angewiesen. In Zeiten von Corona ist das nicht mehr so einfach. 
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BerlinDer Koffer steht noch halb gepackt im Wohnzimmer, die Reise habe ich nicht angetreten. Ich wollte zu meiner Mutter fahren, sie wohnt in Süddeutschland, in knapp sechs Stunden kann ich bei ihr sein, wenn ich den ICE nehme. Doch bei dem Gedanken an die Reise, die Ansteckungsmöglichkeiten, war uns beiden immer mulmiger geworden.

Wir telefonierten. Meine Mutter zitierte Angela Merkel mit dem Satz, man solle soziale Kontakte auf das unbedingt Nötige beschränken. Meine Mutter ist 83 Jahre alt, sie lebt allein, kann also Unterstützung und Gesellschaft brauchen. Aber unbedingt nötig?

Corona zeigt uns alles Mögliche in diesen Tagen

Meine Mutter hat wohl eher Angst, ich könnte mich an ihrem Tod schuldig fühlen, als vor dem Tod selbst. „Du musst dann denken, dass ich mich auch beim Einkaufen angesteckt haben kann“, sagte sie immer wieder. Vielleicht war es dieser Satz, der mich dazu brachte, ihr zu sagen, dass ich besser in Berlin bliebe. „Damit machen wir keinen Fehler“, sagte meine Mutter.

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Das Coronavirus zeigt uns alles Mögliche in diesen Tagen. Wie egoistisch wir sind, wenn wir im Supermarkt hamstern, und wie sehr andererseits bereit, anderen zu helfen und sie aufzumuntern: beim Einkaufen, bei der Kinderbetreuung, durch gestreamte Lesungen und Hauskonzerte. Wir merken, wie schwer es ist, Ungewissheit auszuhalten, und wie gern wir in Gesellschaft sind, gerade jetzt. Und nicht zuletzt macht   uns das Leben mit dem Virus die entgrenzten familiären und freundschaftlichen Bindungen bewusst, in denen wir leben.

Meine Eltern blieben an dem Ort, an dem sie geboren sind, und damit in der Nähe ihrer Eltern. Das war bei vielen in dieser Generation so. In meinem Freundeskreis aber gibt es nicht besonders viele, die in Berlin geboren sind. Die Eltern sind über ganz Deutschland verstreut. Das wurde bisher höchstens thematisiert, wenn die Enkel kamen und wir dachten, wie schade es ist, dass die Großeltern so weit weg sind. Wir fuhren dann eben in den Ferien hin.

Liebesbeziehung wohl kein „triftiger Grund“

In der mobilen Lebens- und Arbeitswelt gibt es auch Paare, die nicht am selben Ort leben, manchmal nicht einmal im selben Land oder auf demselben Kontinent. Vor ein paar Stunden schrieb mir eine Freundin, sie und ihr Freund würden sich nun einige Zeit nicht mehr sehen. Er lebt in der Schweiz. Von dort dürfen nur noch Menschen nach Deutschland einreisen, die einen „triftigen Grund“ haben, wie es der Innenminister ausdrückte. Eine Liebesbeziehung zählt wohl nicht dazu. Der Mann einer anderen Freundin arbeitet in den USA. Er könnte zwar nach Deutschland zurück, käme aber dann nicht mehr an seinen Arbeitsplatz.

Mobilität war so selbstverständlich, dass wir gar nicht darüber nachdachten, oder höchstens in Bezug auf die CO2-Last, die ein Flug, eine Zug- oder Autofahrt bedeuten. Wer hätte sich noch vor einer Woche geschlossener Grenzen innerhalb von Europa vorstellen können? Jetzt sind sie bittere Realität.

Meine Schwester und ihr Sohn sitzen im Hausarrest in Spanien, wann wir uns wiedersehen, weiß gerade keiner. Meine Tochter macht ein Austauschjahr in England. In dem Städtchen am Meer, in dem sie lebt, gibt es noch keinen Corona-Fall. Boris Johnson hält die Schulen offen, vor dem Kind liegen die schönen Monate, die nach der ersten harten Zeit der Eingewöhnung in der Fremde kommen. Aber die Sorge für sie haben jetzt andere.

Wissenschaftler: Müssen uns auf Marathon einstellen

„Wir kommen da zusammen durch“, lautete die Nachricht ihres Betreuers. Die Gastmutter mailte, sie würde mehrmals täglich die Oberflächen in der Wohnung desinfizieren. Was aber, wenn das Virus auch dort angekommen ist, was, wenn der Flugverkehr zum Erliegen kommt? Ob es überhaupt noch Flüge von Manchester nach Berlin gibt, lässt sich derzeit nicht feststellen. Die Webseite der Airline ist unter dem Ansturm Abreisewilliger zusammengebrochen. „Access denied“, heißt es immer wieder. „Zugang verweigert.“ Das fasst die Lage gut zusammen.

Die Wissenschaftler sagen, diese Pandemie sei kein Spurt, sondern wir müssten uns auf einen Marathon einstellen. Für Fernbeziehungen jeglicher Art ist das eine schwere Zeit.