Die Clubs - hier das Matrix in Friedrichshain - bekamen am Samstagabend als erste Besuch von der Polizei. Die meisten hatten - anders als die Kneipen - aber schon tags zuvor freiwillig geschlossen.
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Berlin„Einmal Corona-Shots für alle!“, ruft Kevins Kumpel und lacht. Doch die Dreiergruppe muss warten: Die Rockbar in der Simon-Dach-Straße, in die die Endzwanziger kurz nach Mitternacht gut gelaunt und angeschwipst stolpern, ist voll und heiß. Eigentlich hat der Berliner Senat um 17.30 Uhr eine Corona-Krisen-Verordnung erlassen, die bisher strengste in Deutschland, nach der alle Bars, Kneipen, Clubs, Spielhallen und auch Fitnessstudios schließen müssen. Mit sofortiger Wirkung.

Sieben Stunden später zapfen die zwei Bedienungen in der Simon-Dach-Straße in Friedrichshain hinter dem Tresen noch ein Bier nach dem anderen. Dutzende Leute sitzen auf hohen Barhockern oder stehen, dicht an dicht. Zigarettenqualm füllt die Luft. Die Musik ist laut. Damit man den anderen über die dröhnenden Rocksongs versteht, muss man sich nahe kommen, sich direkt in die Ohren rufen.

„Bleibt zuhause!“

Sonst ganz normales Nachtleben in Berlin. Und alles, wofür diese Stadt sich preist: Freizügigkeit, internationale Vernetzung, Unangepasstheit. In Corona-Zeiten: der Horror.

Seit Wochen schon rufen Experten weltweit sowie deutsche Politiker angesichts der Corona-Krise eine verzweifelte Bitte aus: Bleibt zuhause. Meidet große Menschenmengen. Reduziert eure direkten sozialen Kontakte auf das Allernötigste.

„Social Distancing“ heißt das Schlüsselwort. Auf Distanz zueinander gehen, um Ansteckungen zu vermeiden. Beim Coronavirus ist das so wichtig, wichtiger als bei einer Grippe-Infektion zum Beispiel, weil das Virus so neuartig, noch nicht behandelbar und noch schwer durchschaubar ist. Und weil die Infektionsrate so hoch ist, dass laut Robert Koch-Institut vom Freitag auch in Deutschland nicht auszuschließen ist, dass die Krankenbetten und Beatmungssysteme irgendwann nicht mehr für alle reichen.

In Italien hat weniger das Virus selbst als das unter der Zahl der Patienten zusammenbrechende Gesundheitssystem in wenigen Wochen mehr als 1.800 Todesopfer gefordert – 24.747 Menschen haben sich mit dem Virus infiziert. Es sind vor allem die Risikopatienten, die sterben: Alte, an Diabetes oder an Krebs Erkrankte.

Schluss mit Nachtleben, Körperkultur, Sexgewerbe

Um italienische Zustände zu vermeiden, hat die Bundesregierung die Losung ausgegeben, die Bundesländer sollten alles tun, um die Verbreitung des Coronavirus‘ einzudämmen. Der Berliner Senat reagierte am Freitag erst zögerlich und intransparent in der Kommunikation, mit einem mürrischen, wenig aufschlussreichen Auftritt des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller (SPD) am frühen Abend. Clubs, Bars und Kneipen sollten noch offen bleiben, hieß es da von Müller, man wolle sie erst am Dienstag schließen.

Kritik brauste auf, FDP-Chef Sebastian Czaja nannte das Vorgehen des Senats „verantwortungslos“, in den sozialen Netzwerken wiesen im Laufe der Freitagnacht viele darauf hin, dass in ihrer Straße Hunderte in Bars, Kneipen und auf Privatpartys feierten.

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Nach Stunden der Krisensitzung am Samstag veröffentlichte der Senat überraschend die Corona-Krisenverordnung, die in das Leben der Berliner eingreift wie in Jahrzehnten kein Gesetz zuvor. Sie macht Schluss mit jedem Nachtleben, mit Körperkultur in Fitnessstudios, mit dem Sexgewerbe in den Bordellen. Imbisse und Restaurants dürfen eigentlich nur noch geöffnet bleiben, wenn sie für einen Mindestabstand von 1,5 Metern zwischen ihren Gästen sorgen.

Mit Veröffentlichung um 17.30 Uhr wurde die Verordnung rechtskräftig. Die Polizei durchkämmte danach mit allen verfügbaren Kräften die gesamte Stadt, schloss erst alle Clubs, dann ein Teil der Kneipen sowie einige Fitnessstudios und steuerte auch Restaurants an, um deren Besitzer über die neuen Regeln des Senats zu informieren.

„Social Distancing“ ist Bürgerpflicht

„Social Distancing“ ist in Berlin jetzt keine Bitte mehr. Es ist eine Bürgerpflicht. Eine Bürgerpflicht allerdings, die dem Berliner Lebensgefühl, dem Image der Metropole, komplett zuwiderläuft.

Es stellt sich an diesem Abend nicht nur die Frage, ob die Wirte überhaupt informiert und gewillt sind, ihre Existenzgrundlage zu verrammeln. Es stellt sich vor allem auch die Frage, ob die Berliner, um Leben zu retten, gewillt sind, loszulassen – von ihrer Freiheit, ihrer Gewohnheit.

