Obdachlose am Hauptbahnhof.
Foto: Ostkreuz/Sebastian Wells

BerlinEnde März ging ich über die Oranienburger in Richtung Friedrichstraße und spürte eine körperliche Irritation, bis ich begriff: Es gab keine Geräusche, weil es keine Menschen gab, keine Autos, keine Straßenbahnen. Die Ampeln wechselten die Farben ohne Verkehr. Die Riesenkräne, die sich von der Baustelle neben dem alten Tacheles bis über die Straße ausstrecken, standen still. Ich war allein auf der Welt.

Dann kam die Postfrau aus einem Hausflur und stieg auf ihr Fahrrad, ein Kind weinte am offenen Fenster. Die absolute Einsamkeit war wie ein verstörender kurzer Traum gewesen.

Ich erinnere mich, dass ich als Kind im Kino Astra in der Chausseestraße einen dänischen Film gesehen habe – „Palle allein auf der Welt“: Palle, ein kleiner Junge, wacht eines Morgens auf. Die Wohnung ist leer, draußen sind alle Menschen verschwunden. Er kann machen, was er will – fährt mit einer Straßenbahn durch die Stadt, klaut aus Geschäften Berge von Süßigkeiten, probiert im Kaufhaus die Spielsachen durch. Auf einem Spielplatz warten die Klettergerüste und Schaukeln nur auf ihn. Schon toll. Aber auch sehr einsam. Dann wacht Palle aus dem Traum auf und sieht sich erleichtert um.

Alles ist wie vorher.

Das Buch zu diesem Film war 1942 erschienen, mit der Übersetzung in 30 Sprachen gilt es weltweit als Kinderbuchklassiker. Der Autor Jens Sigsgaard (1910–1991) war Psychologe. Er wird sich auch mit Träumen ausgekannt haben, neben denen die Traumata siedeln. Ich wache manchmal morgens auf und glaube, von Corona nur geträumt zu haben. Aber dann ist kaum etwas wie vorher.

Als hätte sich ein Zustand enthüllt. Man sieht die Armut deutlicher, jedenfalls hier in Mitte. Sie schläft im Gebüsch, sie liegt als Gruppe junger Männer an den Eingängen zur U-Bahn. Auf dem Alexanderplatz bittet eine sorgfältig gekleidete ältere Frau um Geld für Essen. Die Bettler tragen nicht aus modischen Gründen zerrissene Hosen. Manche laufen mit nacktem Oberkörper herum, nicht weil sie durchtrainiert, sondern weil sie betrunken sind.

Die Resignation zeigt sich als Stillstand. Immer mehr Läden sind zu vermieten, bei einem Geschäft hängt ein Schild: „Mittelstand ist der Stand, der keine Mittel fand.“ Die Zeiger der großen Uhr vor dem Kino Cubix bewegen sich nicht. Aber das ist schon länger so.

In meiner Straße dürfen nur Anwohner parken, die Plätze waren trotzdem immer besetzt. Seit Wochen bleiben Lücken. Wo sind die Anwohner mit ihren Autos hin? Wo sind eigentlich die eleganten Frauen, die von weitem nach gutem Parfüm zu riechen scheinen? Und die Männer mit der Aura von Macht? Zieht sich eine besserverdienende Schicht auf ihre Gartengrundstücke zurück?

Immerhin kommen andere interessante Lebewesen. In den Bäumen vor meinem Fenster singen Vögel, deren schöne Stimmen ich nicht kenne. Im Monbijoupark trottet ein kleiner Fuchs über die Wiese, ein Kaninchen versteckt sich in der Dircksenstraße unter einem parkenden Polizeiauto. Nur Wildschweine sehe ich hier keine. Am 18. Mai musste die Polizei in Zehlendorf eine Straße sperren, um eine Rotte von 30 Tieren durch den Verkehr zu führen. Die meisten Wildschweine laufen in Zehlendorf rum, das ist eine bessere Gegend. Wildschweine sollen ja sehr schlau sein.