Die Polizei hat die Simon-Dach-Straße bereits einmal abgefahren und zur Schließung aufgefordert. Nur Restaurants haben noch geöffnet. Alle Bars und Kneipen sind der Aufforderung gefolgt, fast überall sind die Fenster dunkel.

Nur in die Rockkneipe kommen jetzt alle, die anderswo von der Polizei herausbefördert wurden. Und das aus der gesamten Stadt: Auf Facebook haben sich sofort Gruppen gebildet, in denen Tipps gepostet wurden, wo noch das letzte Bier vor der Schließung zu haben ist.

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Kevin: „Ich gehöre nicht zur Risikogruppe“

Kevin - blondes Haar, blaue Augen, Fliegerjacke - ist 27, Handwerker. Er lebt in Lichtenberg, aber die Simon-Dach-Straße ist „seine Hood“. Er kommt gerade aus seiner Stammkneipe direkt um die Ecke, wo er fast jedes Wochenende versackt. „Die Leute, die jetzt alle ihre Jobs verlieren, Mann, das ist doch Scheiße“, sagt Kevin.  

Wir gehen vor die Tür, drinnen ist es zu laut. Kevin erklärt, dass er über Corona Bescheid weiß. Er wisse, dass seine Großeltern zur Risikogruppe gehören. Dass sie im Falle einer Corona-Erkrankung ein erhöhtes Risiko haben, zu sterben. Dass das Virus ihm selbst vermutlich wenig anhaben wird, er aber eigentlich zuhause bleiben soll, um Menschen wie seine Großeltern zu schützen.

Er hält die Maßnahmen des Berliner Senats für vernünftig. Trotzdem, sagt er, will er sich nicht für fünf Wochen lang zuhause einschließen.

„Man kann sagen, ich bin egoistisch“, sagt Kevin. „Man kann aber auch sagen: Ich gehöre nicht zur Risikogruppe.“ Seine Großeltern will er schützen, in dem er sich nicht mit ihnen trifft. „Ich will auf keinen Fall, dass ihnen etwas passiert.“ Und andere Menschen im Alter seiner Großeltern, denen er in seinem Alltag begegnet? Kevin zuckt die Achseln. „Ich hab halt auch mein Geld“, sagt er.

Er verweist auf den Wirt seiner Stammkneipe, auf die Taxifahrer, auf seine Freunde, die selbstständig in der Gastronomie oder Unterhaltungsbranche arbeiten und nun arbeitslos werden. „Ich sehe die Existenzen, die hier auf dem Spiel stehen.“ Die Bundesregierung, findet Kevin, habe die Pflicht, einzuspringen, müsse jetzt auf die „Schwarze Null pfeifen“ und aushelfen, wie sie es ständig bei Banken tue.

Polizei: „Großes Wohlwollen und Entgegenkommen“

Hinter den Tresen in der Simon-Dach-Straße stehen am Samstag nie die Eigentümer, sondern ihre weiblichen Angestellten. Die aber streichen mit großer Dankbarkeit die letzten, großzügigen Trinkgelder ihrer Gäste ein. Reden wollen sie nicht, sie wissen, dass jeder, der jetzt noch geöffnet hat, eigentlich eine Straftat begeht. Das hat für sie die dramatischsten Konsequenzen – ebenso wie für den Taxifahrer, der von Umsatz-Einbrüchen von „80 bis 90 Prozent“ in den vergangenen zwei Tagen spricht. Am Montag wird er sich beim Arbeitsamt melden.

Bis 1.30 Uhr meldet die Polizei 200 durchsuchte Örtlichkeiten – Clubs, Bars, Kneipen, Fitnessstudios. 63 Lokale müssen die Beamten schließen. Friedlich, wie die Polizei betont. „Keinerlei Widerstand“, so eine Sprecherin. „Wir begegnen großem Wohlwollen und Entgegenkommen.“

Das RAW-Gelände gleich an der Simon-Dach-Straße liegt da schon lange in Dunkelheit. Eine kleine Gruppe junger Männer auf Clubsuche kommt mir entgegen, ruft: „Vergiss es!“ Dahinter fährt im Schritttempo: ein Mannschaftswagen der Polizei.

Bitte wählen Sie nicht den Notruf

Um die große Zahl der plötzlich verbotenen Orte in der Hauptstadt zu kontrollieren braucht es etwas Zeit. Es gibt laut Clubcommission alleine 280 Clubs. Die Polizei schaffte am Samstagabend bis 1.30 Uhr 200 „Örtlichkeiten“ - vor allem Clubs, Kneipen und Fitnessstudios - und betont: Die Kontrollen werden strategisch weitergehen. Die Polizei bittet darum: Wählen Sie nicht den Notruf, wenn Sie offene Lokale oder Restaurants sehen. Sie steuere nach und nach alle Lokalitäten, Fitnessstudios, Spielhallen etc. in der Stadt an.

Supermärkte bleiben weiterhin geöffnet. Senat und Supermarktketten melden: Es gebe keinen Grund für Hamsterkäufe. Trotz der erhöhten Nachfrage gebe es keine Nachschubprobleme.